Stand: 14.11.2018 08:40 Uhr

IS-Prozess: Weiterer V-Mann belastet Ahmad A. schwer

von Angelika Henkel

Es ist ein schlechter Prozesstag für den Hauptangeklagten Ahmad A., bekannt als Abu Walaa. Vor ihm sitzt ein Polizeibeamter. Was dieser an diesem Dienstag dem Oberlandesgericht (OLG) Celle erzählt, dürfte den islamistischen Prediger aus Hildesheim gleich zwei Mal bitter aufstoßen. Zum einen dokumentiert die Aussage des Polizisten, dass es in der Szene einen zweiten, bis heute nicht enttarnten Polizeispitzel gab: eine sogenannte Vertrauensperson des Landeskriminalamtes (LKA) Hessen. Zum anderen berichtet dieser Mann vom Innenleben zweier Islamseminare, bei denen Ahmad A. sich deutlich als Anhänger des "Islamischen Staats" (IS) zu erkennen gegeben habe.

Spitzel bereitwillig in Szene eingetaucht

Der V-Mann mit dem Codenamen VP02 arbeite seit Jahren für das LKA in Wiesbaden. Seine Informationen seien immer richtig gewesen. Er habe sich immer an Regeln gehalten, sagt der 36-jährige Polizeibeamte im Zeugenstand. Mehr darf er nicht über die Identität preisgeben, das gibt ihm das Innenministerium vor. VP02 war eigentlich auf die hessische Islamistenszene angesetzt, die Aussagen zu Abu Walaa sind "Beifang". Er bekam Geld für seine Informationen, sei aber auch bereitwillig in die Szene eingetaucht, weil er als gläubiger Moslem seine Religion durch die Extremisten "beschmutzt" gesehen habe.

"Wir werden am Ende lachen"

VP02 habe ein Seminar von Abu Walaa Ende Dezember 2015 in Hildesheim besucht. Etwa 150 Personen seien da gewesen und hätten zwischen Gebeten radikalen Botschaften gelauscht. Vor den Besuchern habe Abu Walaa Saudi-Arabien als "ein Land von Ungläubigen" bezeichnet. Denn beim IS, dem Kalifat, da lege man die Scharia viel strenger aus, habe er gesagt. Und aus einem ähnlichen Seminar - in einer inzwischen verbotenen Moschee in Kassel im Mai 2016 - soll sich Abu Walaa über eine Polizeikontrolle geärgert haben. Dort habe er sich empört: Einem Verräter in den eigenen Reihen solle man den Kopf abschneiden. Er habe sich für den IS ausgesprochen, man solle sich anschließen und dort kämpfen. Man sterbe ohnehin früher oder später: "Wir töten die Kuffar, auch wenn wir dafür ins Gefängnis müssen", soll Abu Walaa gesagt habe. Und: "Wir werden am Ende lachen."

Aussagen des V-Manns lassen sich nicht überprüfen

Ob diese Angaben des Informanten der Polizei stimmen, wird das Gericht letztlich kaum überprüfen können. Direkte Nachfragen an VP02 durch eine Vorladung sind nicht möglich, weil sonst Leib und Leben des Spitzels gefährdet seien. Die Beteuerungen des Beamten müssen rechtsstaatlich zunächst ausreichen. Doch zumindest die Passagen zur IS-Ausreise decken sich mit einem Propagandavideo, das Abu Walaa im Internet verbreitete. Die Worte zum "Verräter" gleichen einer Audiobotschaft, die er an anderer Stelle aufnahm.

Verteidigung zweifelt an Glaubwürdigkeit

Der Angeklagte schüttelt empört den Kopf, als er die Worte des Polizeibeamten hört. Seine Verteidiger wollen Zweifel streuen: Kann es eine Verwechslung gegeben haben? Sind die Angaben überhaupt schlüssig? Die Mitangeklagten starren vor sich hin, Ahmad A. hält immer wieder seinen Laptop hoch, um seinen Anwälten durch das Sicherheitsglas hindurch Hinweise zu geben. Das Display leuchtet im Raum, in den nur durch schmale Fensterschlitze hoch oben trübes Tageslicht fällt. In den nächsten Tagen werden weitere Polizeibeamte vor ihm sitzen und vermutlich andere belastende Details berichten. Denn auch in Berlin soll ein vermeintlicher Glaubensbruder Informationen an die Polizei geliefert haben.

Weitere Informationen

Ein Jahr IS-Prozess - Noch viele offene Fragen

Der IS-Prozess gegen Ahmad A., der sich Abu Walaa nennt, hat vor einem Jahr begonnen. Zurzeit werden am Oberlandesgericht in Celle Ermittler befragt. Am Dienstag geht der Prozess weiter. (24.09.2018) mehr

IS-Prozess: Die Anklage der Verteidiger

Im Prozess gegen Ahmad A., der sich Abu Walaa nennt, verhärten sich die Fronten zwischen Gericht und Verteidigung. Letztere sagt: Die Suche nach der Wahrheit bleibe auf der Strecke. (06.09.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 14.11.2018 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:14
Hallo Niedersachsen
03:12
Hallo Niedersachsen