Stand: 16.04.2019 07:29 Uhr

Lügde: Weitere Datenträger aufgetaucht

von Barbara Jung, Jana Stegemann, Britta von der Heide

Abrissunternehmer Christopher Wienberg kann es nicht fassen. Schon wieder hat er Datenträger gefunden - diesmal mehr als zehn VHS-Kassetten. Es ist schon das dritte Mal, dass er im Müll des Hauptverdächtigen im Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde (Landkreis Lippe) Materialien entdeckt. Materialien, auf denen sich eventuell weitere Beweise für den mutmaßlich tausendfachen Missbrauch an Kindern befinden könnten. Wieder ruft der 29-jährige Abrissunternehmer bei der Polizei an. Er zittert, ist außer sich: "Was soll ich denn jetzt machen?"

Abrissunternehmer widerspricht der Polizei

Wienberg arbeitet beim CAW Abbruchunternehmen in Bad Pyrmont und ist seit Tagen nicht gut auf die Polizei zu sprechen. Schon in der vergangenen Woche hatten er und seine Mitarbeiter fünf Datenträger entdeckt, als sie einen abgebrochenen Teil der Behausung in einen Container luden. Sie hatten die Polizei gerufen und die CDs den Beamten übergeben. Auf eine Anfrage von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung gab die Polizei anschließend bekannt, bei den Abrissarbeiten sei zwischen zwei Bodenplatten ein Hohlraum freigelegt worden. Dort sollen sich die Datenträger befunden haben. Doch das habe er so niemals gesagt, beteuert der Unternehmer: "Ich möchte das hier noch mal ganz klar unterstreichen, dass wir diese Aussage niemals getätigt haben."

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Missbrauch in Lügde: Polizei übersah Datenträger

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Im Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde war die Hütte eines Verdächtigen von der Polizei freigegeben worden. Ein Abrissunternehmer fand danach mehrere Datenträger. Video (01:39 min)

Fehler bei der Suche nach Beweisen?

So oder so stellt sich die Frage, wieso diese Datenträger nicht bei einer der zahlreichen vorausgegangenen Durchsuchungen der Parzelle gefunden worden waren. Laut Polizei wurde die Tatortarbeit nach höchsten Standards - analog zur Tatortarbeit bei Mord und Totschlag - durchgeführt. Die Polizei habe dabei jedoch keine Gewalt angewendet. Eine Zerstörung der Behausung sei vom richterlichen Durchsuchungsbeschluss nicht gedeckt und somit für Polizei und Staatsanwaltschaft aus rechtlichen Gründen nicht zulässig gewesen.

Nach der Auffassung des Opferanwaltes Roman von Alvensleben, der ein achtjähriges Opfer vertritt, sei die Ausübung von Gewalt bei der Durchsuchung des Bretterverschlags gerade wegen der Schwere der Tatvorwürfe gerechtfertigt gewesen: "Die Tatsache, dass immer noch Beweismittel aufgefunden werden, führt mich zu der Bewertung, dass hier scheinbar immer noch der Umfang des notwendigen und erforderlichen Einsatzes verkannt werden. Es ist nicht ausreichend zu sagen, wir haben schon genug Beweismittel. Es geht um jedes einzelne Opfer und sein Bedürfnis nach Aufklärung".

Polizei ging offenbar Hinweisen nicht nach

Gegenüber NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" gab zudem die Mutter einer Opferfamilie an, dass sie im Januar und Februar 2019 mehrmals bei der Kriminalpolizei Detmold ausgesagt habe, dass der Beschuldigte Andreas V. ihr im Gespräch erzählt habe, wo man am besten Geld oder Wertsachen verstecken könne. Und zwar in der Hausdämmung, hinter der Revisionsklappe der Badewanne, in Hohlräumen oder auch wenn man den Boden hochnehmen kann, in einem Hohlraum darunter. Die Polizei habe ihr versichert, man kümmere sich darum. Zur Nachfrage, warum bei den Durchsuchungen der Behausung von Andreas V. auf dem Campingplatz diesen Hinweisen nicht nachgegangen sei, hat sich die Polizei am Montag nicht geäußert.

"Der Verdacht auf eine ungewöhnlich fehlerhaft agierende Polizei vor Ort lässt sich nicht von der Hand weisen", sagt Georg Prüfling, ehemaliger Leiter des Erkennungsdienstes in Bonn und Dozent für "Tatortinspektion" an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Die Strafprozessordnung gäbe den Ermittlungsbehörden eine Vielzahl von Ermächtigungen zur Sicherung und Suche von Beweismitteln an die Hand.

Abriss der Parzelle ohne Polizei

Der Abrissunternehmer Wienberg äußerte zudem Verwunderung darüber, dass die Polizei den Abriss nicht begleitete. Auch nach den erneuten Funden von Datenträgern nicht. "Die ganze Parzelle war bebaut von vorne bis hinten, es waren abgehangene Decken vorhanden, die Fußböden waren teilweise mit drei verschiedenen Belegen verkleidet. Und ja, das hat uns am Anfang schon gewundert, dass da niemand dabei ist, der das begleitet."

Am Montagmorgen schien es zunächst so, als würde die Polizei den Abtransport doch noch begleiten. Die Polizei Bielefeld hatte Wienberg angerufen und gebeten für die beiden letzten Container einen Abladeplatz zu finden. Man wolle noch mal den Schutt durchsuchen, teilten die Beamten mit. Wienberg suchte einen geeigneten Platz. Doch wenig später kontaktierte die Polizei Bielefeld ihn erneut: Kommando zurück, sie kämen nicht mehr vorbei, die beiden Container könnten entsorgt werden. Zu diesem Zeitpunkt waren neun Container voller Schutt, Müll und anderen Abfällen mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in einer Müllverbrennungsanlage vernichtet worden.

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Die Polizei hatte den Tatort am 27. März freigegeben. Danach drängte der Besitzer des Campingplatzes, Frank Schäfsmeier, darauf, dass die Parzelle geräumt wird. Nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" willigte der Beschuldigte Andreas V. ein, sodass der Abriss in der vergangenen Woche beginnen konnte. Für Staatsanwaltschaft und Polizei bestand laut eigenen Angaben keine Veranlassung, Beamte tagelang für eine Beobachtung der Abrissarbeiten abzustellen oder selbst auf Kosten der Steuerzahler einen Abriss vorzunehmen.

Keine Hinweise auf weitere Opfer

Die Polizei gab am Montag bekannt, man habe bisher keine Hinweise auf weitere Opfer auf den Datenträgern finden können. "Aufgrund von Beschädigungen lässt sich aktuell lediglich eine CD teilweise auslesen", heißt es in dieser Mitteilung. Deren Daten seien aber "nicht relevant". Die Behörden bleiben auch bei ihrer Version, dass die Datenträger in einem doppelten Boden im Wohnwagen des Verdächtigen versteckt gewesen sein sollen.

Die am Montag gefundenen VHS-Kassetten ließ die Polizei mittlerweile abholen. Nach einer ersten Durchsicht enthielten die Datenträger "keine strafrechtlich relevanten Inhalte, sondern Unterhaltungssendungen", teilte die Behörde mit. Die Herkunft war zunächst unklar. Ob Unbekannte die Datenträger in dem Container abgelegt hätten, sei Gegenstand von Ermittlungen. Dass die Datenträger aus der Behausung des Hauptverdächtigen Dauercampers stammten, schlossen die Ermittler aus. Die Datenträger seien "obenauf in einem Container aufgefunden worden, in dem Abrissschutt von der Parzelle des Hauptbeschuldigten zur Entsorgung abgeladen worden war", hieß es.

Abrissunternehmer Wienberg wird sein Einsatz auf dem Campingplatz in Lügde noch lange beschäftigen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 16.04.2019 | 07:30 Uhr

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