Stand: 15.05.2018 11:39 Uhr

Sterben die Bienen, bleiben die Regale leer

Den Kunden einer Supermarktfiliale in Langenhagen bei Hannover hat sich am Montag ein ungewöhnlicher Anblick geboten. Statt des heutzutage üblichen reichhaltigen Angebots blickten sie auf viele halbleere und leere Regale. Etwa 1.600 von 2.500 Produkten fehlten in dem Supermarkt. Und das mit Absicht: Der Naturschutzbund (NABU), das niedersächsische Umweltministerium und der Discounter Penny haben die Regale leer geräumt. Damit wollen sie verdeutlichen, welche Auswirkungen es auf den täglichen Einkauf geben würde, wenn das Insektensterben weitergeht. Der erste Weltbienentag der UNO am Sonntag galt dabei als zeitlicher Aufhänger.

Immense Bedeutung

Insekten gelten als Grundlage unseres Ökosystems: Sie machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Viele Tierarten sind auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen. Dazu sind zahlreiche Pflanzen auf sie als Bestäuber angewiesen. Rund 85 Prozent der Obst- und Gemüseerträge hängen nach Angaben des Deutschen Imkerbundes allein von den Honigbienen ab, die die Blüten bestäuben.

Lücken vom Obst über Weingummi bis zu Kosmetika

Um die Bedeutung der Insekten zu demonstrieren, hatten Mitarbeiter der Supermarktkette in Langenhagen aus den Regalen die Produkte geräumt, die direkt oder indirekt von Insektenbestäubung abhängig sind. Die Supermarktkunden, die bewusst vorab nicht informiert worden waren, mussten während der über mehrere Stunden laufenden Aktion auf 60 Prozent der üblichen Waren verzichten. Die Lücken zogen sich quer durch alle Bereiche - und auch dort, wo man es nicht unbedingt sofort erwartet. Neben vielen Obst- und Gemüsesorten gab es beispielsweise auch leere Stellen im Süßwarenregal. Gummibärchen fehlten, weil bei diesen Bienenwachs als Trennmittel verwendet wird. Lücken gab es auch bei Pflegeprodukten. Grund: In Deos und Cremes sind oft pflanzliche Inhaltsstoffe aus Zitrusfrüchten enthalten.

Lies: "Erschreckend deutliche Konsequenzen"

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) zeigte sich erschrocken angesichts der leeren Regale. "Die Konsequenzen eines ungebremsten Insektensterbens werden uns hier auf erschreckend deutliche Weise vor Augen geführt", sagte Lies.

Kunden reagieren nachdenklich

Nachdenklich zeigten sich auch viele Kunden des Supermarktes. Viele fragten sich, wie es soweit kommen kann - und was gegen das Insektensterben getan werden kann. Wissenschaftler beobachten seit Jahren einen drastischen Rückgang der Artenzahl der Insekten. Besonders dramatisch sei der Rückgang der Individuenzahlen, der bei bis zu 70 Prozent liege, so Dr. Gerlind Lehmann, Professorin für Evolutionäre Ökologie an der Humboldt Universität.

NABU: Landwirtschaft für Insektensterben verantwortlich

Wenn es um den Grund für das massenhaften Sterben geht, hält sich die Wissenschaftlerin mit klaren Antworten zurück und verweist auf einen Mangel an entsprechenden Forschungen. Anders der NABU: Bundesgeschäftsführer Leif Miller gibt der Landwirtschaft wegen des Einsatzes von Pestiziden die Schuld. Denn diese Pestizide träfen auch Insekten, die eigentlich nützlich sind, sagte Miller. Umweltminister Lies wollte nicht so weit gehen. Er kündigte - zusätzlich zu einem Aktionsprogramm der Bundesregierung gegen das Insektensterben - auch Maßnahmen in Niedersachsen an. Priorität habe dabei die Erforschung der Ursachen, "um dann mit geeigneten Maßnahmen gezielt gegenzusteuern", so der Minister. Gegenüber NDR 1 Niedersachsen sagte Lies zudem, dass weniger Pestizide in der Landwirtschaft ein wichtiger Schritt seien. Aber auch jeder einzelne könne etwas tun, sagte Lies. Die Verbraucher könnten etwa durch ihr Kaufverhalten Einfluss nehmen, so der Minister.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 14.05.2018 | 17:00 Uhr

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