Stand: 01.08.2018 21:48 Uhr

IS-Prozess: Hickhack um weiteren Zeugen

von Angelika Henkel

Kommt er, oder kommt er nicht? Der neue Belastungszeuge Yusuf T. hatte sich zunächst zu einer Aussage im IS-Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Celle bereit erklärt. Dann war er zurückgerudert, um sich nicht selbst zu belasten. Dabei könnte er die insgesamt fünf Angeklagten um den Hildesheimer Ahmad A., der als islamistischer Prediger mit dem Namen Abu Walaa ein Anführer der IS-Terrormiliz in Deutschland sein soll, belasten.

Videos
03:33
Hallo Niedersachsen

IS-Prozess gegen Ahmad A. Eine Zwischenbilanz

29.07.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Fast ein Jahr läuft der Prozess gegen fünf mutmaßliche IS-Terroristen um Ahmad A., genannt Abu Walaa, vor dem Oberlandesgericht in Celle - und die Wahrheitsfindung wird dauern. Video (03:33 min)

Yusuf T. meldet sich aus Haft bei Polizei

Die Geschichte klingt wie aus einem Justizroman: Der Prozess gegen die Islamisten in Celle lief bereits mehr als ein halbes Jahr, die Konzentration lag bereits auf einer kleinteiligen Beweisführung. Da meldete sich der inhaftierte Yusuf T. überraschend bei der Polizei. Der 18-Jährige beging als Heranwachsender einen Bombenanschlag auf einen hinduistischen Tempel im Ruhrgebiet, dabei wurden mehrere Menschen verletzt. In der JVA Iserlohn sagte er nun den Ermittlern in stundenlangen Zeugenvernehmungen, er selbst sei reumütig, habe sich abgewandt von der Islamistenszene, er nehme an einem Aussteigerprogramm teil.

Zeuge erhofft sich Kronzeugenregelung

Und anders als in früheren Aussagen nannte er Details über Begegnungen mit den Angeklagten, die ihn ideologisch verführt hätten. Eine Ermittlerin sagte im Celler Prozess, die Worte seien quasi aus ihm herausgesprudelt. Er sehe sich als Opfer der Islamistenszene. Und er habe mitbekommen, dass der IS-Rückkehrer Anil O. nicht in Haft musste, weil er sich als Kronzeuge zur Verfügung stellte und somit eine Anklage gegen das mutmaßliche Islamisten-Netzwerk erst ermöglichte. Möglicherweise erhoffte er sich ähnliche Begünstigungen für sich selbst.

Aussage könnte Beweisführung der Anklage stützen

Eine Aussage vor Gericht könnte für ihn positiv wirken, denn er wurde nach Jugendstrafrecht verurteilt. Der Erziehungsgedanke, nicht die Bestrafung steht dabei im Vordergrund. Im laufenden Mammut-Prozess vor dem OLG Celle dürften die Ausführungen zwar keinen entscheidenden Durchbruch im Sinne der Anklage bedeuten, in der Summe aber könnten sie das mühselige Puzzle der Beweisaufnahme verdichten, indem sie die anderen Zeugenaussagen stützen. Eigentlich sollte Yusuf T. deshalb sogar gleich mehrere Tage in Celle Rede und Antwort stehen.

Rückzieher wegen weiterem Ermittlungsverfahren

Dann jedoch vollzog er plötzlich eine Kehrtwende. Er verweigerte einen Transport nach Niedersachsen. Der Richter versuchte Kontakt aufzunehmen, doch das misslang. Yusuf T. hatte bereits entschieden, die Aussage nun doch zu verweigern. Was war passiert? Noch während der polizeilichen Vernehmung hatten ihm die Ermittler eröffnet, dass auch gegen ihn ein weiteres Verfahren laufe, von dem er bis dahin nichts gewusst hatte. Yusuf T. hatte eine Handy-Chat-Gruppe, in der sich Teilnehmer radikalisierten. Deshalb gibt es gegen ihn den Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Bei einer Aussage vor Gericht könnte er sich selbst belasten - es ist sein Recht, sich daher zu verweigern.

Aussage in Celle dennoch möglich

Möglicherweise kommt er dennoch um einen Auftritt in Celle und die Beantwortung von Fragen nicht herum. Einige Verteidiger wollen ihn im Zeugenstand sehen und dies beim Gericht beantragen. Sie wollen konkret wissen, wie seine Aussagen in der JVA zustande kamen und welches mögliche Eigeninteresse Ermittler und Ankläger hatten, um sie zu erlangen. Und sie dürften auch darauf setzen, dass sich der 18-Jährige durch einen emotional instabilen Auftritt vor Gericht im Angesicht der Angeklagten unglaubwürdig macht. Denn klar ist: auch wenn Yusuf T. wegen der Aussageverweigerung nicht selbst kommt, werden seine belastenden Aussagen in den Prozess einfließen, indem Polizeibeamte seine Worte wiedergeben.

Weitere Informationen

IS-Prozess gegen Abu Walaa geht weiter

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Deutschland-Chef des IS, Abu Walaa, wird heute vor dem OLG Celle fortgesetzt. Ein wichtiger Zeuge der Anklage will offenbar doch nicht aussagen. (01.08.2018) mehr

Abu Walaa: Neuer Belastungszeuge aufgetaucht

Im Abu-Walaa Prozess ist am Dienstag - für die Verteidiger überraschend - ein neuer Zeuge bekannt geworden. Er hat noch nicht vor Gericht ausgesagt, soll aber alle Angeklagten belasten. (10.04.2018) mehr

Terrorprozess: Abu Walaa bleibt in Haft

Abu Walaa, der mutmaßliche Deutschlandchef der Terrormiliz IS, bleibt in Untersuchungshaft. Das Oberlandesgericht Celle lehnte einen Entlassungsantrag der Verteidigung ab. (05.04.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 01.08.2018 | 13:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:55
Hallo Niedersachsen

Gudrun Schröfel nimmt Abschied vom Mädchenchor

20.01.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:16
Hallo Niedersachsen

Waldschäden: Ein Jahr nach Sturm "Friederike"

20.01.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen