NDR Serie: Die Klasse 9b - Endlich beginnt das Praktikum

Stand: 08.07.2021 20:00 Uhr

Der NDR begleitet die Klasse 9b der Leonore-Goldschmidt-Schule in Hannover-Mühlenberg durch das Schuljahr. Kurz vor den Ferien steht das Praktikum an, das wegen Corona bereits zwei Mal verschoben wurde.

von Tobias Hartmann

Klassenlehrer Matthias Meyer lehnt an seinem Pult und geht noch einmal laut die Liste mit den einzelnen Praktikumsplätzen durch. Kindergarten, Kiosk, TÜV-Nord, Grundschule, IT-Firma, Drogeriemarkt. Die Bandbreite ist groß. Meyer ist sehr zufrieden mit der Auswahl seiner Schüler und Schülerinnen. "Ich finde schon super, dass das Praktikum jetzt endlich stattfinden kann, dieser Weg raus aus der Schule, rein in den Betrieb, den Arbeitsalltag und die Menschen in dem Beruf kennenlernen, so persönliche Erlebnisse bekommen, das ist total wichtig für den weiteren Lebensweg", sagt der 42-Jährige.

Vorfreude und Skepsis vor dem Beginn

Saman grinst zufrieden, als sein Praktikumsplatz in der Kfz-Werkstatt vorgelesen wird. Das ist genau das, was er später auch beruflich machen möchte. "Ich will was dazulernen, möchte auch wissen, wie das Arbeitsleben so ist, ich habe ja noch keine Ahnung, wie das ist, vielleicht darf ich ja sogar mal einen Ölwechsel machen oder Reifen wechseln", berichtet der 16-Jährige erwartungsfroh. Bei Soraia mischt sich in die Vorfreude auch ein bisschen Skepsis. Sie macht ihr Praktikum in einem Kindergarten und gibt zu bedenken, dass es ja schon etwas komisch sei, weil man da erstmal mit Fremden arbeitet und bei den Kleinkindern wüsste man auch nicht, wie die so drauf sind. Letzte Aktion heute in der Schule: ausgeliehene Schulbücher zurückgeben und eine Ladung Corona-Schnelltests einpacken. Denn wie auch in der Schule sollen sich die 14- bis 16-Jährigen im Praktikum zwei Mal die Woche zu Hause testen.

"Ich bin einfach nicht so der Bürotyp"

Drei Tage später. Saman steht vor der offenen Motorhaube eines Kleinwagens und Kfz-Mechatroniker Adam Liposki erklärt ihm den Drehmomentschlüssel. Denn den braucht er jetzt, um die neue Zündkerze mit der nötigen Kraft reinzuschrauben. Saman hört aufmerksam zu. Zahlen und Berechnungen, die ihm im Mathe-Unterricht schon mal mächtig auf die Nerven gehen, findet er hier in der Werkstatt in der praktischen Arbeit plötzlich richtig spannend: "Ja, das ist mein Ding hier, jeden Tag was Neues, ich bin einfach nicht so der Bürotyp."

Probleme mit dem Duzen

Ein Schüler sitzt in einem Büro und schaut in die Kamera. © NDR
Hekma macht sein Praktikum bei einem Softwareentwickler in Hannover.

Das ist bei Hekma genau anders rum. Der sitzt nämlich im vierten Stock eines Softwareentwicklers in Hannover-List. Frisch renovierter Altbau, grüner Teppich, an jedem Arbeitsplatz ein PC. Bis auf zwei Mitarbeiter sind alle anderen wegen Corona noch im Homeoffice. Mitarbeiter Jan sitzt mit Hekma vor einem Rechner und erklärt ihm, wie man sich mit einer speziellen Programmiersprache seinen eigenen Taschenrechner erstellen kann. Hekma hört konzentriert zu. Die ersten zwei Tage ist es immer wieder passiert, dass er seinen Chef Markus und Mitarbeiter Jan gesiezt hat, obwohl die ihm von Anfang an das Du angeboten hatten. "Das war zuerst sehr ungewohnt für mich, weil in der Schule sagen wir ja auch 'Sie' zu den Lehrern, aber heute fällt es mir schon ein bisschen leichter, einfach Markus und Jan zu sagen", erzählt Hekma mit einem Lächeln im Gesicht.

Lieber IT-Branche als Medizin

Der Vater von Hekma arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus. Er hätte sich für seinen Sohn ebenfalls eine Laufbahn in der Medizin gewünscht. Aber Hekma sagt, er könne kein Blut sehen, also war schnell klar, dass er seine berufliche Zukunft in einem anderen Bereich suchen möchte. Sehr gerne würde er später im IT-Bereich arbeiten und das Praktikum hier sieht er als tolle Chance, in diesen Bereich mal reinzuschnuppern. An seinem zweiten Praktikumstag hat er sogar schon seine erste eigene App erstellt. Eine kleine Biene auf dem Bildschirm, die anfängt zu summen, wenn man sie mit der Maus anklickt. Für Hekma ein tolles Erfolgserlebnis auf dem langen Weg ins Berufsleben.

Erstaunen über ungewohnte Arbeitszeiten

Oleg, der Klassensprecher der 9b, räumt unterdessen im Stadtteil Ricklingen Bierbänke aus einem Bauwagen und baut sie auf dem daneben liegenden Spielplatz auf. Oleg macht sein Praktikum im Stadtteilzentrum Ricklingen und testet hier schon mal, ob sein Berufswunsch als Veranstaltungstechniker wirklich was taugt. Am Abend soll hier ein kleines Konzert stattfinden, das Oleg vom Aufbau bis zur Aufführung begleiten soll. Die Geschäftsführerin des Stadtteilzentrums Leila Semaan versorgt ihn mit Aufgaben. Ein paar Anwohner verfolgen neugierig den Aufbau. "Oleg, schnapp dir mal ein paar Flyer und verteile die bitte, ein bisschen Werbung machen gehört auch dazu", ruft Leila Semaan ihrem Praktikanten zu. Oleg hat seiner Chefin erzählt, dass er sehr gerne eigene Videos am Rechner erstellt. Jetzt darf er sogar einen eigenen Trailer als Hinweis für die kommenden Veranstaltungen produzieren, der dann auf der Homepage abrufbar sein soll. Das einzige, was Oleg noch für gewöhnungsbedürftig hält, sind die Arbeitszeiten. Mal geht es früh morgens los und manchmal erst am Nachmittag, dafür hat er dann erst spät abends Feierabend. "Wie im richtigen Leben, zumindest in diesem Beruf", ruft ihm Semaan zu. Oleg nickt und verteilt erstmal die Flyer.

Döner-Packung im Motorraum

Bei Saman endet der Praktikumstag mit einem ungewöhnlichen Fund. Beim Ausbau eines Ölfilters zieht er plötzlich verdutzt die zerknüllte Papierverpackung eines Döners aus dem Motorraum. "Oh, das war bestimmt ein Marder, der sich da eingenistet hatte und die Reste verspeist hat", erklärt ihm Kfz-Meister Lipowski. Saman kriegt auch langsam Hunger, aber jetzt müssen sie erstmal überprüfen, ob der Marder nicht nur Hunger auf Döner hatte, sondern eventuell noch weitere Kabel angeknabbert hat.

Einmal im Monat berichtet der NDR im Fernsehen bei Hallo Niedersachsen, im Hörfunk bei NDR 1 Niedersachsen und online bei ndr.de/Niedersachsen über die Klasse 9b.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.07.2021 | 19:30 Uhr

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