Stand: 23.01.2019 16:50 Uhr

Hannover führt gendergerechte Sprache ein

In einer Broschüre der Stadt sind die Empfehlungen für eine gendergerechte Sprache aufgeführt.

"Redepult" statt "Rednerpult", "Auskunft gibt" statt "Ansprechpartner" und "niemand" statt "keiner": Im Schriftverkehr der Stadtverwaltung Hannover sollen ab sofort nur noch geschlechtsumfassende Formulierungen verwendet werden. Grundlage dazu ist eine von der Stadt herausgegebene "Empfehlung für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache". Der Beschluss entspreche der neuen Gesetzgebung, nach der seit dem 1. Januar das dritte Geschlecht im Personenstandsregister geführt wird.

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Vorname ersetzt "Herr" und "Frau"

Für die Bürger werden die Änderungen unter anderem in der Korrespondenz mit der Stadt sichtbar. Künftig sollen sie nicht mehr mit "Herr" und "Frau", sondern mit Vor- und Nachnamen angeredet werden. Auch die Formulierung "Sehr geehrte Damen und Herren" gehört laut der Empfehlung der Vergangenheit an. Wenn möglich, soll sie durch andere Anreden wie "Guten Tag" oder "Liebe Gäste" ersetzt werden. Eine Ausnahme könne aber gemacht werden, wenn dies in bestimmten Kontexten "(zurzeit noch) unangemessen" sei.

Schostok lobt neue Regelung

"Vielfalt ist unsere Stärke", sagte Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD). "Diesen Grundgedanken des städtischen Leitbilds auch in unserer Verwaltungssprache zu implementieren, ist ein wichtiges Signal und ein weiterer Schritt, alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen." Die neue Empfehlung gilt für den gesamten Schriftverkehr der Verwaltung und ist für die rund 11.000 Beschäftigten der Stadt verbindlich.

Professorin hält Entscheidung für sinnvoll

Auch von wissenschaftlicher Seite gibt es Zustimmung für die Empfehlungen. "Ich finde den Schritt der Stadt Hannover begrüßenswert und mutig", sagte Linguistik-Professorin Gabriele Diewald von der Universität Hannover gegenüber NDR.de. "Die Vorschläge, die gemacht werden, erscheinen mir auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht vernünftig." Genaueres zur Umsetzung lasse sich aber natürlich erst mit ein wenig Erfahrung sagen, so Diewald. Vieles sei aber einfach nur eine Frage der Gewohnheit. Grundsätzlich sei der Ansatz absolut richtig, da die alten Formen Frauen benachteiligen und sie sogar unsichtbar machen würden. Dass die geschlechtergerechte Sprache auch auf Unmut stößt, verwundert Diewald nicht: "Es gibt halt einfach Leute, die Angst vor Veränderungen haben und das rauslassen müssen."

"Gender Star" als zweite Option

Ziel der neuen Regelung ist es, zum Beispiel durch die Benutzung des Plurals möglichst überall geschlechtsumfassende Formulierungen zu verwenden. Erst in zweiter Linie soll der "Gender Star" eingesetzt werden. Dieses Sternchen wird zwischen die maskuline und feminine Endung gesetzt, um den Geschlechterdualismus aufzuheben. Er ersetzt das bisher verwendete Binnen-I. Statt KollegInnen heißt es jetzt Kolleg*innen. Laut der Stadt Hannover wird der "Gender Star" beim Vorlesen durch eine kurze Atempause gekennzeichnet. So werde die Ansprache aller Geschlechter, auch jenseits der Kategorien Mann und Frau, gewährleistet.

Beispiele für die geschlechtergerechte Verwaltungssprache

  • Herr und Frau Müller → Max und Petra Müller
  • Rat der Psychologin → psychologischer Rat
  • Unterstützung eines Kollegen → kollegiale Unterstützung
  • Liebe Kolleginnen und Kollegen → Liebe Kolleg*innen
  • Rednerliste → Redeliste
  • Name des Antragstellers → (Ihr) Name
  • Verfasser → verfasst von ...
  • Wählerverzeichnis → Wählendenverzeichnis
  • jeder → alle
  • Lehrer → die Lehrenden
  • Bewerber sollten → Wer sich bewirbt, sollte ...

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional | 23.01.2019 | 17:00 Uhr

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