Ein zwischen 200 und 300 Jahre alter Kieferknochen. © Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg Foto: Julia Haase

Das Rätsel um den Kieferknochen aus dem Kieswerk

Stand: 23.05.2021 08:31 Uhr

Eigentlich will Marc Gläser aus Buchholz bei Stadthagen im Juni 2020 nur Kies holen, um einen Pool zu bauen. Doch in der Ladung Kies macht er eine ziemlich gruselige Entdeckung.

"Als ich gerade dabei war, den Kies zu verteilen, hatte ich auf einmal einen Kiefer auf der Schippe", erzählt Gläser. Er besieht sich das Fundstück etwas genauer und ist sich schnell sicher, dass es sich um einen menschlichen Knochen handelte. Der 50-Jährige entscheidet sich, die Polizei zu informieren. "Eine Stunde später waren sie da, haben Fotos gemacht und den Kiefer eingetütet", sagt Gläser.

"Nichts anfassen" - bis die Profis kommen

Nachdem die Beamten ihn befragt haben, machen sie sich auf den Weg zu dem Kieswerk, bei dem Gläser seine halbe Tonne Kies erstanden hatte. Der Wiegemeister vor Ort zeigt den Polizisten den Haufen, aus der auch die Lieferung nach Buchholz stammte. Bis die Kollegen des Kriminalermittlungsdienstes am nächsten Morgen eintreffen, sollen der Wiegemeister und seine Kollegen den Haufen unangetastet lassen - auch kein weiterer Kies daraus dürfe mehr verkauft werden, entscheiden die Polizisten.


Selbst Mammutstoßzähne sind hier schon aufgetaucht

Kies aus einem Kieswerk in Möllenbeck in dem ein zwischen 200 und 300 Jahre alter Kieferknochen geunden wurde. © Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg Foto: Julia Haase
Aus diesem Kieshaufen stammte die Ladung, in der später der Kiefer auftauchte.

Kriminalhauptkommissarin Silke Schneeweiß vom Polizeikommisariat Rinteln übernimmt den Fall. Handelt es sich um ein Verbrechen? Gehört der Kiefer zu einer vermissten Person? Oder ist es ein archäologisches Fundstück? Bei einem Ortstermin am Kieswerk suchen Schneeweiß und ein Kollege nach weiteren Spuren - ohne Erfolg. Doch ein Mitarbeiter des Kieswerks gibt den Beamten einen Hinweis: Bei dem Aushub handelt es sich um ein Mischgestein, das aus einer Auskiesung parallel zur Weser gefördert wurde. Bereits in der Vergangenheit sei es in dieser Kiesgrube zu archäologischen Funden gekommen - sogar Mammutstoßzähne seien hier schon aufgetaucht.

Ab in die Rechtsmedizin mit dem Knochen

Die Beamten nehmen Kontakt zum rechtsmedizinischen Institut der Medizinischen Hochschule Hannover auf. Um einen Unglücksfall oder ein Verbrechen ausschließen zu können, werden die Gebeine an das Institut übergeben. Fast sechs Monate dauert es, bis das Ergebnis der Untersuchung vorliegt. Der Kiefer ist alt, vermutlich sehr alt. Die Zähne des Fundstücks geben den Rechtsmedizinern genauere Hinweise - sie waren deutlich abgeschliffen.

Sand im Getriebe - und in der Nahrung

"Dies ließ die Schlussfolgerung zu, dass der Mensch, zu dem der Unterkieferknochen einmal gehört hatte, Nahrung mit einem gewissen Anteil an Sand zu sich genommen haben musste. Dies war vor allem im Mittelalter der Fall, als das Korn größtenteils in Steinmühlen gemahlen wurde. Durch diese Art der Verarbeitung wurde immer ein Teil Sand mit abgerieben, der dann über das Mehl in die Nahrung mit überging und schlussendlich für die Abnutzung der Zähne verantwortlich war", zitiert die Polizei die Rechtsmediziner.

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Der Archäologe übernimmt

Ein Verbrechen kann damit - zumindest für die Gegenwart - ausgeschlossen werden. Nach der Freigabe durch die Staatsanwaltschaft wird der Knochen Ende Februar 2021 an den Kommunalarchäologen der Schaumburger Landschaft aus Bückeburg, Daniel Lau, und seine Arbeitsgruppe übergeben. Lau vermutet, dass der Kiefer mindestens aus dem Mittelalter stammt. "Er könnte aber auch bis zu 3.000 Jahre alt sein", sagt er.

Die nächsten Schritte

In einer anthropologischen Untersuchung soll nun geklärt werden, ob es sich um die Überreste einer Frau oder eines Mannes handelt und wie alt der Mensch in etwa zum Zeitpunkt seines Todes war. Danach kommt die sogenannte Radiokarbonmethode zum Einsatz, um das Alter des Kiefers präzise bestimmen zu können. Doch das wird noch dauern: Lau rechnet mit einem abschließenden Ergebnis für das Frühjahr 2022.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 18.05.2021 | 14:00 Uhr

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