Stand: 20.02.2020 07:26 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Polizeieinsatz an MHH: Staatsanwaltschaft ermittelt

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Die Medizinische Hochschule in Hannover steht wegen der Behandlung eines mögliches Clan-Chefs in der Kritik.

Die Behandlung eines mutmaßlichen Clan-Mitglieds aus Montenegro in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sorgt weiter für Diskussionen. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover in dem Fall: Es sei Strafanzeige wegen des Verdachts der Geldwäsche gestellt worden, so Sprecher Thomas Klinge. Unklar sei, ob das Geld für den Klinikaufenthalt des Patienten aus illegalen Geschäften stamme. Außerdem prüft die Behörde laut Klinge, ob es sich bei dem Mann tatsächlich um ein hochrangiges Mitglied einer kriminellen Vereinigung handelt.

Clan-Chef in der MHH sorgt weiter für Aufregung

Hallo Niedersachsen -

Die polizeiliche Überwachung und Behandlung eines mutmaßlichen Clan-Mitgliedes an der Medizinischen Hochschule Hannover sorgt weiter für viel Kritik. Auch der Vorwurf der Geldwäsche steht im Raum.

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Ministerien äußern sich zu Vorgängen

Am Mittwoch hatten sich in Hannover das Innenministerium und das Wissenschaftsministerium zu den Vorgängen an der Universitätsklinik geäußert. Eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums räumte ein, dass die Hochschule Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) zu spät über die Behandlung eines mutmaßlichen Kriminellen informiert habe. "Der Minister wurde am 11. Februar in Kenntnis gesetzt", sagte die Sprecherin - zu diesem Zeitpunkt wurde der schwer verletzte Patient bereits fünf Tage in der MHH medizinisch versorgt.

Thema beschäftigt Politik - und Justiz

Es gebe Strukturen und Prozesse, die optimiert werden müssten, sagte die Sprecherin auf die Frage, warum die MHH den Minister erst nach mehreren Tagen informierte. Das müsse künftig anders geregelt werden. Das Thema werde am kommenden Montag einen gemeinsamen Ausschuss von Innen- und Wissenschaftsministerium beschäftigten, so die Sprecherin.

Innenministerium: Kosten trägt der Steuerzahler

Eine Sprecherin des Innenministeriums verwies am Mittwoch darauf, dass man zu dem laufenden Einsatz keine Auskunft geben werde. Sie machte allerdings deutlich, dass die Kosten für den laufenden Polizeieinsatz der Steuerzahler zu tragen habe. Fragen zur voraussichtlichen Länge des Einsatzes wie auch Details zum Montenegriner ließ sie unbeantwortet. Die Frau des Patienten hatte Anfang der Woche über einen Anwalt behauptet, ihr Mann sei Opfer einer Verwechslung geworden. Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen allerdings weiter davon aus, dass es sich bei dem Patienten um ein hochrangiges Clan-Mitglied handelt.

35-Jähriger seit 7. Februar in Hannover

Der 35-Jährige Montenegriner war am 7. Februar mit Schussverletzungen an Armen und Beinen nach Hannover geflogen und in die Notaufnahme der MHH eingeliefert worden. Der begleitende Arzt setzte die MHH-Mediziner in Kenntnis darüber, dass der Patient in Montenegro "von einem starken Polizeiaufgebot geschützt" worden sei, so die MHH. Daraufhin habe die Klinik die Polizei informiert, die eine Anonymisierung empfahl. Zunächst sei der Mann noch von zwei Beamten geschützt worden. Am 10. Februar rückte dann das SEK an.

"Man hätte den Patienten ablehnen können"

Nach Medienberichten feuerten Unbekannte mehr als 20 Mal auf den Geländewagen des Montenegriners. Sieben Kugeln verletzten den 35-Jährigen demnach lebensgefährlich. Bei einer Anfrage zur Behandlung derartiger Verletzungen hätte der MHH-Unfallchirurg nachfragen müssen, sagt Jens Jusczak, der an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg seit Jahren zum Thema Medizintourismus forscht. "Einen solchen Patienten hätte man ablehnen können und sollen." Angesichts des hohen Aufwands für die Sicherheit sowie der Imagenachteile werde der Patient zum Bumerang für die deutsche Klinik.

Klinik räumt Fehler ein

Am Dienstag noch hatten Ärzte der MHH erstmals Fehler eingeräumt. In einem Schreiben an alle Mitarbeiter, das im Intranet der Hochschule veröffentlicht wurde, erklärte der Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, er habe das MHH-Präsidium "aus heutiger Sicht" zu spät über den gesamten Vorgang informiert. Die Polizei wurde dagegen laut Klinik "19 Minuten nach der Ankunft des Patienten" informiert. Bleibt die Frage, welche Folgen die Vorgänge um den ominösen Patienten in der landeseigenen Klinik noch haben werden.

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NDR Fernsehen: Hallo Niedersachsen

Verwirrung um vermeintliches Clan-Mitglied

17.02.2020 19:30 Uhr
NDR Fernsehen: Hallo Niedersachsen

Seit mehr als einer Woche überwacht ein massives Polizeiaufgebot die MHH, um einen mutmaßlichen Clan-Boss zu schützen. Doch nun spricht der Anwalt des Patienten von einer Verwechslung. Video (02:57 min)

"Keinen roten Teppich ausgerollt"

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte zu den Vorgängen an der renommierten Uniklinik, dass man dem mutmaßlichen Clan-Mitglied "keinen roten Teppich ausgerollt" habe. Der Polizeieinsatz sei mit dem Bundeskriminalamt abgestimmt und diene vor allem dem Schutz Unbeteiligter wie Mitarbeiter, Patienten und Besucher. "Er ist weder Gefährder noch ist er in Deutschland Straftäter oder gesucht", sagt der SPD-Politiker.

Rechnung an den Clan in Montenegro?

Der Bund der Steuerzahler hat inzwischen verlangt, die immensen Kosten für den Polizeieinsatz dem Privatpatienten beziehungsweise seiner "Clan-Familie" in Rechnung zu stellen, falls dies rechtlich möglich sei. Auch die Ehefrau des 35-Jährigen, die in einem Hotel wohnt, wird dem Vernehmen nach bewacht.

1,2 Milliarden Euro durch selbstzahlende Patienten

Gleichwohl machen selbstzahlende Patienten wie der Mann aus Montenegro nur einen Bruchteil der Behandlungsfälle in deutschen Kliniken aus. Nach Auswertung der Forschungsstelle Medizintourismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ließen sich 2017 rund 247.000 Patienten aus 177 Ländern stationär oder ambulant in Deutschland behandeln und bescherten dem deutschen Gesundheitssystem Einnahmen von etwa 1,2 Milliarden Euro. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Laut Juszczak besteht seit mehr als zwölf Jahren ein Arbeitskreis "Internationale Patienten", in dem sich regelmäßig etwa 30 der größten deutschen Kliniken austauschen. Die Medizinische Hochschule Hannover nimmt dem Forscher zufolge seit einigen Jahren nicht mehr an den Sitzungen teil.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.02.2020 | 13:00 Uhr

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