Stand: 29.02.2020 08:36 Uhr

Gülle: Immer noch zu viel - aber es wird besser

Ein Landwirt verteilt Gülle auf einem Feld nahe der Ortschaft Holthusen II (Landkreis Uelzen). © picture-alliance Foto: Philipp Schulze
Durch das Düngen gelangen noch immer zu viele Nährstoffe in die Böden in Niedersachsen. (Themenbild)

Wie steht es um das Stickstoff-Problem auf Niedersachsens Feldern? Vor der möglichen Verschärfung der Düngeregeln für die Bauern hat die Landwirtschaftskammer (LWK) mit dem Landwirtschaftsministerium den aktuellen, mittlerweile siebten Nährstoffbericht vorgestellt. "Wir haben mit den Landwirten gemeinsam die Herausforderung angenommen und konsequent umgesteuert", sagte Ministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) in Hannover. Bei all der Kritik am Düngen der Bauern steht auf der Habenseite: Statt der zuletzt sieben Landkreise mit kritischem Stickstoffüberschuss sind es laut neuester Erhebung nur noch fünf. Das stark durch Tierhaltung geprägte Emsland und das Ammerland hätten es geschafft, im Durchschnitt unter den erlaubten Kontrollwert von 170 Kilogramm pro Hektar zu gelangen.

VIDEO: Noch immer zu viel Stickstoff auf den Feldern (3 Min)

Weiter zu viel Stickstoff auf den Feldern

Dennoch: In Niedersachsen besteht nach wie vor "ein erhebliches Nährstoffüberschussproblem", wie Otte-Kinast sagte. Denn auch im Messzeitraum vom 1. Juli 2018 bis 30. Juni 2019 ist durch das Ausbringen von Gülle, Gärresten und Mineraldünger noch immer mehr Stickstoff auf den Feldern gelandet, als für die Pflanzen nötig gewesen wäre. Jedoch ist es weniger als zuvor. Denn waren es im vorherigen Zeitraum noch 50.000 Tonnen über Bedarf, sind es aktuell nur noch 31.000 Tonnen. Laut Ministerium sind insbesondere der rückläufige Absatz von Mineraldünger - also dem künstlich hergestellten Dünger - und der Rückgang von Gülle-Düngung Gründe dafür.

Leicht weniger Tierbestände

In Niedersachsen habe sich sehr viel getan, sagte Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer, mit Blick auf den Nährstoffbericht 2014/2015. Damals waren noch 80.000 Tonnen Stickstoff zu viel auf den Feldern. Zudem dokumentiere die Düngemittelstatistik auch einen Rückgang beim Mineraldüngerabsatz von fast 300.000 auf nunmehr 220.000 Tonnen. Die Kammer verzeichnet zudem leicht schrumpfende Tierbestände bei Rindern und Geflügel. Konkret:

  • Rinder: 2,5 Millionen - 63.600 Tiere weniger als im Vorjahreszeitraum
  • Geflügel: 103,7 Millionen - 835.000 weniger
  • Schweine: 10,7 Millionen - 218.000 mehr

Was ist eigentlich Gülle?

Gülle besteht hauptsächlich aus Kot und Urin landwirtschaftlicher Nutztiere, vermengt mit Einstreu und Wasser. Das Gemisch wird als Wirtschaftsdünger eingesetzt. Dieser weist hohe Gehalte an gebundenem Stickstoff, Phosphor, Kalium und anderen Nährstoffen auf. Besonders viel Gülle fällt in der Schweine- und Rinderhaltung an. Problematisch ist eine Überdüngung von Böden. Diese wird für eine hohe Nitratbelastung des Grundwassers verantwortlich gemacht. Es gibt auch die Möglichkeit, Gülle vor dem Ausbringen energetisch zu nutzen. Gülle wird dabei in einer Biogasanlage durch Mikroorganismen abgebaut, dabei entsteht methanreiches Biogas. Dieses wird dann zur Erzeugung von Bioenergie verbrannt - übrig bleibt der Gärrest, der ebenfalls als Dünger eingesetzt wird.

"Mix von Maßnahmen für Wasserschutz greift"

Die Tiere würden auch immer häufiger nährstoffreduziert gefüttert. "All das sind sehr ermutigende Zeichen dafür, dass die Regelungen der Düngeverordnung von 2017 greifen und immer mehr Betriebe ihre Wirtschaftsweise entsprechend verändert haben", sagte Schwetje. "Die Zahlen zeigen, dass der von uns eingeschlagene niedersächsische Weg richtig ist. Unser Mix von Maßnahmen für den Wasserschutz greift", erklärte Otte-Kinast. Zu den Maßnahmen zähle die Transparenz der Düngedaten genauso wie die Beratung der Bauern und entsprechende Kontrollen.

Phosphat-Überschuss - "Es bleibt viel zu tun"

Große Sorgen bereitet aber weiterhin der Phosphat-Überschuss. Laut Nährstoffbericht sind es oberhalb des künftig geltenden Kontrollwertes von 10 Kilogramm pro Hektar rund 11.380 Tonnen. Am stärksten betroffen sind unter anderem die Landkreise Cloppenburg, Emsland, Grafschaft Bentheim, Vechta, Oldenburg, Rotenburg und die Städte Wilhelmshaven und Delmenhorst. "Es bleibt noch viel zu tun - das zeigen die gestiegenen Phosphor-Salden", sagte Kammerpräsident Schwetje. "Der ausbleibende Regen in den zurückliegenden Jahren hat den Nährstoffumsatz im Boden zurückgehen lassen - so zeigt sich der Einfluss des Klimawandels auf den künftigen Düngebedarf."

Düngeregeln: "Bereiten Änderungsanträge vor"

Derweil stellt sich Niedersachsen bei der geplanten Verschärfung der Düngeregeln für die Bauern weiter quer. "Wir bereiten diverse Änderungsanträge vor", sagte Otte-Kinast mit Blick auf den Kompromiss zwischen der Bundesregierung und der EU-Kommission. Bis zur Abstimmung über die neue Düngeverordnung im Bundesrat am 3. April werde es noch "Tag und Nacht Gespräche geben". Das Land fordert, bei der Ausweisung der sogenannten roten Gebiete mit Beschränkungen stärker auf den Verursacher zu gucken und hatte sich gegen pauschale Beschränkungen für alle Landwirte in großflächigen Gebieten mit mangelhafter Grundwasserqualität gewandt. Geht das nach dem Ministerium, sollen Landwirte zur Verantwortung gezogen werden, die mit einer erhöhten Düngung die Grundwasserprobleme verursachen.

Nitrat im Wasser und die Folgen

Nitrat ist ein Salz, das aus Stickstoff und Sauerstoff besteht. Es ist natürlicher Bestandteil von Düngern, wie zum Beispiel Gülle. Überschüssiger Dünger landet im Grundwasser. Naturschutzverbände kritisieren, Landwirte würden ihre Pflanzen über Bedarf düngen, nach dem Prinzip "viel hilft viel". Die Bauern entgegnen, dass sie sich das gar nicht leisten könnten. Für den Menschen ist Nitrat selbst nicht toxisch, aber Bakterien wandeln es im Körper in krebserregende Stoffe um. Erwachsene verarbeiten ein gewisse Menge Nitrat. Säuglinge aber können von zu viel Nitrat sterben - die sogenannte Blausucht nimmt ihnen die Luft zum Atmen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 28.02.2020 | 19:30 Uhr

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