Stand: 30.06.2018 18:06 Uhr

Käßmann: Mit kleinen Schritten ins Gelobte Land

Die wohl bekannteste und vielleicht auch beliebteste evangelische Theologin Deutschlands, Margot Käßmann, ist am Sonnabendnachmittag in Hannovers Marktkirche mit einem Festgottesdienst in den Ruhestand verabschiedet worden. In der voll besetzten Kirche hatten sich viele Freunde, Familienmitglieder und Wegbegleiter Käßmanns eingefunden. Die Predigt hielt die ehemalige hannoversche Landesbischöfin und frühere Vorsitzende der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) selbst.

Die frühere hannoversche Landesbischöfin und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann hält eine Predigt. © epd_pool/dpa Foto: Jens Schulze

Margot Käßmann geht in den Ruhestand

Hallo Niedersachsen -

Großer Andrang an der Marktkirche in Hannover: In einem Festgottesdienst ist Margot Käßmann in den Ruhestand verabschiedet worden. Ein Fest für alle - so sollte dieser Tag werden.

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"Es ist eine innere Freiheit, loslassen zu können"

Die Hoffnung und das Vertrauen waren die großen Themen der Predigt. Im Hinblick auf ihren Ruhestand erinnerte Käßmann an Mose, der auf dem Berg stand und in das Gelobte Land hinübersah. Doch nicht er würde sein Volk in dieses Land führen, sondern sein Nachfolger. Verantwortung sei nur auf Zeit verliehen, das mache die Mose-Geschichte deutlich: Man solle sie wahrnehmen, aber auch abgeben können, sagte Käßmann. "Es ist eine innere Freiheit, loslassen zu können und darauf zu vertrauen, dass andere den eingeschlagenen Weg weitergehen werden."

Die ehemalige Ratsvorsitzender der Envangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, in einer Interview-Situation. © NDR

"Langeweile wird nicht aufkommen"

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Weiter engagieren trotz aller Rückschläge

Der Blick des Mose auf das "Land, in dem Milch und Honig fließen" ist für Käßmann Ausdruck dessen, was Christen seit jeher antreibt: "Immer wieder hatten sie Visionen, Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden, auf ein gutes Leben für alle." Es sei die Hoffnung, die Menschen motiviere, sich für eine bessere Welt einzusetzen - trotz aller Rückschläge. Und vieles sei nicht in Ordnung in der Welt. Käßmann zählte auf:

"Die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China, das Ende des Arabischen Frühlings, der Krieg in Syrien, das Gebaren eines Donald Trump, dieses Gehetze gegen Flüchtlinge in Deutschland und der Hass, der sich bei uns hemmungslos breitmacht - das schmerzt."

Doch Rückschläge habe es immer gegeben. Und wäre es vielleicht langweilig, dauerhaft im Paradies zu leben? "Wofür würde sich ein Mensch dann noch engagieren, wofür kämpfen?", fragte Käßmann.

"Dagegen bäumen sich Christen auf"

"Es sind Hoffnungsbilder von Freiheit, die doch bis heute Menschen umtreiben, ja antreiben, sich auf die weite Reise zu machen vom Senegal nach Europa, die Menschen das eigene Leben aufs Spiel setzen lassen, um endlich in Frieden leben zu können. Statt der Hoffnungsbilder malen heute viele gern Schreckensbilder, wollen Wahlen gewinnen mit Bedrohungsszenarien. Dagegen bäumen sich Christen auf!"

Kleine Schritte könne jeder in seinem Leben beitragen zur Hoffnung auf das Gelobte Land. Kleine Schritte - denn eine Person könne eben nicht alles schaffen, so eine weitere Botschaft der Predigt. "Wer an ewiges Leben glaubt, muss in dieser kurzen Erdenzeit auch nicht alles leisten. Das ist sehr entlastend, finde ich", sagte Käßmann. "Anders als all die Schlechtredner, Miesmacher, Gewaltandroher, Rassisten, Menschenrechtsverächter und Freiheitsfeinde werden wir die Vision vom Gelobten Land immer wieder umsetzen in kleinen Schritten."

Public Viewing vor der Kirche

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Käßmann saß zwischen Bundespräsident a.D. Christian Wulff und Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD).

Verfolgt wurde die Predigt sowohl in der vollen Marktkirche als auch davor: Damit nicht nur die 800 Menschen, die in die Kirche passen, den Gottesdienst verfolgen konnten, gab es draußen ein Public Viewing. Auf ausdrücklichen Wunsch Käßmanns wurde der Festgottesdienst auf eine Großleinwand vor der Marktkirche übertragen. Sie wollte zu ihrem Abschied ein Fest für alle und mit allen. "Mir war es wichtig, dass alle teilnehmen können und nicht nur die geladenen Gäste", sagte sie NDR 1 Niedersachsen. "Wir sind eine Kirche der Beteiligung und da gibt es im Grunde auch keine Hierarchien."

Empfang bei Würstchen und Saft

Insgesamt kamen rund 2.000 Gäste in und vor die Marktkirche. Bei einem Empfang unter freiem Himmel im Anschluss an den Gottesdienst wollte Käßmann mit möglichst vielen Menschen bei Bratwurst und Apfelsaft ins Gespräch kommen. Grußworte sprachen der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) und die Vorsitzende der EKD-Synode, Präses Irmgard Schwaetzer. Sie dankte Käßmann für ihre Arbeit als Botschafterin des Reformationsjahrs.

Meister: Käßmann hat Rollenerwartungen verändert

Im Gottesdienst selbst würdigte Landesbischof Ralf Meister seine Amtsvorgängerin als "Frau mit einem außerordentlichen Charisma". Sie sei in vielen Ämtern die erste Frau gewesen, habe sich vieles hart erkämpfen müssen - aber auch andere Frauen ermutigt und Rollenklischees verändert: "Du hast etablierte Modelle befragt und sprühend neue Ideen und Positionen hineingetragen", sagte Meister.

Die 60-Jährige wurde zudem als Reformationsbotschafterin des Rates der EKD entpflichtet. Für die Musik sorgte unter anderem Pop-Produzent Dieter Falk, den Käßmann beim Pop-Oratorium Luther kennengelernt hatte. Außerdem spielte der Posaunenchor "Junges Blech Hannover".

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Mehr Zeit für die Familie

Im Ruhestand will Käßmann erst einmal ein halbes Jahr lang keine Vorträge oder Gottesdienste halten. Gerade weil sie sich noch fit fühle, gehe sie jetzt mit 60 Jahren in Pension. "Ich fühle mich jung genug, um die Zeit zu genießen", sagte sie. Käßmann will die kommende Zeit vor allem in ihrem Haus auf Usedom und in Hannover verbringen, wo zwei ihrer vier Töchter wohnen: "Mein sechstes Enkelkind ist unterwegs, da werde ich wohl keine Langeweile haben." Weiter engagieren will sich Käßmann für die in Hannover ansässige Deutsche Stiftung Weltbevölkerung und die Deutsche Friedensgesellschaft. Außerdem plant sie weitere Buchprojekte.

Erste Frau an der Spitze der EKD

Käßmann war 1999 zur Bischöfin der Landeskirche Hannovers gewählt worden. Als erste Frau stand sie ab Oktober 2009 an der Spitze der EKD, allerdings nur für einige Monate, bis sie im Februar 2010 nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss zurücktrat. Zum 500. Jubiläum der Reformation im vergangenen Jahr war sie dann als Botschafterin erneut in offizieller Funktion für die Kirche unterwegs.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 30.06.2018 | 19:30 Uhr

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