Stand: 27.05.2019 08:11 Uhr

Kundgebung nach Anschlag in Hemmingen

Auf die Haustür des älteren Ehepaars wurde das Wort "Jude" geschmiert.

Nach einem Anschlag auf das Haus eines jüdischen Paares in Hemmingen in der Region Hannover ist am Nachmittag in Hannover eine Kundgebung geplant. Aufgerufen hat das Bündnis "Gegen jeden Antisemitismus". In der Nacht zum 18. Mai hatten Unbekannte vor der Haustür der beiden über 80 Jahre alten Eheleute ein Feuer gelegt. Zudem wurde auf das Gebäude mit roter Farbe das Wort "Jude" aufgesprüht. Auch das Eingangstor zu einem nahe gelegenen Schrebergarten des Paares wurde mit dem Schriftzug beschmiert. Die Flammen erloschen von selbst, das Paar blieb unverletzt. "Dem ersten Anschein nach dürfte der Vorfall antisemitisch motiviert gewesen sein", sagte Oberstaatsanwalt Thomas Klinge am Sonntag. Ein persönlicher Hintergrund könne aber auch nicht ausgeschlossen werden. Ein Tatverdächtiger konnte laut Klinge bislang nicht ermittelt werden.

Postzusteller entdeckt NS-Symbole

Unterdessen hat es am Wochenende erneut einen Vorfall gegeben. Unbekannte haben nach Polizeiangaben im Stadtteil Westerfeld an einem öffentlichen Briefkasten ein spiegelverkehrtes Hakenkreuz eingeritzt. Daneben habe sich ein SS-Zeichen befunden. Ein Postzusteller hatte die Symbole entdeckt und die Polizei informiert.

Schuster: "Neue Qualität von Antisemitismus

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sieht in dem Angriff auf das Wohnhaus eine "neue Qualität" von Antisemitismus erreicht. "Hier wurde nicht eine jüdische Einrichtung angegriffen, die als solche deutlich zu erkennen ist, sondern hier haben die Täter den privaten Wohnort eines jüdischen Ehepaares ausfindig gemacht und sind mit dem Anschlag deutlich in deren Privatsphäre eingedrungen", sagte er der "Welt am Sonntag". Laut Schuster hat sich die Lage "insgesamt wirklich verschlechtert". Das aggressive politische Klima wirke sich aus. Es sei Zeit, dass sich der Wind in der Gesellschaft drehe, sagte er der Zeitung.

Antisemitismus-Beauftragter: Kippa nicht überall tragen

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat Juden davon abgeraten, sich überall in Deutschland mit der traditionellen Kopfbedeckung Kippa zu zeigen. Das sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Sonnabendausgaben). Er habe seine Meinung "im Vergleich zu früher leider geändert", sagte Klein. Seinen Meinungswandel begründete er mit der "zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung", die einen fatalen Nährboden für Antisemitismus darstelle.

Äußerung sorgt für Empörung in Deutschland und Israel

Mit dieser Äußerung sorgte Klein in Deutschland und Israel für Empörung. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin teilte am Sonntag mit, dieser Rat habe ihn "zutiefst schockiert". Ängste über die Sicherheit deutscher Juden seien eine Kapitulation vor dem Antisemitismus und ein Eingeständnis, dass Juden auf deutschem Boden wieder nicht sicher seien, so Rivlin. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Schuster, stellte sich allerdings hinter Kleins Äußerung. Er selbst habe bereits vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass Juden in einigen Großstädten potenziell einer Gefährdung ausgesetzt sind, wenn sie als Juden zu erkennen sind, sagte er. Es sei "zu begrüßen, wenn diese Situation auch auf höchster politischer Ebene mehr Aufmerksamkeit erfährt".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 27.05.2019 | 17:00 Uhr

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