Stand: 01.11.2018 07:30 Uhr

Nach Kindesentzug: Mutter hofft auf Ruhe

von Christina von Saß

Es ist, als wäre eine unendlich schwere Last von ihr abgefallen: Seit die Kinder von Katharina Schmidt wieder bei ihr sind, wirkt sie gelöst und glücklich. Die 39 Jahre alte Ärztin strahlt wieder eine Ruhe aus, die in den Jahren des Kindesentzugs ständiger Anspannung und tiefer Verzweiflung gewichen war. Maryam und Hanna seien aufgeblüht, seit sie wieder in ihrer Heimatstadt Hannover sind, erzählt sie.

Die beiden Töchter mit unkenntlich gemachten Gesichtern.

Nach Kindesentzug: Wie geht es Familie Schmidt?

Hallo Niedersachsen -

Fast drei Jahre lang hat Katharina Schmidt um ihre Töchter gekämpft. Sie wurden von der Familie ihres Ex-Mannes in Tunesien festgehalten. Dafür erhielt er jetzt eine Bewährungsstrafe.

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Jüngere Tochter muss erst wieder Deutsch lernen

Die Elfjährige geht aufs Gymnasium, die Neunjährige ist in der Grundschule und macht täglich Fortschritte in Deutsch - zuletzt hatte sie nur noch Arabisch gesprochen. Beide Mädchen hätten schnell wieder Freunde gefunden, würden viel unternehmen, erfreuten sich an ihren Hobbys. "Sie sind wirklich wie zwei kleine Schwämme, die alles aufsaugen", erzählt Katharina Schmidt. "Das Leben hier, die Möglichkeiten. Ob es Kino ist oder Rollschuhlaufen - auf alles wird sich schon tagelang vorher gefreut." Schon jetzt fieberten die Mädchen ihrem ersten Weihnachten nach vier Jahren entgegen.

Trennungsangst: Erlebtes hat Spuren hinterlassen

All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mädchen - und ihre Mutter - zeitweise wohl durch die Hölle gegangen sind. So habe die Jüngere seit der Rückkehr oft Trennungsangst, lasse ungern die Hand ihrer Mutter los. "Ganz oft schaut sie abends noch ins Wohnzimmer rein, um zu gucken, ob ich auch wirklich da bin", erzählt Katharina Schmidt. Bei Maryam, der Großen, gebe es durchaus auch traurige Phasen: "Da ist ganz viel Ballast und ganz viel Druck, der auf den Kindern lastete." Gerade die ältere Tochter sei sehr durch den Vater instrumentalisiert worden. "Seit 2015 ist sie benutzt worden und zwischen die Fronten geraten." Wenn die Mädchen reden wollten, könnten sie das – ansonsten lasse sie sie erst einmal zur Ruhe kommen.

"Schlimmste war, meine Kinder in Tunesien leiden zu sehen"

Rückblickend sei das Schlimmste für sie gewesen, ihre Töchter in Tunesien leiden zu sehen. "Es war furchtbar zu sehen, wie schlecht es ihnen ging", sagt Katharina Schmidt.  Die Mädchen seien in der Zeit immer dünner und stiller geworden. Sie hätten manchmal kaum reden und kaum atmen können. Es habe eine Situation gegeben, in der ihre große Tochter nicht mehr richtig Luft holen konnte, "weil sie so voll Druck und voll Angst und Verzweiflung war. Das sehen zu müssen und gar nichts tun zu können - das war wirklich ganz ganz schlimm".

Martyrium beginnt im Jahr 2015

Sechs und acht Jahre alt sind die Mädchen, als der Vater sie - zunächst mit dem Einverständnis der Mutter - in seinen Heimatort Kasserine bringt. Geplant war, dass die Mädchen dort die tunesische Familie besser kennenlernen und Arabisch lernen - für einige Monate. Doch bereits kurz nach der Ankunft eröffnet Kais B. seiner Ex-Frau in Deutschland, dass er nicht vorhat, seine Töchter wieder zurückzubringen. Das Martyrium beginnt. Fast drei Jahre kämpft Katharina Schmidt um ihre Kinder, fährt unzählige Male in das nordafrikanische Land. Sie hat in beiden Ländern das alleinige Sorgerecht - doch der tunesische Staat ist nicht in der Lage, das Recht in der kleinen Provinzstadt, rund 300 Kilometer von Tunis entfernt, durchzusetzen.

Mutter holt Kinder auf eigene Faust zurück

Dieses Jahr an Pfingsten gelingt es Katharina Schmidt, einen von ihr geschmiedeten Plan umzusetzen. Von den Behörden, da ist sie sicher, ist keine Hilfe zu erwarten. Sie verabredet sich mit ihrer ältesten Tochter, die die kleine Schwester mitbringt und nutzt den Moment, in dem die Mädchen nicht unter der Aufsicht der Familie des Ex-Mannes sind. Sie fährt mit ihren Töchter nach Tunis in die deutsche Botschaft. Dort unterstützt man sie und versichert ihr, dass sie alle notwendigen Papiere habe, um auszureisen. Doch am Flughafen wird sie stundenlang von den Behörden festgesetzt. Erst nach Intervention der deutschen Politik kann die kleine Familie zurück nach Hannover reisen.

Umgangsrecht für Vater: Erster Versuch gescheitert

Nicht einmal zwei Wochen nach der Rückkehr von Katharina Schmidt und ihren Töchtern wird Ex-Mann Kais B. aus der Haft entlassen. Er hatte seit Anfang 2016 wegen Kindesentzugs in Niedersachsen im Gefängnis gesessen. In einem Interview mit der ZDF-Sendung "37 Grad" verteidigt er kürzlich sein Vorgehen. Ein erster Versuch, begleiteten Umgang mit seinen Töchtern zu bekommen, ist vor wenigen Wochen gescheitert. Die Vorstellung, dass ihm dies zu einem späteren Zeitpunkt gelingen könnte, macht der Mutter von Maryam und Hanna Angst: "Das ist für mich total absurd und auch ganz furchtbar, die Kinder Umgang haben zu lassen mit ihrem Vater, der sie so manipuliert hat, der sie seelisch so misshandelt hat." Bis heute fehlen die beiden Pässe der Mädchen aus dem Jahr 2015. Wo sie sind: unklar. Klar ist nur, dass Kais B. sie zuletzt hatte.

Hoffnung auf ein normales Leben

Katharina Schmidt hofft nun, dass ihre beiden Mädchen zur Ruhe kommen und dass sie wieder Vertrauen fassen, nach all dem, was passiert ist. "Ich wünsche mir einfach, dass die Kinder das alles verkraften können und wieder das Gefühl haben, ein normales Leben zu führen."

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 01.11.2018 | 19:30 Uhr

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