Stand: 28.04.2015 17:04 Uhr

Schuldig - und trotzdem freigesprochen?

Der Vater des vor 30 Jahren getöteten Mädchens, Hans von Möhlmann, sitzt während einer Pressekonferenz neben seinem Anwalt Wolfram Schädler. © NDR Foto: Jürgen Jenauer
Die Tochter von Hans von Möhlmann (li.) wurde 1981 ermordet. Mit seinem Anwalt klagt er gegen den damals Verdächtigen.

Es ist ein grauenhaftes Verbrechen, das sich vor mehr als 30 Jahren in einem Waldstück bei Hambühren (Landkreis Celle) ereignet hat. 1981: Die 17 Jahre alte Frederike von Möhlmann wird vergewaltigt und ermordet. Beerensammler finden sie später im Wald. Der Täter hat laut Obduktion elfmal mit einem Messer auf das junge Mädchen eingestochen. Ein Verdächtiger ist schnell gefasst: Der heute 56-Jährige wird 1982 vom Landgericht Lüneburg zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof allerdings hebt das Urteil auf. Das Verfahren geht zurück an das Landgericht, diesmal nach Stade. Das Urteil: Freispruch. Die Schuld kann nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Jetzt zeigen DNA-Spuren, dass der damals Verdächtige mit großer Wahrscheinlichkeit doch der Täter ist. Bestraft wird er aber wahrscheinlich nicht mehr.

Neue Beweise kommen zu spät

Der Vater des Mädchens, Hans von Möhlmann, hatte sich damals nicht von einem Anwalt vertreten lassen und ging nicht in Revision. Das Urteil wurde rechtskräftig, der Angeklagte war frei. Der Vater habe dem Urteil des Gerichts vertraut, sagt sein Anwalt Wolfram Schädler. Dennoch ließ von Möhlmann den ungeklärten Mord an seiner Tochter nicht auf sich beruhen. Er wandte sich an den niedersächsischen Innenminister, die Polizei griff die Ermittlungen wieder auf - und hatte zu diesem Zeitpunkt Technik zur Verfügung, die es 1981 noch nicht gab. Die Ermittler fanden DNA-Spuren an der Unterwäsche des Opfers, die zweifelsfrei auf den damals Freigesprochenen hindeuteten. Die DNA sei mit einem Haar des Mannes verglichen worden und in allen Punkten identisch, erklärt Schädler. Zwar habe ein Gutachter damals im Prozess ausgesagt, dass Reifenspuren am Tatort nicht vom Auto des Angeklagten kommen könnten, aus heutiger Sicht sei es demselben Gutachter zufolge jedoch nicht mehr auszuschließen, dass die Spuren doch vom Wagen des damals Verdächtigen stammen. All das nützt dem Vater des Opfers jedoch nichts mehr, denn strafrechtlich ist der damals Angeklagte nicht mehr zu belangen.

7.000 Euro Schadenersatz für einen Mord?

Hans von Möhlmann hat nun mit seinem Anwalt Schädler Zivilklage gegen den mutmaßlichen Täter eingereicht. "Ich weiß, dass wir kaum Aussicht auf Erfolg haben, aber der Kampf lohnt sich trotzdem", sagt Schädler. "Sonst hätten wir einfach nur weiter schweigen und zusehen müssen." Ihm stehen juristisch gleich mehrere Dinge im Weg: Zum einen, das der 56-Jährige nicht noch einmal wegen etwas angeklagt werden kann, für das er schon freigesprochen worden ist. Nur wenn er nie vor Gericht gestanden hätte, wäre das möglich, weil Mord als Tat nicht verjährt. Aber da er bereits rechtskräftig freigesprochen wurde, fällt diese Möglichkeit weg. Deswegen gibt es jetzt eine Zivilklage - 7.000 Euro Schadenersatz soll der Mann zahlen. "Es geht nicht ums Geld, es geht darum, den Schuldigen zu finden", erklärt von Möhlmann. Die Klage ist dem 56-Jährigen zugestellt worden, zu einem Prozess führt das allerdings nicht zwangsläufig.

Nach 30 Jahren kaum noch juristische Möglichkeiten

Die Möglichkeit, auch wegen so schwerer Verbrechen wie Vergewaltigung und Mord eine Zivilklage einzureichen, endet nach 30 Jahren. Dann greift die Verjährungsfrist. Trotzdem ist die Klage an das Landgericht Lüneburg gegangen. Denn das nimmt sozusagen von sich aus die Verjährung nicht zur Kenntnis, stattdessen müsste der Angeklagte die verstrichene Frist vor Gericht geltend machen. Er hat dazu die Möglichkeit einer sogenannten Einrede. "Dann ist der Prozess vorbei", so Schädler. Die Aussichten stehen also mehr als schlecht. Es gibt allerdings noch eine nicht-juristische Komponente, auf die Hans von Möhlmann und Wolfram Schädler bauen: das Gewissen. "Nun liegt es in der Hand des Täters", sagt Schädler. Die Klage sei ein Appell an den Mann, sich dem Mord-Vorwurf zu stellen. Sollte dieser die Tat gestehen, dann könnte sogar ein Verfahren wegen Mordes wieder aufgenommen werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 28.04.2015 | 16:00 Uhr

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