Stand: 26.03.2017 08:45 Uhr

"Pulse of Europe": Mit einer Stimme für Europa

von Tina Alfes

"Ich bin jetzt Opa von zwei Enkelkindern. Und wenn die mich irgendwann mal fragen, was ich gemacht habe, als Europa von den Rechtspopulisten zerstört wurde, dann will ich eine Antwort haben." Michael Schiller hat Tränen in den Augen, wenn er erzählt, was ihn seit Februar jeden Sonntag auf die Straße treibt. Gemeinsam mit zwei Freunden hat er die "Pulse of Europe"-Demo in Celle ins Leben gerufen.

Juristen-Paar ruft "Pulse of Europe" ins Leben

Die Bewegung "Pulse of Europe" entstand Anfang des Jahres in Frankfurt. Ein Juristen-Paar wollte nicht länger dabei zuschauen, wie ausschließlich rechtspopulistische Gruppen in Deutschland und Europa durch laute Versammlungen Gehör bekamen. Doch zunächst war es gar nicht so einfach, Menschen für etwas zu mobilisieren, das doch so selbstverständlich ist. Für etwas zu sein und dies öffentlich kundzutun ist offenbar schwerer, als sich aufzuregen und dagegen zu sein.

Wie organisiert man eigentlich eine Demo?

Die meisten Organisatoren bei "Pulse of Europe" sind Neulinge, wenn es darum geht, eine Demo zu organisieren. Manche haben noch nie eine Demo besucht, geschweige denn organisiert. Michael Schiller war früher Polizist, hat Demos abgesichert. Genehmigungen einzuholen, ist für ihn also kein Problem. Aber was dann? Zu einer Demo gehört es auch, eine Musikanlage zu organisieren, Spenden zu sammeln, Flyer zu entwerfen und jede Woche eine neue Aktions-Idee zu entwickeln. Bei "Pulse of Europe" geht es auch viel darum, auszuprobieren und bereit zu sein, auch einmal zu scheitern.

In Celle gibt es zum Beispiel keine richtige Bühne. Die Treppe des Rathauses muss als Podest reichen. Die großen blau-gelben Europa-Flaggen werden durch die Ketten der Eingangssäulen gesteckt und wegen des Windes mit Klebeband festgeklebt.

Weitere Informationen

"Pulse of Europe": Demo für europäische Idee

In Hamburg haben rund 1.000 Menschen erneut für ein weltoffenes Europa demonstriert. Seit Anfang des Jahres finden die Kundgebungen sonntags in rund 50 europäischen Städten statt. mehr

Demo-Platz in Hannover wird schnell zu klein

Auch in Hannover wird jede Woche aufs Neue improvisiert. Nach fünf Wochen hatte sich vieles eingespielt, doch dann kam ein neues Problem auf: Der Platz vor dem Hauptbahnhof wurde zu klein. Die Menschen standen schon auf den Wegen, die aus Sicherheitsgründen freigehalten werden sollten. Denn aus zunächst 80 Teilnehmern bei der ersten Veranstaltung waren innerhalb von vier Wochen fast 800 geworden. Nach fünf Wochen musste die Suche nach einem Versammlungsplatz also von vorne losgehen. Drei Tage vor der nächsten Demo bekommt Organisator Tobias Hassebrock die Absage für den Opernplatz. Der ist an diesem Sonntag schon vergeben. Drei Stunden und viele Behördenanrufe später, erreicht ihn die Zusage für den Platz am Steintor.

"Die Europäische Union steht für Frieden und Freiheit"

Tobias Hassebrock studiert Politikwissenschaften und hat die "Pulse of Europe" gemeinsam mit fünf Kommilitonen in die Landeshauptstadt geholt. Er gehört mit 22 Jahren zu einer Generation, für die Grenzschranken lange Geschichte sind. Die Bedeutung des Wortes Krieg kennen sie nur aus der Schule oder aus Erzählungen. "Meine Großeltern haben mir viel vom Krieg erzählt und was das für sie bedeutet hat." Die Europäische Union stehe für Frieden und Freiheit, sagt Tobias Hassebrock. Für seine Generation sei es besonders schwierig, die Privilegien zu erkennen, sagt er. Denn es sei ja so selbstverständlich, dass man im Ausland studieren oder arbeiten könne.

Jede Woche gehen 23.000 Menschen auf die Straße

Die unterschiedlichen Beweggründe, warum mittlerweile fast 23.000 Menschen europaweit jede Woche gleichzeitig von 14 bis 15 Uhr auf die Straße gehen, sieht man auch in Celle und Hannover sehr gut. So unterschiedlich die persönliche Motivation der Organisatoren ist, so unterschiedlich sind auch die Teilnehmer. "Ich weiß, was es heißt, wenn man nicht in Frieden leben kann. Das hier in Europa ist ein großes Geschenk", sagt ein Syrer, der seit ein paar Monaten in Celle lebt." Das Erlebte eint den Syrer mit der älteren Generation in Deutschland. Tobias Hassebrock erinnert sich an eine 82-jährige Frau, die am Mikro von ihren Erlebnissen im Krieg erzählt hat. "Das war echt beeindruckend."

Eine europäische Flagge flattert vor dunklem Wolkenhimmel im Wind. © picture alliance Fotograf: Klaus Ohlenschläger

"Pulse of Europe" - Demos gegen Europa-Skepsis

NDR Info -

Die "NDR Info Perspektiven" stellen die Bürgerinitiative „"Pulse of Europe"“ vor, die mit Demonstrationen einen Gegenpol bildet zur Europa-Skepsis der vergangenen Monate.

4,76 bei 25 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Mikrofon steht jedem offen

Was die "Pulse of Europe"-Demos von anderen Demonstrationen unterscheidet, ist das offene Mikrofon. Es gibt keine Rednerliste. Es gibt keine vorgefertigten Reden. Jeder darf hier seine Gedanken zu Europa preisgeben. Der Gedanke der Freiheit und des Vertrauens in die Menschen spiegelt sich hier wider.

"Wir sind keine Europa-Romantiker"

Alle Veranstaltungen von Lissabon bis Stockholm dauern jeden Sonntag genau eine Stunde. Am Ende wird in allen Städten eine Menschenkette gebildet. Festhalten, zusammenhalten - einander und Europa. "Nur wenn wir zusammen gegen den Rechtsruck der Gesellschaft in vielen europäischen Ländern aufstehen und unsere Stimme erheben, dann können wir zeigen, was Europa bedeutet", erklärt Michael Schiller. "Wir sind keine Europa-Romantiker. Es muss vieles verändert werden. Aber dazu müssen wir uns alle zusammen einsetzen. Und ich habe das Gefühl, dass das gerade ein ganz guter Anfang ist", meint Tobias Hassebrock.

Immerhin kommen jeden Sonntag neue Städte und neue Demonstranten dazu - auch in Niedersachsen. Heute wehen in Braunschweig von 14 bis 15 Uhr das erste Mal die blau-gelben Fahnen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 26.03.2017 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:42
Hallo Niedersachsen

Wie gehen Fußballvereine mit der AfD um?

18.02.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
06:11
Hallo Niedersachsen

Platzmangel: Frauenhäuser in Not

18.02.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
04:23
Hallo Niedersachsen

Reeternte auf der Strohauser Plate

18.02.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen