Stand: 26.01.2017 13:23 Uhr

Safia S.: Die Radikalisierung einer Jugendlichen

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Im Prozess gegen die Schülerin Safia S. ist das Urteil gesprochen worden.

Das Verfahren gegen die deutsch-marokkanische Schülerin Safia S. hatte weit vor Verhandlungsbeginn im Oktober bundesweit für Aufsehen gesorgt. Erstmals war in Deutschland ein minderjähriges Mädchen angeklagt, im Namen der Terrormiliz "Islamischer Staat" versucht zu haben, einen Menschen zu ermorden. Die Öffentlichkeit musste wegen des Alters der Angeklagten während der Verhandlungen vor dem Oberlandesgericht Celle draußen bleiben. Mit entsprechend großer Spannung war das Urteil des Vorsitzenden Richters Frank Rosenow erwartet worden. Er entschied auf sechs Jahre Jugendhaft für Safia S. Doch wie konnte es so weit kommen, dass eine Schülerin im Namen des IS in Deutschland einen Polizisten ermorden will?

"Salafisten schreiben keine E-Mails"

Der Fall Safia S. hat im Land auch eine Diskussion über die Radikalisierung von Jugendlichen angefacht. Im Interview mit Hallo Niedersachsen wies Niedersachsens Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger darauf hin, dass Salafisten gezielt in sozialen Netzwerken nach Jugendlichen suchen, um sie für ihre Zwecke einzuspannen. Dabei handele es sich um besonders labile, ungefestigte Personen. "Salafisten schreiben keine E-Mails und telefonieren auch eigentlich nicht mehr", sagt Brandenburger. "Warum auch?"

Ursachen für Radikalisierung sind vielfältig

Es sei deutlich einfacher und auch subtiler, über soziale Netzwerke Kontakt zu möglichen Opfern aufzunehmen. Dabei gehe es in den Chats zunächst um Alltägliches. Was bedeutet Gerechtigkeit? Wie sieht das Halal-Leben aus? Wie verhält man sich als Muslim in der westlichen Welt? Die Antworten, die die Jugendlichen dann in den Foren erhalten, seien stark salafistisch konnotiert und hätten oft ein eindeutiges Ziel: die Radikalisierung der Jugendlichen. Brandenburger betonte, dass die Radikalisierung kein rein religiöses Phänomen sei, sondern auch soziale, familiäre und politische Ursachen habe.

Videos
03:42 min

Virtuelle Radikalisierung: IS sucht gezielt

Neue Wege der Radikalisierung: Salafisten suchen gezielt in sozialen Netzwerken nach psychisch labilen Jugendlichen. Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger im Interview. Video (03:42 min)

Vogel nennt Safia "unsere kleine Schwester des Islam"

Auch für Safia S. war es bis zu dem Tag im Hauptbahnhof in Hannover ein langer Weg. Bereits als Siebenjährige tritt sie neben dem Salafistenprediger Pierre Vogel in Youtube-Videos auf. Zu sehen ist damals ein kleines, Kopftuch tragendes Mädchen, das mit klarer Stimme aus dem Koran singt. Vogel nennt sie "unsere kleine Schwester des Islam". Jahre später wird dann eine zunehmende Radikalisierung offenkundig. Und dabei spielen auch Chats eine Rolle.

Ist Safia mit einem Auftrag aus Istanbul zurückgekehrt?

Als Safia S. nach einem Aufenthalt in Istanbul im November 2015 wieder in Deutschland landet, stellen die Beamten zwei Mobiltelefone bei ihr sicher. Der Rechercheverbund von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" hatte schon im Juli 2016 darüber berichtet, dass die Chats, die darauf gespeichert waren, nahelegen, dass Safia S. mit einem Auftrag aus Istanbul zurückgekehrt ist: Sie will in Deutschland einen Anschlag verüben, im Namen des "Islamischen Staats". In den Chats spricht die Schülerin dem Rechercheverbund zufolge von einer "Überraschung für die Ungläubigen" und über eine mögliche "Märtyreroperation" in Deutschland.

IS-Propagandaabteilung durchsucht das Netz nach labilen Jugendlichen

Laut Verfassungsschutzpräsidentin Brandenburger zielt der IS mit seiner Propagandamaschinerie darauf ab, junge Leute in ihrem Radikalisierungsprozess virtuell zu begleiten. "Viele kennen ihre Opfer in der Realität gar nicht", so Brandenburger. "Es scheint so zu sein, als würde es im IS eine Propagandaabteilung geben, die gezielt im Internet die Foren nach labilen jungen Leuten abscannt, die ansprechbar wären für die Ideologie." Neu sei, dass die Jugendlichen in einem immer jüngeren Alter in den Chats und Foren angesprochen werden.

Jugendliche und ihr Weg zurück in die Gesellschaft

Was passiert, wenn die Prävention versagt hat und ein Jugendlicher in die Fänge des IS gerät und möglicherweise sogar straffällig wird? Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer geht davon aus, dass es auch nach einer Haftstrafe gute Aussichten gibt, einen jungen Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Das Jugendstrafrecht sehe eine engmaschige pädagogische Begleitung vor. Ziel sei es, den Jugendlichen auf einen Weg zu führen, der mit der Gesellschaft kompatibel ist. Schließlich hätten die meisten Jugendlichen nach ihrer Haftstrafe aufgrund ihres jungen Alters noch ein langes Leben vor sich, so Kiefer.

Weitere Informationen

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Die Verteidiger der 16-jährigen Safia S. haben im Prozess wegen der Messerattacke auf einen Bundespolizisten eine milde Strafe gefordert. Das Urteil wird nächsten Donnerstag verkündet. (20.01.2017) mehr

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Hätte Safia S. aufgehalten werden können?

Wochen vor der Attacke auf einen Polizisten in Hannover ist das Handy von Safia S. sichergestellt worden - ausgewertet wurde es zunächst jedoch nicht. In einem Chat geht es um eine "Märtyreroperation". (04.07.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 26.01.2017 | 18:00 Uhr

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