Stand: 27.10.2017 16:28 Uhr

Politik: (K)ein Kinderspiel

von Marcel Stober
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Jugendparlamente hat es schon in mehreren niedersächsischen Städten gegeben.

Am Anfang steht eine Erfolgsgeschichte: Das Jugendparlament in Laatzen bei Hannover hält sich mehr als 17 Jahre. Es ist neben dem in Lingen das erste in Niedersachsen. 1997 entspringt die Idee dazu dem Rat der Stadt - in Schulen und in der Presse gibt es Aufrufe an Schüler, das Interesse ist groß. Auf Plakaten stellen sie sich mit Name, Alter, Wohnort und Zielen vor: Ein neues Schwimmbad, mehr Fahrradwege und ein saubereres Laatzen werden gefordert. Alle 12- bis 18-jährigen Laatzener dürfen wählen. Das erste Jugendparlament besteht aus 23 Abgeordneten, spätere Parlamente noch aus 17. Selbst einen Etat von 10.000 D-Mark, später von 5.000 Euro, darf das Parlament verwalten. Dank den Abgeordneten gibt es in Laatzen heute zum Beispiel Treffpunkte für Jugendliche, die zu alt für Spielplätze sind. Als die Parlamentarier allerdings per Antrag Cannabis legalisieren wollen, muss Betreuer Ludger Oldeweme ihnen die Grenze ihrer politischen Teilhabe aufzeigen: "Die Jugendlichen aufzuklären, wie Dinge politisch sind, macht Spaß und ist auch gut für die Kids", sagt er. Doch danach ist auf einmal Schluss mit dem Jugendparlament.

Zu wenig Zeit, zu wenig Lust

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In Laatzen hat das Jugendparlament zum Beispiel Jugend-Treffpunkte wie diesen durchgesetzt.

Ende Juni 2014 lief die letzte Legislaturperiode aus, eine Neuwahl wurde nicht vorbereitet. "Es fiel schwerer, die Jugendlichen zu motivieren, sich über einen gewissen Zeitraum hinweg für ein nicht näher definiertes Projekt einzusetzen", erklärt Stadtsprecher Matthias Brinkmann. Durch soziale Medien und längere Schulzeiten hätten die Jugendlichen auch nicht mehr so viel Zeit wie früher. Paul Derabin ist heute Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Laatzen und war selbst drei Jahre lang Teil des Jugendparlaments. Die politische Motivation der Schüler verlaufe häufig in Wellen, sagt er: "Es ist normal, dass sich Interessen wandeln und die Jugendlichen keine Zeit mehr am Nachmittag haben." Dass es das Parlament nicht mehr gibt, findet er schade: "Der Altersdurchschnitt bei Wahlen wird immer höher. Da ist jedes Mittel gut, das die Interessen junger Menschen in den Vordergrund rückt." Das klassische Jugendparlament ist in Laatzen allerdings auch nicht mehr beliebt: Eine Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass nur 16,1 Prozent der Jugendlichen gerne über diesen Weg mitreden würden.

Jugendforum in Braunschweig

In Braunschweig geht man einen anderen Weg. Hier trifft sich ein Jugendforum seit 2014 etwa zweimal im Jahr. 15 bis 20 Jugendliche aus der ganzen Stadt diskutieren dort Themen, über die zuvor im Internet abgestimmt werden konnte. Dank ihnen errichtete die Stadt schon einen Grillplatz in einem beliebten Park und die Kinderfahrkarten in Braunschweiger Bussen wurden etwas günstiger. Die Jugendlichen wollten sich anfangs nicht zu lange auf ein Projekt festlegen und sich auch nicht extra wählen lassen - das sprach gegen ein Jugendparlament.

In Oldenburg regieren probeweise die Kinder

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Eine Delegation der "Kinderstadt" hat Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) besucht und sich ins Gästebuch der Stadt eingetragen.

Die Stadt Oldenburg befragt die Jugendlichen lieber direkt zu Projekten, die sie betreffen, etwa zur Gestaltung von Schulhöfen und Spielplätzen. Zudem können die jungen Leute auch an Stadtteil-Workshops teilnehmen und mitbestimmen, wie Oldenburg zukünftig aussehen soll. Das Kinder- und Jugendbüro richtet jeden Sommer die "Kinderstadt" aus, in der Kinder eine Stadt simulieren und auch einen Bürgermeister wählen. Im kommenden Jahr plant Oldenburg außerdem einen Jugendkongress, im Rahmen dessen auch der weitere Weg einer Mitbestimmung geklärt werden soll.

Gehrden wählt bald neues Jugendparlament

Die Jugendparlamente gibt es aber schon noch im Land, zum Beispiel in Osnabrück, Wolfenbüttel und Cloppenburg. In Gehrden (Region Hannover) soll im November wieder eines entstehen - in den 90er-Jahren gab es dort schon mal eines. Weil auch hier das Interesse nachließ, löste es sich auf - nun startet die Stadt einen neuen Versuch.

Ernst nehmen, schulen, Geld geben

Für Waldemar Stange, Professor für Bildungsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg, ist es essenziell, dass die Jugendlichen merken, dass sie eine starke Stimme haben. Es sollte in Jugendparlamenten feste Betreuer für die Abgeordneten geben. Die Jugendlichen sollten zudem darin geschult werden, Sitzungen abzuhalten, öffentlich zu kommunizieren und sicher aufzutreten. So ein Parlament sollte dann auch Geld kosten dürfen. Als selbst verwalteten Etat empfiehlt Stange für eine kleinere Stadt etwa 4.000 Euro. Am meisten motiviere Jugendliche allerdings ein erfolgreiches Projekt. Stange spricht von der "Partizipationsspirale": Wer erlebt habe, dass sein Projekt funktioniert, engagiere sich eher für weitere.

Beteiligung europaweit

Was in Sachen Mitsprache von Kindern und Jugendlichen noch möglich wäre, zeigt ein Blick ins europäische Ausland: Frankreich beispielsweise steht ganz im Zeichen der Jugendparlamente. Um die 2.000 gibt es im Land - und in der Stadt Schiltigheim bei Straßburg nahm 1979 das erste jemals gewählte Jugendparlament seine Arbeit auf. In Finnland müssen alle Kommunen schon für fünf- bis 17-Jährige Möglichkeiten zur Beteiligung bereithalten. Durchgesetzt hat sich eine Online-Plattform, auf der Jugendliche ihre Vorschläge äußern können, die Behörden oder Organisationen dann aufnehmen. Großbritannien veranstaltet jährlich die "Takeover Challenge", in der Kinder dieses Jahr bereits zum zehnten Mal in die Welt der Erwachsenen schauen und Entscheidungen mittreffen können. Eine Jugendbank und ein nationales Jugendparlament gibt es ebenfalls.

Vom Parlament zum Beirat - und wieder zurück?

Mittlerweile werden die Stimmen Jugendlicher auch in Laatzen wieder gehört - nur anders als früher. Mithilfe des Planspiels "Pimp Your Town" des Vereins "Politik zum Anfassen" ist ein dauerhafter Jugendbeirat entstanden. Dieser ist etwas kleiner als das frühere Parlament und nicht demokratisch gewählt, aber auch funktionsfähig und stellt Anträge. Gerade diskutiert er darüber, ob nicht ein neues Jugendparlament für Laatzen geeignet wäre. Im Rat dürfte sich nicht nur das Ex-Jugendparlaments-Mitglied Paul Derabin von der CDU, sondern auch Luisa Oyen interessiert zeigen. Auch die Vorsitzende der Laatzener SPD war einst Abgeordnete des Jugendparlaments.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 23.10.2017 | 17:00 Uhr

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