"Ich war nur noch in Angst": Wenn aus Worten Schläge werden

Stand: 12.08.2021 12:57 Uhr

Schläge, Tritte, Beschimpfungen - für Sophie H. (Name von der Redaktion geändert) und ihre Kinder waren die eigenen vier Wände ein gefährlicher Ort.

Ihr Alltag war geprägt von Gewalt durch ihren Ex-Partner. Mehr als zehn Jahre lebte die Niedersächsin in Angst. Wie sie den Weg aus der Gewalt geschafft hat, erzählt Sophie H. im NDR Interview.

Warum leben Sie hier im Autonomen Frauenhaus Hannover?

Sophie H.: Ich bin aus meiner alten Beziehung geflüchtet, nach langen Jahren von Gewalt, von Unterdrückung, von Misshandlungen. Und ich habe keinen anderen Ausweg mehr gefunden als das Frauenhaus.

Wie war Ihr Leben zu Hause?

H.: Man war ständig in Alarmbereitschaft, von den kleinsten Kleinigkeiten ist man getriggert. Man hat Panikattacken nur von einem Autogeräusch oder einer Tür, die zugeht, weil man ständig erwartet: Jetzt knallt es, ob verbal oder körperlich.

Können Sie Beispiele nennen?

H.: Wenn er nachts nach Hause kommt und klingelt, weil er den Schlüssel nicht dabei hat. Man selbst schläft und hört die Klingel nicht - das ist so eine Situation. Man wird erst verbal angegangen oder dann auch körperlich. Deshalb war ich ständig in Alarmbereitschaft, nur noch in Angst.

Sie haben ja auch Kinder. Wie war das für Ihre Kinder?

H.: Überhaupt nicht schön. Natürlich ist es der absolute Horror, gerade als Mutter diese Grundlage zu bieten, weil man das ja selbst gar nicht möchte. Man trägt die Verantwortung für die Kinder, damit sie ein wohlbehütetes, sicheres Zuhause haben. Für die Kinder war es auch schwer nachzuvollziehen, was da los ist. Einerseits ist die Gewalt nicht gegen die Kinder gerichtet, andererseits aber doch, weil es über die Mutter verläuft. Und diesen Schritt dann irgendwann zu gehen, zu flüchten, das ist schwer. Ich habe meine Kinder komplett aus ihrem Umfeld, aus ihrer Umgebung gerissen.

Hätten Sie auch andere Rückzugsräume gehabt?

H.: Ich habe viele Sachen versucht, die immer wieder gescheitert sind. Es ist ein jahrelanger Kampf gewesen, wirklich diesen Schlussstrich zu ziehen. Es war schlichtweg unmöglich, da irgendwie auf normalem Wege rauszukommen. Das hier im Frauenhaus ist der beste Weg. Aber man hat am meisten Angst davor, weil es so viel nach sich zieht. Es ist nicht einfach, alles hinter sich zu lassen.

Sie waren mehr als zehn Jahre bei Ihrem Ex-Partner, trotz jahrelanger Gewalt. Warum sind Sie so lange geblieben?

H.: Ich weiß es nicht. Ich kann das gar nicht so wirklich beantworten. Irgendwie sucht man Entschuldigungen, irgendwie ist man auch naiv. Manchmal habe ich ihn eher wie ein kleines Kind gesehen, dass er sich nicht anders zu helfen weiß, dass er das selbst vielleicht nicht anders gelernt hat. Er wirft mal mit irgendeinem Gegenstand, mit einer Haarbürste, nach dir. Man verharmlost das und sagt: Ja, das ist nur eine Haarbürste. Das steigert sich aber immer weiter. Irgendwie rutscht mal die Hand aus. Danach wird es die Faust, danach kommen Tritte. Die Gewalt wird immer stärker, immer massiver.

Welche Hilfe haben Sie im Autonomen Frauenhaus in Hannover bekommen?

H.: Als Allererstes wurde mir hier geholfen, den kompletten Papierkram zu regeln. Das war wahnsinnig hilfreich, denn man ist müde von dieser Beziehung. Man ist überfordert und weiß gar nicht: Wo fange ich jetzt an? Das wird einem hier abgenommen, man macht es gemeinsam, sodass du dann auch wirklich erst mal Ruhe findest.

Sie leben seit sechs Monaten im Frauenhaus. Ist es schwer, wieder auszuziehen?

H.: Es ist absolut nicht leicht, eine Wohnung zu finden. Allein der Papierkram dauert Wochen. Jede Behörde hat verschiedene Abgabetermine oder Bearbeitungszeiten. Da müssen wir erst mal warten, bis das alles durch ist. Ich musste meine alte Wohnung kündigen, die hat auch drei Monate Kündigungsfrist, bevor ich hier überhaupt etwas Neues suchen konnte. Und das, ohne dass mein Ex-Partner herausfindet, wo wir sind. Dann die Wohnungssuche, hier ein kleines Beispiel. Ich melde mich bei einer Wohnung, dann wird gefragt: Wo leben Sie zurzeit? Ich wohne in einem Frauenhaus. Dann kommt von den Vermietern: Damit möchten wir keine Probleme haben. Also da wird man schon direkt abgestempelt. Dazu kommt, dass du noch Leistungen von der Arbeitsagentur bekommst, was es noch mal erschwert. Ich habe viele Faktoren, die es schwer machen. Ich bin alleinerziehende Mutter von mehreren Kindern. Zum Glück habe ich vom Frauenhaus überhaupt keinen Druck, dass ich ausziehen muss. Aber man macht sich selbst den Druck, man möchte ja auch irgendwie weiterkommen.

Haben Sie bei sich und ihren Kindern eine Veränderung festgestellt, seitdem Sie im Frauenhaus wohnen?

H.: Meine Kinder sind entspannter, weil sie wissen: Okay, heute wird es keine Explosion geben, es wird keine Bombe platzen. Jetzt kommt die Zeit, in der man das Ganze irgendwie aufarbeiten muss, in der man seinen Kindern auch erklären muss: Warum, wieso, weshalb sind wir ausgezogen. Man kommt aus dem einen Problem heraus, dann kommen neue Probleme.

Wie geht es Ihnen jetzt?

H.: Mir geht es definitiv besser. Die Angst schwindet langsam. Man hat wieder Ruhe. Natürlich habe ich Zukunftsängste vor allem, was die Wohnungssuche betrifft. Ich weiß nicht, wann ich ausziehen werde. Ich weiß nicht, wie die Regelung sein wird mit den Kindern, weil mein Ex-Partner auch Rechte hat. Aber alles ist besser als das Zuhause, in dem ich vorher war. Alles ist besser als die Gewalt.

Das Interview führte Marie-Caroline Chlebosch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.08.2021 | 14:00 Uhr

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