Stand: 07.04.2018 19:20 Uhr

Tödliche Hundebisse: Stadt räumt "Versäumnis" ein

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Der Staffordshire-Terrier-Mischling hätte seinem Besitzer schon vor Jahren weggenommen werden müssen, heißt es von der Stadt.

Im Fall der tödlichen Beißattacke eines Hundes sind weiter viele Fragen offen: War die Familie der Haltung des mutmaßlich aggressiven Tieres gewachsen? Warum sah der Tierschutzverein trotz Hinweisen auf die Aggressivität bei zwei Besuchen keinen Anlass zur Sorge? Klar ist: Die Stadt Hannover hat Fehler eingeräumt. Im Jahr 2011 habe es einen Hinweis des Amtsgerichts Hannover gegeben, "der die Begutachtung des Tieres erforderlich gemacht hätte", teilte die Stadt am Freitagabend mit. Der Hund hatte in Hannover eine 52 Jahre alte Frau und ihren 27-jährigen Sohn totgebissen.

Steffordshire Terrier Chiko

Hundeattacke: Tier wird eingeschläfert

Hallo Niedersachsen -

Die Staatsanwaltschaft hat den Obduktionsbericht zu der Hundeattacke in Hannover vorgelegt. Danach hat der Staffordshire-Terrier Mutter und Sohn getötet. Er wird eingeschläfert.

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Begutachtung des Hundes bleibt aus

Diese Begutachtung sei jedoch unterblieben. "Sie hätte nach jetzigen Erkenntnissen dazu geführt, dass dem Halter die Haltung dieses Tieres untersagt worden wäre", heißt es weiter. Derzeit werde untersucht, "wie es zu diesem Versäumnis kommen konnte und inwiefern rechtliche Konsequenzen zu ziehen sind". Einzelheiten werde man am Montag bekannt geben. Klar ist: Es gab einen Fehler. Nur: Wo lag er?

Keine Hinweise in den letzten fünf Jahren

Zuvor hatte die Stadt mitgeteilt, der Staffordshire-Terrier-Mischling namens "Chico" sei weder der Polizei noch der Stadtverwaltung als gefährlich bekannt gewesen. "Bei der Prüfung, ob bei der Stadt Erkenntnisse vorlagen, dass hier ein gefährlicher Hund gehalten wurde oder ob Hinweise Dritter dazu eingegangen sind, wurde zunächst ein Zeitraum der zurückliegenden rund fünf Jahre geprüft", erklärte Stadtsprecher Udo Möller am Freitagabend. "In dieser Zeit gab es keinerlei solche Hinweise." Nun seien aber auch länger zurückliegende Zeiträume geprüft worden - 2011 wurde man fündig.

Hund zum Schutz vor Ex-Mann angeschafft?

Unterdessen deutet immer mehr darauf hin, dass die Familie mit dem Hund überfordert war. Die 52-Jährige war offenbar pflegebedürftig, ihr Sohn schwer krank. Nach Medienberichten war die Frau vor mehr als zehn Jahren von ihrem Ex-Mann mit einer Axt attackiert worden. Der wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, bedrohte im Prozess aber die Frau und ihre Kinder. Hatte sich die Familie den Hund zum Schutz vor dem Mann zugelegt?

"Mit dem Hund wohl nicht zurechtgekommen"

Der 27-jährige Sohn jedenfalls hatte das Tier in einem Metallkäfig in seinem Zimmer gehalten und Nachbarn zufolge nur selten spazieren geführt. Die beiden Opfer seien mit dem Hund wohl überhaupt nicht zurechtgekommen, sagte Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover. Mithilfe einer toxikologischen Untersuchung solle noch geklärt werden, ob die Opfer zum Beispiel Medikamente genommen hatten, sagte Klinge.

Inspektorin stellt nichts Ungewöhnliches fest

Auch der Tierschutzverein Hannover muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Hat er die Situation falsch eingeschätzt? Trotz der Haltungsbedingungen, dem Gesundheitszustand der Halter und der von Nachbarn berichteten Aggressivität sah er keine Auffälligkeiten. Eine Tierschutzverein-Inspektorin sei 2014 und 2016 bei der Familie gewesen, nachdem besorgte Nachbarn gemeldet hatten, der Hund sei wohl in einem Zimmer eingesperrt, belle ständig und mache auf dem Balkon sein Geschäft, sagte der Geschäftsführer des Tierschutzvereins Hannover, Heiko Schwarzfeld. Bei beiden Besuchen habe der Hund zwar laut gebellt und sei weggesperrt worden, das sei aber nicht ungewöhnlich. Hinweise auf Vernachlässigung seien nicht festgestellt worden.

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Obduktion bestätigt tödliche Bisse

Die Leichen der 52-Jährigen und des 27-Jährigen waren in der Nacht zu Mittwoch in einer Wohnung im Stadtteil Groß-Buchholz gefunden worden. Die Obduktion am Freitag ergab, dass die Frau und ihr Sohn zweifelsfrei von ihrem Hund getötet wurden. An beiden Leichen wurden laut Polizei und Staatsanwaltschaft Bissverletzungen gefunden, die mit dem damit verbundenen Blutverlust todesursächlich waren, hieß es. Bereits eine erste Untersuchung durch einen Rechtsmediziner vor Ort in der Wohnung hatte darauf hingedeutet. Warum es zu dem Vorfall kam, ist aber weiter unklar.

Hund wird "zeitnah" eingeschläfert

Der Hund soll nun eingeschläfert werden. Nach Angaben von Stadtsprecher Möller vom Freitagnachmittag soll dies "definitiv zeitnah" geschehen. Derzeit ist der Hund in einem Tierheim in Quarantäne untergebracht. Von dort heißt es, er verhalte sich ruhig.

Hund nicht als gefährliches Tier bekannt

Nach Angaben der Stadt hatten die Halter den Hund angemeldet - allerdings nicht als "gefährlichen Hund", wie es in der Steuersatzung heißt, sondern als normalen Hund. Vermutlich, weil Halter für solche Tiere deutlich weniger Steuern zahlen. Bei fast 16.000 Hunden in der Stadt könne man nicht jede einzelne Anmeldung überprüfen, sagte der Sprecher. Niedersachsenweit gelten 460 Hunde als gefährlich. Mit 130 Hunden sind die meisten davon Mischlinge, gefolgt von Deutschen Schäferhunden (52), American Staffordshire Terriern (30) und Staffordshire Bullterriern (2).

Schwester des Toten rief die Polizei

Wie ein Polizeisprecher NDR 1 Niedersachsen sagte, hatte die Schwester des 27-Jährigen den Mann in der Nacht zu Mittwoch nicht erreichen können. Daraufhin fuhr sie zu der Wohnung und sah ihren blutüberströmten Bruder durchs Fenster. Sie rief die Polizei und warnte vor einem Kampfhund. Feuerwehrleute brachen die Tür der Wohnung auf und fingen den Hund mit einer Schlinge ein. In der Wohnung fanden die Polizeibeamten dann auch den Leichnam der Mutter des 27-Jährigen.

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Dieses Thema im Programm:

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