Stand: 18.07.2019 16:55 Uhr

Lügde-Urteil: Staatsanwaltschaft legt Revision ein

Die Staatsanwaltschaft Detmold hat nach dem ersten Urteil im Missbrauchsskandal Lügde (Nordrhein-Westfalen) einen Antrag auf Revision gestellt. Sobald das schriftliche Urteil des Landgerichts vorliegt, hat die Behörde vier Wochen Zeit, den Antrag zu begründen. Dann überprüft der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil auf Rechtsfehler. Sollte der BGH fündig werden, müsste das Landgericht Detmold den Fall neu verhandeln.

Zwei Jahre auf Bewährung für Heiko V.

Das Gericht hatte den 49-jährigen Heiko V. aus Stade am Mittwoch wegen Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch an einer heute 19-Jährigen zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten gefordert, die Nebenklage-Anwältin eine von dreieinhalb Jahren. Bei vielen Menschen löste das Strafmaß Verwunderung aus: Sie halten es für zu mild. Besonders in sozialen Netzwerken wie Facebook wird heftig diskutiert. Für seine Entscheidung hat das Gericht verschiedene Gründe.

Richterin betont: Urteil ist kein Freispruch

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Heiko V. hatte am ersten Prozesstag gestanden, das kam ihm beim Urteil zugute.

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda hielt Heiko V. unter anderem zugute, dass er die Vorwürfe voll eingeräumt hat und sich bei seinem Opfer, dessen Missbrauch er mehrfach über einen Videochat angeleitet und beobachtet hatte, entschuldigt habe. Grudda betonte bei der Urteilsverkündung, dass die Bewährungsstrafe für Heiko V. alles andere als ein Freispruch sei. Er habe aber nie selbst ein Kind missbraucht, seine Taten seien deshalb nicht vergleichbar mit dem hundertfachen Missbrauch von Kindern durch die Angeklagten Andreas V. und Mario S. Außerdem habe er bereits fast sieben Monate in Untersuchungshaft gesessen. "Wenn wir Ihren Fall nicht im Zusammenhang mit Lügde und dem großen medialen Interesse verhandelt hätten, dann wäre Ihr Prozess wahrscheinlich vor einem Amtsgericht verhandelt worden. Die Öffentlichkeit hätte davon dann kaum etwas wahrgenommen", sagte Grudda.

ARD-Rechtsexperte: "Jeder hat sofort Bilder im Kopf"

Diese Einschätzung teilt auch ARD-Rechtsexperte Christoph Kehlbach. "Wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie geht, hat jeder sofort Bilder im Kopf, die er mit den Beteiligten in Verbindung bringt", sagte Kehlbach. In einem Prozess gehe es jedoch darum, was ein Angeklagter konkret getan habe. Die Vorwürfe gegen die beiden Hauptbeschuldigten wögen im Vergleich viel schwerer.

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Gutachter hält Angeklagten nicht für pädophil

Für das Strafmaß war laut Gerichtssprecherin zudem entscheidend, dass der Angeklagte nur für einen vergleichsweise kurzen Zeitraum - etwa sechs Monate in den Jahren 2010 und 2011 - an den Taten beteiligt gewesen sei. Danach habe er Angebote zu weiteren Videochats beziehungsweise Besuchen in Lügde abgelehnt. Laut Gutachter ist V. nicht pädophil, sein sexuelles Interesse konzentriere sich nicht allein auf Kinder. "Sein Sexualleben ist auffällig, aber nicht krankhaft", sagte Psychiater Bernd Roggenwallner im Prozess. Nachdem seine Ehe zerbrochen sei, habe der Angeklagte unter anderem aus "Neugierde und sexueller Langeweile" Kinderpornografie konsumiert, wie der WDR berichtete.

Zu Geldstrafe und Therapie verurteilt

Über die Bewährungsstrafe hinaus verurteilte Richterin Grudda Heiko V. zu einer Geldstrafe von 3.000 Euro, die er seinem Opfer zahlen muss. "Wir wissen, dass das Ihr Leid nicht wieder gutmacht. Sie müssen ein Leben lang mit den Folgen leben", sagte Grudda in Richtung der Frau, die als Kind auf dem Campingplatz missbraucht worden war. Daher könne das Geld nur ein kleiner Trost sein. Zudem muss der Verurteilte eine Therapie machen.

Gesetzgebung reicht NRW-Familienminister Stamp nicht aus

Der nordrhein-westfälische Familienminister Joachim Stamp (FDP) sieht durch den Fall Gesetzeslücken offenbart. "Das Strafmaß reicht hier nicht aus", sagte Stamp. "Es kann nicht sein, dass es bei einem solchen Vergehen, was Leben zerstört, Bewährungsstrafe geben kann." Als Kritik am Gericht sei das nicht zu verstehen, sondern an der Gesetzgebung. Auch der Deutsche Kinderschutzbund fürchtet, dass das Strafmaß nicht abschreckend genug ist. Es stelle "sich die Frage, wie das Urteil auf andere Täterinnen und Täter wirkt, die kinderpornografisches Material besitzen oder zu sexueller Gewalt anstiften", sagte die nordrhein-westfälische Geschäftsführerin Krista Körbes.

Steuersünder werden härter bestraft, oder?

Ein Kritikpunkt, der gerade bei Missbrauchsfällen immer wieder bei Urteilen angebracht wird, ist, dass in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen werde. Während ein Steuersünder für Jahre ins Gefängnis müsse, dürfe ein "Kinderschänder" frei herumlaufen, heißt es etwa. "Das Argument hört man oft", sagte Rechtsexperte Kehlbach. Er empfiehlt, genau hinzuschauen. Für jeden Bereich gebe es einen Strafrahmen, in den sich die konkrete Tat einsortiere. Tatsächlich gebe es viele Fälle im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch, in denen die Täter für viele Jahre ins Gefängnis kämen. Ebenso gebe es viele Fälle, in denen Menschen wegen Steuerhinterziehung mit Geldstrafen belegt würden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 18.07.2019 | 10:00 Uhr