NDR Serie: Die Klasse 9b - Hausaufgaben und Corona-Koller

Stand: 26.02.2021 10:00 Uhr

Der NDR begleitet die Klasse 9b der Leonore-Goldschmidt-Schule in Hannover-Mühlenberg durch das gesamte Schuljahr. Diesmal geht es um Hausaufgaben in Zeiten von Corona.

von Tobias Hartmann

Das Klassenzimmer in der Leonore-Goldschmidt-Schule in Hannover-Mühlenberg steht weiterhin leer. Die 29 Schüler und Schülerinnen sitzen stattdessen jeden Morgen um Punkt 8.30 Uhr zur Videokonferenz zu Hause vor ihren Laptops oder Smartphones.

Zur Videoschalte nur mit Mütze

"Joel, zeig dich doch bitte mal und nicht nur deine leere Zimmerwand." Klassenlehrerin Marie Lassan muss jeden Morgen erneut darum kämpfen, dass sie ihre Schützlinge überhaupt mal zu Gesicht bekommt. "Ja, kleinen Moment, ich muss mir noch eben eine Mütze aufziehen, die Haare sitzen nicht." Ein paar Sekunden später schaut Joel mit einer schwarzen Mütze grinsend in die Kamera. Saman lässt sein Bild heute schwarz. "Mein Vater hat mir die Haare geschnitten und das ist nix geworden. So kann ich mich nicht zeigen", sagt er.

Leere Videokacheln - Schuld ist die Pubertät

In der 5. Jahrgangsstufe zeige sich immer die gesamte Klasse mit Bild und auch in der Oberstufe klappe das gut, erzählt Lassan, aber hier in der 9b bei den 14- bis 16-Jährigen, die mitten in der Pubertät stecken, sei das ein großes Problem. So bleiben auch an diesem Morgen auf ihrem Laptop einige Videokacheln leer oder zeigen einfach nur eine Schreibtischlampe oder eine Zimmerdecke.

Die Stimmung? Im Keller

Überhaupt ist die Stimmung nach zwei Monaten Homeschooling richtig im Keller. Deswegen hat Lassan beschlossen, die heutige Videokonferenz mit einer kleinen Meckerrunde zu beginnen. Jeder soll die Chance bekommen, seinen Ärger und seine Sorgen mal loszuwerden. Kaum hat Lassan diesen Vorschlag gemacht, da blinken schon mehrere gelbe Hände auf ihrem Laptop auf. Das digitale Handzeichen funktioniert. Wie eine Moderatorin erteilt sie als erstes der 14-jährigen Hlat das Wort.

VIDEO: Wie läuft's im Homeschooling? Leon-Marcel auf Zeitreise (2 Min)

"Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben"

"Es ist immer das Gleiche: Hausaufgaben, Hausaufgaben und weiter Hausaufgaben", sagt sie. "Ja, genau", stimmt Leon-Marcel ihr zu, "kaum habe ich eine Aufgabe gemacht, ist schon die nächste in meinem Online-Postfach drin. Nie ist nichts drin. Man ist quasi nie fertig." Kalsom ergänzt: "Die ersten zwei Wochen waren noch OK. Aber jetzt: Nein, ich muss raus, ich halte es hier nicht mehr aus." "Ich verstehe nicht, warum die Friseure wieder aufmachen dürfen und wir nicht in der Schule sitzen. Bei uns geht es doch um unseren Schulabschluss", sagt Soraia, die mit einer großen Kapuze über dem Kopf traurig in die Kamera schaut.

Keine Perspektive und nicht immer Hilfe

Das Schlimmste für ihre Schüler und Schülerinnen sei, so Klassenlehrerin Lassan, dass sie gerade keine richtige Perspektive haben, wann es überhaupt weitergeht. Und die Belastung zu Hause sei für viele enorm. Denn hier in Mühlenberg sei es nicht der Normalfall, dass die Schüler und Schülerinnen mal eben ihre Eltern fragen können, wenn sie etwas nicht verstehen.

"Eher so, dass ich meinen Eltern helfen muss"

Der 16-Jährige Saman bestätigt das. "Ich muss zu Hause alleine klar kommen. Wenn ich meinen Abschluss verkacke, dann habe ich Pech gehabt. Meine Eltern können kein Deutsch, deswegen können die mir nicht helfen. Wenn ich was nicht verstehe, kann ich meine Eltern halt nicht fragen. Es ist eher so, dass ich denen helfen muss. Übersetzen, Termine machen, Blätter ausfüllen", sagt er.

Eine etwas andere Hausaufgabe

Einen Tag später. Das Klassenlehrer-Team Matthias Meyer und Marie Lassan hat beschlossen, die Sorgen ihrer Klasse sehr ernst zu nehmen. Eine etwas andere Hausaufgabe soll sie mal von ihren Schreibtischen weglocken. Sie sollen mit ihrem Smartphone ein 30-sekündiges Video drehen, in dem sie ihre aktuelle Stimmungslage wiedergeben. Meyer gibt Orientierungshilfe: "Ihr könnt auch gerne eine übertriebene Darstellung im Film benutzen. Das ist auch die künstlerische Seite an dieser Aufgabe. Wenn ihr zum Beispiel gesagt habt, ihr habt überhaupt keine Motivation, überlegt mal: Wie stellt ihr diese Nicht-Motivation dar? Es kann ja auch einer ganz traurig das Foto im Jahrbuch anschauen und weinen dabei. Oder die Tage so zählen wie im Gefängnis." Lassan ergänzt: "Nehmt bitte aber auch etwas ins Video mit rein, was ihr gerade gerne macht, was euch vielleicht auch gerade gefällt im jetzigen Lockdown."

Eine Maus als Hauptdarsteller

So kommt auch eine kleine Stoffmaus ins Spiel. Die gehört eigentlich der Oma von Leon-Marcel und fristet normalerweise in einem kleinen Liegestuhl im Wohnzimmerschrank ihr Dasein. Nun wird sie kurzerhand mit einem Kochlöffel zu einer Handpuppe umfunktioniert. Leon-Marcel verschwindet unter dem Küchentisch, Mutter Martina startet die Kamera auf dem Handy und die Maus fängt an zu sprechen mit einer großväterlichen Stimme. "Es ist das Jahr 2075. Hallo meine Kinder, ich möchte euch eine Geschichte aus meiner Kindheit erzählen, als ich noch zur Schule ging. Damals wegen dem Scheiß-Corona war alles anders, da mussten wir zu Hause sitzen und unsere Aufgaben von zu Hause machen. Ich sage euch, es war so schlimm." Kurze Unterbrechung. Der Akku ist leer.

Workout mit Schulbüchern

Auch in den anderen Wohnungen und Häusern der 9b laufen in dieser Woche die Handys heiß. Joel zum Beispiel filmt sich bei seinem täglichen Krafttraining. Statt der Hanteln stemmt er diesmal allerdings seine Schulbücher in die Luft. Damit möchte er ausdrücken, dass ihn die vielen Hausaufgaben gar nicht mehr loslassen. Die 15-jährige Selma zeigt in ihrem Video in vielen schnellen Schnitten immer dieselbe Einstellung, wie sie gebeugt am Schreibtisch sitzt. Das einzige, was sich ändert, sind die Farben ihrer Pullis und die Stapel der Bücher und der benutzten Teller und Tassen, die stetig größer werden.

"Alles wieder gutgegangen"

Irgendwelche positiven Aspekte in den Videos darzustellen, fällt den Schülern und Schülerinnen der 9b dagegen deutlich schwerer. Hannah filmt sich mit ihrem Hund beim Gassigehen. „Dafür habe ich jetzt viel mehr Zeit, das ist schön. Manchmal muss ich meinen Hund sogar überreden. Der ist das gar nicht gewohnt." Und die Maus, hat die noch was Positives? Akku aufgeladen, Kamera läuft wieder. "Ich sage ganz ehrlich, wir hatten auch Vorteile, wir konnten zum Beispiel sehr viel am Computer spielen. Und irgendwann konnten wir auch wieder in die Schule gehen dank dieser Impfung. Also, ist alles wieder gut gegangen."

Wann es wirklich wieder alles gut oder normal wird in der 9b, das kann ihnen im Moment keiner sagen. Am Montag präsentieren sie erstmal ihre gedrehten Videos. Nicht im Klassenzimmer, sondern zu Hause bei der nächsten Videokonferenz.

Die Leonore-Goldschmidt-Schule, auch als IGS Mühlenberg bekannt, ist eine Gesamtschule im hannoverschen Stadtteil Mühlenberg. Mit 2.000 Schülern und 150 Lehrern ist sie eine der größten Schulen in Hannover.

Einmal im Monat berichtet der NDR im Fernsehen bei Hallo Niedersachsen, im Hörfunk bei NDR 1 Niedersachsen und online bei ndr.de/Niedersachsen über die 9b.

Weitere Informationen
Saman Yussuf (Schüler), Kalsom Orya (Schülerin),	Marie Lassan (Klassenlehrerin) und	Matthias Meyer (Klassenlehrer). Von oben links nach unten rechts © NDR

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.02.2021 | 19:30 Uhr

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