Stand: 19.02.2019 20:30 Uhr

Lügde: Über Wochen kaum Besuche bei Pflegevater

Bei einer Pressekonferenz am Dienstag hat Tjark Bartels (SPD), Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, weitere Details zur Freistellung eines Mitarbeiters des Jugendamtes im Zusammenhang mit dem Missbrauchsfall von Lügde bekanntgegeben. Dazu räumte er eine "Betreuungslücke" ein. Konkret ging es dabei um Besuche bei dem Pflegevater, der jetzt als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft sitzt. Wegen der "Unverträglichkeit" (Bartels) einer Angestellten des mit den Besuchen beauftragten sozialen Dienstleisters mit dem Pflegevater sei ein Nachfolger für die Frau gesucht worden. Dieser Wechsel habe dazu geführt, dass über einen Zeitraum von acht Wochen offenbar keine oder nur vereinzelte Besuche bei dem Tatverdächtigen gab. "Ich glaube, dass wir es besser hätten begleiten sollen", sagte Bartels. Zuvor hatten die Besuche im wöchentlichen Rhythmus stattgefunden.

Zukunft des freigestellten Mitarbeiters unklar

Der Aktenvermerk, der nachträglich eingefügt wurde, gab eine Zusammenfassung der Abläufe sowie eine Beschreibung der Situation wieder. "Es war der Wunsch, die Akte leichter lesbar, leichter verdaulich zu machen, ohne dass man etwas verfälscht. Er wollte es vollständig haben", sagte der Landrat. Am Freitag vergangener Woche war der Mitarbeiter des Jugendamtes, laut Bartels eine Führungskraft, von seinen Aufgaben entbunden worden. "Er hat sich am Morgen bei mir gemeldet und erzählt, dass er einen Vermerk unter einem anderem Datum in die Akte eingefügt habe", sagte Bartels. Es sei nichts Falsches oder Verfälschendes gewesen, aber: "Eine Rückdatierung wird zum Problem, wenn ich sie mit Wissen vornehme, dass ich zur Zeit der Erstellung nicht gehabt habe und damit eine Zielsetzung verfolge", so Bartels weiter. Was mit dem freigestellten Mitarbeiter weiter passiert, sei derzeit noch nicht entschieden.

"So funktioniert System nicht"

"Ich glaube nicht, dass der Missbrauch hätte erkannt werden können", sagte Bartels. Man könne nicht jeden Pflegevater oder jede Pflegemutter unter Vorbehalt unangemeldet ständig heimsuchen. "So funktioniert unser System nicht." Dazu würden Missbrauchstäter auch dafür sorgen, dass sie unentdeckt bleiben. "Wenn das so einfach wäre, hätte ja auch ein Nachbar das alles entdeckt, wenn er sich abends eine Dose Bier abholt", sagte Bartels. Hinweise auf Missbrauch in den Akten des Landkreises gebe es bislang nicht, höchstens noch in der Akte, die derzeit bei der Staatsanwaltschaft sei. Aber auch dort, so Bartels, werde vermutlich nichts zu finden sein.

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Hinweise an das Jugendamt

Eine Mutter, die mit ihrer Anzeige die Ermittlungen zu dem Missbrauchsfall auf dem Campingplatz auslöste, hat schwere Vorwürfe gegen Polizei und Jugendämter erhoben. Es habe schon 2016 Hinweise auf einen möglichen Missbrauch gegeben. "Wenn sie schon 2016 den Hinweisen nachgegangen wären, dann wäre meiner Tochter nichts passiert", sagte sie in einem Interview mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Die Behörden gingen aber erst nach einer Anzeige im Oktober 2018 gegen die Verdächtigen vor, obwohl Hinweise zuvor auch beim Jugendamt eingegangen waren.

Drei Hauptverdächtige in Untersuchungshaft

Derzeit gehen die Ermittler davon aus, dass mindestens 31 Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Zu den drei Hauptverdächtigen gehört ein 56-jähriger Dauercamper. Er soll seine Pflegetochter missbraucht haben. Ein 48-Jähriger aus Stade soll den Missbrauch unter anderem über das Internet verfolgt und die Täter angeleitet haben. Außerdem wird ein 33-Jähriger aus Steinheim (Landkreis Höxter) verdächtigt, an den Taten beteiligt gewesen zu sein. Die drei Männer sitzen in Untersuchungshaft, gegen drei weitere Verdächtige wird ermittelt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 19.02.2019 | 17:00 Uhr

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