Stand: 26.02.2019 20:25 Uhr

Missbrauch in Lügde: 16-Jähriger tatverdächtig

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Die Polizei hat einen 16-Jährigen vernommen, der kinderpornografisches Material aus Lügde besessen haben soll.

Die Nachrichten im Fall des massenhaften Missbrauchs in Lügde an der Grenze zu Niedersachsen nehmen kein Ende. Inzwischen gibt es einen vierten Tatverdächtigen. Der 16-jährige Jugendliche soll nach Informationen des WDR im Besitz von kinderpornografischem Material sein, das nach Angaben des Detmolder Oberstaatsanwalts Ralf Vetter dem Tatort in Lügde zuzuordnen sei. Der 16-Jährige wurde am Montag vernommen und befindet sich auf freiem Fuß. Offenbar ist momentan unklar, in welchem Verhältnis der Junge zu den drei Verdächtigen aus Lügde, Steinheim und dem niedersächsischen Stade steht und ob er sich persönlich auf dem Campingplatz aufgehalten hat. Am Dienstag kam zudem heraus: Der 56-jährige Hauptbeschuldigte stand schon 2002 im Verdacht, ein damals achtjähriges Mädchen missbraucht zu haben. Das sei einer alten Übersicht zu Sexualdelikten zu entnehmen, wie die NDR Regionalsendung Niedersachsen 18 Uhr berichtete.

Missbrauchsserie: Vorwürfe gehen bis ins Jahr 2002 zurück

Es tun sich auch in diesem lange zurückliegenden Fall Abgründe auf: Offenbar war der Verdacht des Missbrauchs vor 17 Jahren bei der Polizei bekannt. Laut Herbert Reul (CDU), dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen, sei bislang unklar, ob die Behörde im Landkreis Lippe damals Ermittlungen eingeleitet habe. In der gleichen Übersicht wurde zudem auf einen Fall aus dem Jahr 2008 Bezug genommen, der nicht an die Staatsanwaltschaft weitergegeben worden ist. "Es sieht aus, dass es noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe", sagte Reul am Dienstag in einer Sondersitzung des Düsseldorfer Landtages. Der von ihm eingesetzte Sonderermittler Ingo Wünsch sieht bei der besagten Kreispolizeibehörde eine Serie des Versagens: "Im Ergebnis gab es schwere handwerkliche Fehler, die sich potenziert haben. Verantwortliche Führung ist nicht erkennbar." Am Donnerstag will sich auch der Niedersächsische Landtag auf Antrag von CDU und Grünen mit dem Fall an der Landesgrenze befassen.

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Noch ein Verdächtiger?

Offenbar wird ein weiterer Fall gegen einen noch unbekannten Verdächtigen geprüft. Der Mann aus Steinheim im Landkreis Höxter soll im April 2018 eine damals 15-Jährige auf dem Campingplatz betrunken gemacht und vergewaltigt haben. Die Mutter der Jugendlichen hatte Anzeige erstattet. Laut Oberstaatsanwalt Vetter wurden die Ermittlungen bald eingestellt, weil es keinen hinreichenden Tatverdacht gegeben habe. Innenminister Reul sagte, es werde geprüft, ob dieser Fall zum Tatkomplex gehöre.

Polizeiwachen werden durchsucht

Aktuell wird die Suche nach verschwundenen Beweismitteln im Fall Lügde fortgesetzt. Das bestätigt die Polizei in Bielefeld. Es sei eine groß angelegte Suche in mehreren Polizeiwachen im Landkreis Lippe in Nordrhein-Westfalen. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft in Detmold sind 155 CDs und DVDs verschwunden. Aufgefallen war das Abhandenkommen der diversen Datenträger als sie in einen extra eingerichteten Asservatenraum umgelagert werden sollten. Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass die Beweismittel aufgrund nachlässigen Umgangs nicht mehr auffindbar sind. Auch ein Diebstahl kommt aus Sicht der Behörde in Betracht.

Behördenversagen: Vorwürfe gegen Jugendämter und Polizei

60 Beamte ermitteln in der Missbrauchsserie. Bislang sind 31 Opfer im Alter von 4 bis 13 Jahren identifiziert, darunter auch Kinder aus Niedersachsen. Es geht um mehr als 1.000 Einzelfälle. Neben den vier mutmaßlichen Tätern besteht bei drei Männern der Verdacht auf Beihilfe und Strafvereitelung. Im Fokus der Fahnder stehen zudem 14 Amtsträger: zwei Polizisten, vier Mitarbeitende von Jugendorganisationen sowie acht Mitarbeitende von Jugendämtern, unter anderem aus der Behörde im niedersächsischen Landkreis Hameln-Pyrmont. Vor einigen Tagen hatte es nach dem Verschwinden der Beweismittel personelle Konsequenzen gegeben. Ein leitender Ermittler wurde suspendiert. Am Dienstagabend wurde zudem Lippes Polizeidirektor strafversetzt. Der Landrat des Landkreises Lippe, Axel Lehmann (SPD), sprach von "eklatanten Fehlleistungen" bei der Polizei.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 26.02.2019 | 14:00 Uhr

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