Stand: 04.05.2017 10:13 Uhr  | Archiv

Prävention: Flüchtlinge lernen schwimmen

von Jonas Schreijäg, NDR Info

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mindestens 537 Menschen ertrunken. 64 - und damit überproportional viele - waren Flüchtlinge. Der Sportverein Hannover 96 und die Ärztekammer Niedersachsen bieten deshalb jetzt Schwimmkurse für geflüchtete Menschen an.

Mehrere Menschen sind in einem Schwimmbecken in einem Schwimmbad. © NDR Foto: Jonas Schreijäg
Viele der nach Deutschland geflüchteten Menschen haben in ihren Heimatländern nie schwimmen gelernt.

Mit langsamen Schritten steigt Maher Adi in das hellblau gekachelte Lehrschwimmbecken der Medizinischen Hochschule Hannover. Es ist die erste Schwimmstunde in seinem Leben. Vor eineinhalb Jahren ist der 21-Jährige aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. In seiner Heimat war er zwar ab und zu im Wasser - schwimmen gelernt hat er aber nie. "Es gab nur wenige Schwimmbäder und die waren nicht so sauber wie in Deutschland", erzählt Maher Adi. Deshalb habe er dort nie einen Schwimmkurs besucht.

Große Herausforderung für die DLRG

Mehrere Menschen sind in einem Schwimmbecken in einem Schwimmbad. © NDR Foto: Jonas Schreijäg

AUDIO: Sinnvolle Schwimmkurse für Flüchtlinge (4 Min)

Damit ist Maher Adi nicht alleine. Ein sehr großer Anteil der Flüchtlinge könne nicht schwimmen, sagt Nico Reiners von der DLRG in Niedersachsen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass 80 Prozent der Flüchtlinge dazu nicht in der Lage sein könnten. In ihren Herkunftsländern gäbe es oft nur wenige Schwimmbäder und häufig nicht die Tradition, dass Kinder schwimmen lernen, so Reiners.

Für die DLRG bedeutet das eine große Herausforderung: "Es ist unmöglich, kurzfristig allen Flüchtlingen das Schwimmen beizubringen.". Deshalb setzt die DLRG auch auf Präventionsarbeit: Für Badeseen hat die Rettungs-Gesellschaft neue Piktogramme entworfen und Flyer mit Warnhinweisen auf mehreren Sprachen drucken lassen. Kommunen, die verantwortlich für einen Badesee sind, können das Infomaterial bei der DLRG anfragen.

Sponsoren finanzieren die Kurse

Mehrere Menschen sind in einem Schwimmbecken in einem Schwimmbad. © NDR Foto: Jonas Schreijäg
Die Migranten lernen in den Kursen, wie sie sich richtig über Wasser halten können.

Der Sportverein Hannover 96 und die Ärztekammer Niedersachsen wollen so schnell wie möglich die ersten Flüchtlinge schwimmtauglich machen. "Dass so viele in öffentlichen Gewässern ertrinken, kann einfach nicht sein", sagt der Leiter der Schwimmabteilung bei Hannover 96, Marvin Mahlert. Etwa 25 Migranten können in Hannover an den Schwimmkursen teilnehmen: In einem Kurs üben Kinder und Jugendliche, in einem anderen Erwachsene, die nie gelernt haben, wie man sich richtig über Wasser hält. Finanziert werden die Kurse über Sponsoren, für den Erwachsenenkurs sind noch Plätze frei.

Viele ehrenamtliche Trainer engagieren sich

In ganz Niedersachsen gibt es Schwimmkurse für Flüchtlinge. Wie viele genau es sind, das ist nicht erfasst. Die allermeisten werden von ehrenamtlichen Schwimmtrainern vor Ort geleitet, sagt DLRG-Vertreter Reiners. Doch: Ist es überhaupt sinnvoll, gesonderte Kurse für Flüchtlinge anzubieten? "Das hängt stark davon ab, welche Möglichkeiten die jeweiligen Ortsgruppen haben", erläutert Reiners. "Wenn es zusätzliche Wasserzeiten gibt und einen Trainer, der die Sprache der Flüchtlinge spricht, dann ist es sicher sinnvoll, spezielle Kurse für Flüchtlinge anzubieten." Wenn das nicht der Fall ist, sei es für die Integration der Flüchtlinge wahrscheinlich zielführender, sie in einem regulären Schwimmkurs unterzubringen.

Schwimmen lernen in zehn Unterrichtsstunden

In Hannover seien die Schwimmkurse für geflüchtete Menschen dringend notwendig, sagt Schwimmabteilungsleiter Mahlert: "Im vergangenen Jahr sind einfach viel zu viele Flüchtlinge ertrunken." Hannover 96 will mit den kostenfreien Kursen ein möglichst niedrigschwelliges Angebot schaffen, bei Bedarf können Dolmetscher dazukommen.

Der Iraker Maher Adi spricht genug Deutsch, um die Schwimmtrainer zu verstehen. In seiner ersten Unterrichtsstunde hat er den Beinschlag gelernt. Erwachsene lernen zwar langsamer als Kinder, aber nach etwa zehn Übungseinheiten sollte der 21-Jährige schwimmen können.

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NDR Info | NDR Info Perspektiven | 04.05.2017 | 07:38 Uhr

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