Stand: 05.10.2018 09:19 Uhr

Missbrauchsskandal: Havliza will Akteneinsicht

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Niedersachsens Justizministerin Havliza (CDU) fordert Akteneinsicht in den Missbrauchsfällen der katholischen Kirche.

Der Druck um die Aufklärung des Skandals um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche steigt: Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU) hat sich eingeschaltet und dringt nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie durch die Kirche auf weitere Aufklärung. Sie fordert die Bistümer auf, den Staatsanwaltschaften Einblick in die Unterlagen zu gewähren. "Ich erwarte nunmehr von den Bistümern eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit der Justiz", sagte Havliza der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

"Aufklärung ist Aufgabe der Justiz und nicht der Kirche"

"Dies ist ein wichtiger Schritt zur umfassenden Aufklärung der im Raume stehenden Vorwürfe, was selbstverständlich Aufgabe der Justiz und nicht der Kirche ist", bekräftigte Havliza. Sie hat die drei Generalstaatsanwaltschaften in Niedersachsen um einen Bericht gebeten, wie viele der von den Bistümern Hildesheim und Osnabrück genannten Missbrauchsfälle Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen sind oder waren. Laut der Missbrauchsstudie sind wohl nicht alle der untersuchten Fälle den Staatsanwaltschaften in Niedersachsen bekannt. Die Bistümer hätten teils offenbar selbst die Prüfung vorgenommen.

Kommentar

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Kirche gewährte keinen Zugang zu Archiven

Zwischen 1946 und 2014 sollen insgesamt 1.670 katholische Geistliche 3.677 meist männliche Minderjährige sexuell missbraucht haben. Das ist das Ergebnis einer von der Bischofskonferenz 2014 in Auftrag gegebenen Studie. Harald Dreßing, der der Untersuchung vorstand, hatte mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Kirche beklagt. So sei den Autoren der Untersuchung kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden.

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Kriminologe kritisiert fehlende Transparenz

Die mangelnde Transparenz der Studie kritisiert auch der Kriminologe und ehemalige Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Christian Pfeiffer. Ihm zufolge hat die Kirche nur einen pauschalen Datensatz zur Verfügung gestellt. "Die Wissenschaft braucht Zugang zu den Akten jedes einzelnen Bistums", betonte Pfeiffer. "So weiß sie nicht: Wo fand welcher Missbrauch statt?" Der Kriminologe hatte nach ursprünglichen Plänen, die Studie selbst anzufertigen, davon Abstand genommen. Die Kirche habe ihm keinen Zugang zu den Originalakten gewähren wollen.

Paralleljustiz bei der Kirche?

Die Frage, ob man im Falle der Kirche von einer Art Paralleljustiz sprechen könne, verneinte Ministeriumssprecher Christian Lauenstein. Auf Nachfrage, ob es im Falle des Missbrauchsskandals nicht genug Hinweis auf massive Rechtsbrüche gebe, die Durchsuchungen rechtfertigen würden, sagte Lauenstein, es sei ihm nicht bekannt, dass es schon mal Durchsuchungen bei der Kirche gegeben hätte. "Ein Segen unserer Rechtssprechung ist, dass die Staatsanwaltschaft nicht irgendwo reinmarschieren kann, um mal eben alles zu durchsuchen", sagte Lauenstein. Es brauche einen Anfangsverdacht. "Aus der Studie geht nicht viel Konkretes hervor - keine konkreten Taten, keine Namen von Opfern, keine Namen von Tätern", so Lauenstein weiter. Wenn man all das nicht habe, tue sich die Justiz schwer damit, einen Anfangsverdacht zu bejahen. "Deswegen ist die Kooperation mit der katholischen Kirche sehr wichtig."

Kirche will Ansprechstellen einrichten

Das Bistum Hildesheim betonte dagegen, dass die Archive schon durch einen unabhängigen Juristen ausgewertet worden seien, und kündigte an, dass in naher Zukunft externe, unabhängige Experten als Ansprechpersonen für Fälle sexualisierter Gewalt in fünf verschiedenen Regionen des Bistums angesiedelt würden.

Hilfe für Betroffene

Betroffene von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche können sich an die folgenden Beratungsstellen wenden:

Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung
Tel.: 0800 22 55 530

Katholische Kirche
Tel.: 0800 000 56 40

Weißer Ring e.V.
Tel.: 116 006

Eckiger Tisch
Email: info@eckiger-tisch.de

 

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 05.10.2018 | 10:00 Uhr

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