Stand: 16.04.2019 07:19 Uhr

Missbrauchsfall Lügde: Polizei übersieht Schuppen

von Britta von der Heide, Barbara Jung, Jana Stegemann

Im Fall des mutmaßlich massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde hat es offenbar eine weitere Ermittlungspanne gegeben. Nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) haben Polizei und Staatsanwaltschaft einen Schuppen des Hauptbeschuldigten auf dem Campingplatz bis zum Montag übersehen.

Reporter von NDR, WDR und SZ hatten am Montagnachmittag bei der Polizei Bielefeld angefragt, ob der Schuppen in direkter Nähe zur Parzelle des Hauptverdächtigen durchsucht worden sei. Polizei und Staatsanwaltschaft beantworteten die Fragen zunächst nicht.

Campingplatz-Betreiber: Polizei wusste vom Schuppen

Am späten Montagabend teilten die Behörden dann mit, dass ihnen bisher keine Erkenntnisse darüber vorgelegen hätten, dass dieses Häuschen dem Hauptbeschuldigten zuzuordnen gewesen sei. Deshalb sei der Schuppen bisher auch nicht Gegenstand der polizeilichen Maßnahmen gewesen. In der gleichen Pressemitteilung räumt die Polizei aber auch ein, dass der Betreiber des Campingplatzes behauptet, die Polizei bereits vor längerer Zeit über die Existenz des Schuppens informiert zu haben.

Die Behörden gaben außerdem bekannt, dass sie den Geräteschuppen nun durchsucht hätten. Dabei seien Werkzeuge und Metallschrott gefunden worden - allerdings keine Gegenstände, die als Beweismittel infrage kommen könnten. Unerwähnt ließen Polizei und Staatsanwaltschaft, dass der Abrissunternehmer den Schuppen längst ausgeräumt hatte, da der Tatort seit dem 27. März offiziell von der Polizei wieder freigegeben war.

Mehrere Datenträger im Schrott gefunden

Danach hatte der Besitzer des Campingplatzes die Räumung der Parzelle in Auftrag gegeben. Der dafür zuständige Abrissunternehmer Christopher Wienberg vom CAW Abbruchunternehmen in Bad Pyrmont hatte damit in der vergangenen Woche begonnen und immer wieder Datenträger im Abrissschrott gefunden. Erst drei CDs und zwei Disketten, dann am Montagnachmittag unter anderem elf Videokassetten.

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Kritik auch von Polizeigewerkschaft

In einer Pressemitteilung am Montagnachmittag hatte die Polizei betont, dass die Tatorte sehr aufwendig untersucht worden seien. Es habe daher keine Veranlassung gegeben, Beamte tagelang für eine Beobachtung der Abrissarbeiten abzustellen. Kritiker bemängeln genau dieses Verhalten der Polizei. Sogar der Vorsitzender der Polizeigewerkschaft von NRW (GdP), Michael Mertens, hatte gesagt, man könne sich schon fragen, warum weder Polizei noch Staatsanwaltschaft die Abrissarbeiten begleitet hätten.

"Ermittlungen das reinste Chaos"

Der innenpolitische Sprecher der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag, Hartmut Ganzke, sagte, er wolle nicht mehr von Ermittlungspannen sprechen, er beschrieb die Ermittlungen als "das reinste Chaos". NDR, WDR und "SZ" sagte Ganzke: Damit die Bevölkerung wieder Vertrauen gewinne, müsse Nordrhein-Westfalens Innenminister, Herbert Reul (CDU), Verantwortung übernehmen und zurücktreten.

Auf dem Campingplatz in Lügde soll ein Dauercamper mit einem Komplizen über Jahre hinweg mindestens 40 Kinder sexuell missbraucht und dabei auch gefilmt haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 16.04.2019 | 07:30 Uhr

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