Stand: 22.11.2021 16:55 Uhr

Kampf gegen Organisierte Kriminalität: Wenig Vision

von Angelika Henkel
Angelika Henkel © NDR
NDR Redakteurin Angelika Henkel kommentiert zum Thema Organisierte Kriminalität.

Die Zahlen klingen nüchtern. Mit 30 Verfahren bildet das Rauschgift den Schwerpunkt der Ermittlungen gegen die Organisierte Kriminalität, heißt es am Montag. Gegen 230 Tatverdächtige wurde 2020 ermittelt, vor allem geht es um Kokain und Cannabis. Falls irgendwer jetzt denkt: Och, geht ja... Achtung! Das ist keine Abbildung der Realität: Es sind die Verfahren, die die Polizei bearbeitet hat. Das sogenannte Hellfeld. Das Dunkelfeld - wie viele Tonnen Drogen werden geschmuggelt, wie viele Händler verdienen daran, wie viele Banden gibt es - ist unbekannt.

Marktwert der gefundenen Drogen: mehr als eine Milliarde Euro

Nur zur Erinnerung: Als Anfang des Jahres in Hamburg 16 Tonnen Kokain aus dem Verkehr gezogen wurden, hat das den Verkaufswert der Droge auf der Straße nicht verändert. Daraus schließen die Fachleute des Landeskriminalamtes, dass der Markt überschwemmt ist und 16 Tonnen für die Kriminellen einfach mal verkraftbar sind. Der Marktwert allein von diesem Fund: mehr als eine Milliarde Euro! Vergleicht man das mit dem Polizeietat des Landes Niedersachsen - dann sind das zwei Drittel der Mittel, die die Polizei überhaupt zur Verfügung hat. Das muss man sich mal vorstellen. Ich finde das beunruhigend. Zumal das Thema Drogenhandel bei der Pressekonferenz der Justizministerin und des Innenministers so besprochen wurde, als ginge es um ein nicht änderbares Übel und als seien Polizei und Justiz erfolgreich im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität. Viel Routine, wenig Vision.

Zustände wie in den Niederlanden? Wir müssen aufpassen!

Haben Sie schon gehört, was gerade in den Niederlanden passiert? Unserem Nachbarland. Ein investigativer Journalist wurde ermordet. Andere werden bedroht, müssen beschützt werden. Anwälte, Politiker, Richter - unter Polizeischutz. Die Drogenbarone spähen den Premier aus. Das macht mir Angst. Es heißt nicht, dass bei uns automatisch dasselbe droht. Aber: Wir müssen aufpassen! Deshalb hätte ich weniger Selbstlob der Minister und mehr Konzepte erwartet. Aber da kam nichts. Nur auf Nachfrage finden beide Minister die Idee ganz gut, wenn große Geschäfte nicht mehr bar bezahlt werden dürfen. Experten sehen das als wichtiges Instrument gegen Geldwäsche - also wenn Drogenbanden versuchen, das illegale Geld so zu verwenden, dass es legal wird.

Hat das Innenministerium kein Interesse?

Und noch etwas wundert mich: Für was interessieren sich eigentlich die Innenpolitiker im Landesparlament? Im Innenausschuss jedenfalls gab es noch keine Frage an die eigenen Fachleute im Landeskriminalamt, um sich mal ein Bild zu machen. Keine Suche nach Lösungen. Kein Streiten. Kein Diskutieren. Keine Workshops oder Klausurtreffen. Ich kann daraus nur schließen, dass es kein Interesse gibt für die Gefahr, die durch Organisierte Kriminalität auch bei uns droht. Da habe ich andere Erwartungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.11.2021 | 16:00 Uhr

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