Stand: 12.08.2018 15:40 Uhr

IS-Prozess: Rosa Herzen für den Dschihadisten

von Angelika Henkel

Als die Ermittler bei Muhammed K. klingeln, kommen sie wegen eines schweren Verdachts: der Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat. Doch mit dem, was sie finden, dürften sie wohl kaum gerechnet haben: Die elterliche Wohnung von Muhammed K. im Süden von Hannover ist sauber und aufgeräumt. Doch in seinem Zimmer herrscht das Chaos. Die Polizisten finden dreckige Wäsche und Bananenschalen auf dem Fußboden. Im Raum: ein Aquarium, ein Bett, ein Computer. Aber: keine islamische Literatur, keine ideologischen Schriften, kein Gebetsteppich. Ein Jugendzimmer, wie es sie zuhauf gibt. Die Beamten finden ein Stirnband mit extremistischen Abzeichen und eine Zeichnung, auf der "Mujahid" geschrieben steht, das bedeutet "Kämpfer". Lebt so ein islamistischer Gefährder?

Verloren wirkt der korpulente Mann im Hochsicherheitssaal

Muhammed K.s Geschichte ist anders als die, die schon oft erzählt wurden. Sie taugt für keine Heldengeschichte für oder gegen den IS. Sie zeigt, welche Dimension heute neue Medien für den Extremismus haben. Und: Wer Muhammed K. vor Gericht erlebt, empfindet zweierlei: Einerseits wird klar, dass offenbar nicht überall, wo Islamismus drauf steht, eine Gefahr droht. Andererseits zeigt es, wie manipulativ die Erzählungen der Terror-Propaganda wirken können. Bei manchem Empfänger kann das zur tatsächlichen Gefahr werden.  

Muhammed K. ist angeklagt vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgericht Celle. Er sitzt in jenem Raum, in dem sonst die mutmaßliche deutsche Elite der Terrormiliz IS rund um den als Abu Walaa bekannten Prediger Platz nimmt. Doch anders als die stattlichen, vor Selbstbewusstsein strotzenden Männer wirkt Muhammed K. etwas verloren in dem Hochsicherheitssaal. 23 Jahre ist er heute alt, korpulent, er trägt ein weißes, großes Hemd, das er voll ausfüllt. Neben ihm sitzt sein Anwalt, hinter ihm eine Frau der Jugendgerichtshilfe.

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Den Vorwurf räumt er ein - und zeigt Reue

K. ist angeklagt, weil er 2015 in einer WhatsApp-Gruppe für den IS geworben haben soll. Bis zu 45 Teilnehmer hatte diese Chat-Gruppe, teilweise vermutet die Polizei auch echte Kämpfer der Terrormiliz unter den Schreibenden. Die Chats liegen dem Gericht in Celle vor, Muhammed K. hat den Tatvorwurf reumütig eingeräumt. Interessant ist seine persönliche Erklärung, die sein Anwalt verlesen hat und die stimmig ist mit dem, was die Polizei über Muhammid K. herausgefunden hat.

Muhammed K. soll einen anderen jungen Mann demnach zur Ausreise nach Syrien motiviert haben. Als dieser junge Mann aus Frankfurt 2015 tatsächlich in die Türkei fährt und am Grenzübertritt nach Syrien scheitert, vermittelt jemand aus der virtuellen Freundschaftsgruppe Kontakte zu Schleusern. Im letzten Moment bekommt der junge Mann Heimweh – bricht alles ab, kehrt nach Deutschland zurück, in ein Leben voller familiärer Konflikte, psychischer Störung und schulischem Scheitern.

Parallelwelt kann verborgene Eigendynamik entfalten

Muhammed K. hat ihn bis heute nie gesehen, auch nicht die anderen aus dieser Chat-Gruppe. Mit seinen Kontakten verkehrt er lediglich virtuell. Auch andere Islamisten in Hannover kennt er offenkundig nicht. Er verkehrt in keiner Szene. Und doch kann die Wirkmacht einer solchen Gruppe zur Gefahr werden; das hat die Universität Osnabrück jüngst erarbeitet. Die Parallelwelt kann Eigendynamiken entfalten, in die weder Familie, Freunde noch Sicherheitsbehörden Einblicke haben. Wie vieler solcher Gruppen existieren, das weiß niemand.

Kein großer Fisch der Terrormiliz

Auf Muhammed K. kamen die Ermittler nur aufgrund der Aussage des Frankfurter Chat-Partners. Die Polizei dort reichte die Daten nach Niedersachsen weiter, es kam zur Hausdurchsuchung, bei der schnell klar war: Muhammed K. ist kein großer Fisch der Terrormiliz. Neben der kindlichen Kämpfer-Zeichnung und dem Stirnband fand die Polizei 21 Gigabyte Datenvolumen, mehr als 70.000 Fotos. Ein Drittel waren privater Natur: mit Neffen, vom Garten. Zwei Drittel aber sind Screenshots vom IS: Propaganda von scheinbar mutigen Kämpfern, Fotos von Enthauptungen und furchtbaren Gräueltaten.

"Infantile" Chats mit dem Dschihadisten

Aber sie fanden auch rosa Herzchen, die er an jenen Dschihadisten schickte, der mit ihm die Ermordung von Homosexuellen bei der Terrormiliz belobigen wollte. Einmal schrieb der vermeintliche Freund über das Schlachtfeld des Krieges. Muhammed K. antwortete aus dem Kinderzimmer im Heldenpathos: Er sei ebenfalls müde, erschöpft von der Fahrschule.

"Infantil" sei das Verhalten, vermerken die Kriminalbeamten aus Hannover nach dem Lesen des Herzchen-Chats. Im Prozess sagt ein Kriminalhauptkommissar, Muhammed K. habe sich eventuell tatsächlich ebenfalls "als Kämpfer" gesehen, "war aber nicht in der Lage, seinen normalen Alltag hinzukriegen". Das Bild, das sich im Prozess von Muhammed K. abzeichnet, ist das eines Scheiterns. Er hat nach der Schule keine Lehrstelle gefunden, er hat einen Minijob bei einer Reinigungsfirma. Die Kindheit beschreibt sein Anwalt als unstet, es gab viele Umzüge und kulturelle Konflikte, dafür aber keine echten Freunde.

"Meine Welt bestand aus Egoshooter"

Seine Zeit verbringt Muhammed K. im Jahr 2015 morgens bei der Arbeit, den Rest des Tages im Bett und nachts viel vor dem Computer. Vor allem Videospiele spielt er gerne, Videospiele, wie man sie auf seinem Computer bei der Durchsuchung auch fand - und chattet stundenlang in den sozialen Medien. "Meine Welt bestand aus Egoshooter, Facebook und WhatsApp", verliest der Anwalt vor Gericht die Stellungnahme für seinen Mandanten: "Ich bin im wirklichen Leben kein gewaltsamer Mensch." Es habe ihm geschmeichelt, dass vermeintliche oder echte IS-Kämpfer Interesse ausgerechnet an seiner Person gezeigt hätten - via Facebook hätten sie ihn gefunden. "Mir gefiel die Aufmerksamkeit." Das Abtauchen in die virtuelle Welt des IS habe gegen die Einsamkeit geholfen. Die "Helden" aus den IS-Propagandafilmen hätten gewirkt wie die der Egoshooter-Spiele.

Wird wegen des Reifezustands Jugendstrafrecht angewendet?

Offenbar sieht auch das Gericht Muhammed K. nicht als Schwerverbrecher. Der Vorsitzende Richter Frank Rosenow sprach von einem Vergehen. Zur Last gelegt wird dem Angeklagten die Werbung für eine terroristische Vereinigung. Dafür sieht das Gesetz eine Mindeststrafe von einem halben Jahr Haft vor. Doch Muhammed K. könnte auch mit weniger davonkommen, sollte das Gericht zu der Erkenntnis gelangen, dass auf ihn unter anderem wegen seines Reifezustands Jugendstrafrecht angewendet werden muss.

Vieles spricht dafür, dass die biografische Beschreibung mit den Ermittlungsergebnissen und dem persönlichen Eindruck, den der heute 23-Jährige im Gericht macht, übereinstimmt.

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