Stand: 19.03.2019 15:50 Uhr

Neue Fehler und Manipulationen im Fall Lügde

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Landrat Tjark Bartels (SPD) hat detailliert über die Aktenlage im Fall Lügde informiert.

Hameln-Pyrmonts Landrat Tjark Bartels (SPD) hat am Dienstag Fehler im Fall des jahrelangen massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde eingeräumt. Konkret ging es um den Fall eines heute achtjährigen Mädchens, das bei dem 56-jährigen Hauptverdächtigen in einem Pflegeverhältnis lebte. Beobachtet wurde die Betreuung des Mädchens vom Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont.

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Missbrauch in Lügde: Jugendamt hatte Hinweise

Hallo Niedersachsen -

Über mehrere Jahre wurden Kinder in Lüdge missbraucht und die Behörden wollen nichts gemerkt haben. Hinweise auf eine mögliche Pädophilie des Täters gingen offenbar unter.

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Hinweisen wurde einzeln nachgegangen

Bevor die Polizei Ende Oktober 2018 ihre Ermittlungen in dem Fall aufnahm, hatte das Jugendamt drei voneinander unabhängige Hinweise auf eine mögliche Pädophilie des 56-Jährigen erhalten. Jedem Hinweis wurde laut Bartels einzeln nachgegangen. Die zuständigen Betreuer hätten jedoch keine Gefährdung des Kindeswohls erkannt und deshalb keinen Grund für ein Ende des Pflegeverhältnisses gesehen. "Die Gesamtschau der drei Hinweise betrachten wir als Fehler", sagte Bartels. Zusammen betrachtet hätten sie ein Einschreiten erforderlich gemacht, sagte er. Außerdem gab er bekannt, dass eine weitere Mitarbeiterin im Jugendamt Akten manipuliert hatte.

Mutter wünschte das Pflegeverhältnis

Das Mädchen war im Mai 2016 auf Wunsch der Mutter in die Obhut des 56-Jährigen übergeben worden. Das Jugendamt stimmte dem nach eingehender Prüfung des Mannes zu. Mitarbeiter besuchten und betreuten den Pflegevater den Angaben zufolge regelmäßig. Bartels verdeutlichte, dass eine Alternative nur ein Entzug des Sorgerechts hätte sein können. Nach Einschätzung des Jugendamtes hätte das zuständige Familiengericht dem jedoch nicht zugestimmt, weil die Hürde für dieses Instrument sehr hoch hänge. "Hätte das Jugendamt diesen Weg nicht begleitet, wäre das Verhältnis zur Mutter und zum Pflegevater gestört gewesen und das Kind hätte wahrscheinlich ohne unser Wissen diesen Ort aufgesucht", sagte Bartels. Stattdessen gab es regelmäßigen Kontakt zwischen Mitarbeitern des Jugendamtes, dem Pflegevater und dem Mädchen.

Bartels: "Wir haben uns von der Fassade täuschen lassen"

Mitarbeiter des Jugendamtes beschrieben den Mann laut Bartels als "rheinische Frohnatur, der zwar etwas bollerig, schräg und schwierig im sozialen Umgang war, von dem am Ende aber niemand dachte, dass er ein Pädophiler" sei. Rückmeldungen vom Kindergarten und später von der Schule hätten darauf schließen lassen, dass er sich für die Entwicklung des Kindes einsetzte. Zudem sei er kooperativ gewesen, wenn es darauf ankam. "Wir haben uns von der Fassade täuschen lassen", so Bartels.

Kindergarten-Psychologin meldete Verdacht

Allerdings erhielt das Jugendamt drei Hinweise auf eine mögliche Pädophilie des Mannes. Den ersten Verdacht habe der Kinderschutzbund Bad Pyrmont im August 2016 gemeldet, wie Bartels sagte. Daraufhin hätten die Mitarbeiter des Jugendamtes intensiven Kontakt zu den Mitarbeitern des Kindergartens gehabt sowie zu dem ebenfalls zuständigen Jugendamt Lippe. Der Pflegevater sei zudem mit den Vorwürfen konfrontiert worden. Das Jugendamt sei zu der Einschätzung gekommen, "dass die Hinweise entkräftet werden können", so Bartels. Im September 2016 gab es dann den zweiten Hinweis: Eine Psychologin im Kindergarten habe die Vermutung geäußert, dass etwas nicht stimme und "Pädophilie im Spiel" sein könne, so Bartels. Auch dieses Mal sahen die Mitarbeiter des Jugendamtes dafür keine Anhaltspunkte.

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Drei Meldungen innerhalb von fünf Monaten

Im Oktober 2016 meldete eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Blomberg zunächst einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, wie Bartels sagte. Sie habe angemerkt, dass das Mädchen schmutzige und dem Wetter nicht angemessene Kleidung trage. Wieder konnten Mitarbeiter des Jugendamtes keine Kindeswohlgefährdung erkennen. Jene Jobcenter-Mitarbeiterin meldete sich im Dezember desselben Jahres erneut - dieses Mal auch bei der Polizei - wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch. Der 56-Jährige habe in Bezug auf seine Pflegetochter gesagt: "Für Süßigkeiten macht sie alles", zitierte Bartels die Mitarbeiterin. Wieder gab es Kontakte und Hausbesuche, aber die Jugendamt-Mitarbeiter hätten keinen Verdacht auf Missbrauch erkannt, so Bartels. Im Januar 2017 habe der Kindergarten den Jugendamts-Mitarbeitern gegenüber von einer positiven Entwicklung des Mädchens gesprochen, so Bartels. Es habe eine innige Beziehung zu ihrem Pflegevater aufgebaut und der verlässliche Umgang tue ihr gut.

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Bartels: "Zusammenarbeit mit Polizei war nicht optimal"

"Jeder Hinweis wurde isoliert betrachtet als nicht stichhaltig angesehen", sagte Bartels. Er räumte ein, dass das Zusammenspiel mit dem ebenfalls zuständigen Jugendamt Lippe und der Polizei "nicht optimal" gewesen sei. Im Jugendamt Hameln-Pyrmont sei der Informationsfluss zwischen den verschiedenen Stellen, durch die das Mädchen betreut wurde, zu gering gewesen. "Wir sind unserem Wächteramt, das Wohl des Kindes zu schützen, durch die drei Hinweise nicht in der gebotenen Form nachgekommen", so Bartels.

Sozialministerin: "Hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung"

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) reagierte mit Unverständnis auf die Ereignisse: "Was den betroffenen Kindern in Lügde angetan wurde, ist bestürzend", teilte sie mit. "Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte - hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung", so die Ministerin. Hinsehen und handeln sei im Kinderschutz die oberste Maxime. Wenn ausgerechnet jene, die Kinder schützen sollen, ihrer Verantwortung nicht in vollem Umfang nachkämen, sei das inakzeptabel. "In diesem Fall sind falsche und folgenreiche Entscheidungen getroffen worden", so Reimann. Die Fraktionschefin der Grünen im Landtag, Anja Piel, forderte dagegen das Land auf, Konsequenzen aus dem Behördenversagen zu ziehen: Es reiche nicht aus, mit dem Finger auf die Fehler vor Ort zu zeigen. Sie erwarte nun vom Sozial- und vom Justizministerium ein gemeinsames Konzept, um derartige Fehler künftig zu vermeiden.

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Im Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont wurden im Zusammenhang mit dem Fall zwei Mitarbeiter freigestellt. Eine Mitarbeiterin soll kurz vor der Beschlagnahmung der Akten durch die Staatsanwaltschaft einen Eintrag gelöscht haben, wie Bartels jetzt bekannt gab. Die Ermittler konnten den Eintrag rekonstruieren. Darin wurde dargestellt, wie der Hauptverdächtige immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen suche und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe. Bereits vor einem Monat hatte der Landkreis den Leiter des Jugendamts freigestellt, nachdem dieser zugegeben hatte, nachträglich einen Vermerk in eine Akte eingefügt zu haben.

34 Opfer und mehr als 1.000 Taten ermittelt

Nach jüngstem Stand der Ermittlungen sind in dem Fall 34 minderjährige Opfer identifiziert worden. In 14 weiteren Verdachtsfällen dauern die Ermittlungen noch an. Die Ermittler gehen davon aus, dass es angesichts der massenhaft sichergestellten Bilder und Filme noch weitere Verdachtsfälle geben wird. Auf dem Campingplatz in Lügde gab es nach bisherigen Erkenntnissen seit 2008 mehr als 1.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch. Drei mutmaßliche Haupttäter sitzen in Untersuchungshaft. Es handelt sich um den 56-jährigen Campingplatzbewohner, um einen 33-Jährigen aus Steinheim (Landkreis Höxter) sowie um einen 48-Jährigen aus Stade, der die Taten über das Internet verfolgt und dazu angestiftet haben soll.

Weitere Kinder in Obhut - Eltern verdächtigt

Das Jugendamt Lippe in Nordrhein-Westfalen hat im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen auf dem Campingplatz fünf weitere Kinder in Obhut genommen, wie der Westdeutsche Rundfunk (WDR) berichtet. Es stehe der Verdacht im Raum, dass die Eltern die Kinder dem mutmaßlichen Täter zum Missbrauch "zugeführt hätten", sagte Jugendamtsleiter Karl-Eitel John.

Suspendierung und Versetzungen bei der Polizei

Im Zuge der Ermittlungen sind zudem Pannen bei der Polizei offenkundig geworden. Datenträger mit Fotos und Videos aus dem Besitz des 56-jährigen Hauptbeschuldigten sind verschwunden. Ein zeitweiliger Leiter der Ermittlungskommission wurde vorläufig vom Dienst suspendiert. In einem anderen Sexualstraffall bestehe gegen den Beamten der Verdacht der Strafvereitelung im Amt, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). Genau wie im Fall Lügde sollen auch in jenem Fall Beweismittel verschwunden sein. Zudem wurden drei leitende Beamte seit Januar wegen grober Fehlentscheidungen versetzt. Gegen zwei weitere Fahnder laufen Strafverfahren, weil sie Hinweisen nicht nachgegangen sein sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.03.2019 | 12:00 Uhr

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