Stand: 24.02.2021 06:36 Uhr

Was macht den "Abu Walaa"-Prozess so bedeutend?

Der Angeklagte Ahmad A. verdeckt im Oberlandesgericht Celle sein Gesicht mit der Kapuze seines Pullovers. © picture alliance/dpa | Ole Spata Foto: Ole Spata
Der angeklagte Ahmad A. gilt als Anführer der IS in Deutschland.

Er gilt als wichtigster Prozess gegen Islamisten in der Bundesrepublik. Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Anführer des IS in Deutschland vor dem Oberlandesgericht in Celle - es soll heute enden nach dreieinhalb Jahren. Der Hauptangeklagte war Prediger in Hildesheim, das deshalb sogar zu einem bundesweiten Hotspot der Islamistenszene geworden war. NDR Reporterin Angelika Henkel hat den Prozess beobachtet.

Warum ist der Prozess und warum ist das Urteil so bedeutend?

Das Urteil könnte ein Meilenstein werden - denn hier geht es nicht um die typischen IS-Rückkehrer. Der Hauptangeklagte Ahmad A., mit dem Szene-Namen "Abu Walaa" bekannt, der soll laut Bundesanwaltschaft einen direkten Draht vom niedersächsischen Hildesheim aus zur Terrormiliz IS nach Syrien gehabt haben. Ein Mann von enormer Strahlkraft für die islamistische Szene, mit dem auch der Berliner Attentäter Anis Amri zu tun hatte. Er und die anderen drei Mitangeklagten sollen hier Menschen radikalisiert und dann zur Ausreise nach Syrien verholfen haben.

Der Prozess hat dreieinhalb Jahre gedauert, 245 Tage, mehr als 120 Zeugen sind gehört worden. Kosten: mehr als zehn Millionen Euro. Warum hat der Prozess so lange gedauert?

Der wohl wichtigste Grund: Die Beweisführung stützte sich vor allem auf Zeugen. Die wichtigsten von ihnen waren selbst in der Szene aktiv gewesen und versprachen sich möglicherweise von ihrer Aussage einen Bonus in eigener Sache. Das machte die Beweisführung herausfordernd. Doch im Verlauf des Prozesses meldeten sich weitere Zeugen - am Ende hat sogar einer der Mitangeklagten gegen "Abu Walaa" ausgesagt.

Eine Vertrauensperson der Polizei durfte nicht aussagen. Welche Rolle spielt das?

Diese Vertrauensperson - genannt VP01 - ist ein wichtiger Zeuge. Als bezahlter Spitzel drang VP01 im Auftrag der Polizei bis zum innersten Kreis vor, auch bis zum Attentäter Anis Amri. Aber: Das Innenministerium in Düsseldorf verbot VP01 bis zuletzt im Prozess auszusagen. Das Argument: Ein Auftritt könnte für den Mann zu gefährlich sein. An seiner Stelle nahmen Polizeibeamte auf dem Zeugenstuhl in Celle Platz. Die Verteidigung sieht das sehr kritisch.

Was ist da heute zu erwarten?

Die Bundesanwaltschaft hat für "Abu Walaa" elfeinhalb Jahre gefordert. Seine Verteidiger fordern dagegen einen Freispruch - sie sehen die Vorwürfe als nicht belegt an und stellen die Glaubwürdigkeit der Zeugen in Frage. Der Senat des Oberlandesgerichtes in Celle hat bereits während der Verhandlung durchblicken lassen, dass am Ende hohe Haftstrafen stehen könnten.

Weitere Informationen
Vor dem Oberlandesgericht Celle steht ein bewaffneter Polizist, der den Prozess gegen Abu Walaa sichern soll. © dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata

"Abu Walaa"-Prozess vor Ende - Urteile für Mittwoch erwartet

Dem mutmaßlichen Islamisten-Rekrutierer drohen elfeinhalb Jahre Haft. Neben ihm stehen drei Mitangeklagte vor Gericht. mehr

Abu Walaa (rechts), mutmaßlicher Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat in Deutschland, steht mit bedecktem Kopf in einem Gerichtssaal des Oberlandesgerichts und spricht mit seinem Verteidiger Peter Krieger. © dpa-Bildfunk Foto: Holger Hollemann

Letztes Wort im IS-Prozess: Angeklagter schweigt

Das Oberlandesgericht Celle will die Urteile gegen "Abu Walaa" und drei Mitangeklagte in der kommenden Woche verkünden. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 24.02.2021 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Obdachlose warten auf eine Impfung in Hannover. © NDR

Diakonie impft Wohnungslose in Hannover gegen Corona

250 Menschen sind am Donnerstag geimpft worden. Der Andrang war groß, weitere Termine sollen folgen. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen