Stand: 20.05.2015 09:55 Uhr

Frederikes Mörder wird wohl nie verurteilt

Recht und Gerechtigkeit - dazwischen klafft bisweilen eine gewaltige Lücke. Hans von Möhlmann sieht sich von einem solchen Fall in besonderer Weise betroffen. Fast 35 Jahre ist es her, dass er seine Tochter Frederike verlor. Die damals 17-Jährige war 1981 in einem Waldstück bei Hambühren im Landkreis Celle vergewaltigt und anschließend mit mehreren Messerstichen getötet worden. Der mutmaßliche Mörder, ein heute 56 Jahre alter Mann, wurde seinerzeit freigesprochen, weil ihm mit dem damaligen Stand der Kriminaltechnik die Tat nicht mit hinreichender Sicherheit nachgewiesen werden konnte. Heute ist man schlauer - wie neueste DNA-Beweise des Landeskriminalamtes in Niedersachsen zeigen. Doch zu einer Wiederaufnahme des Strafprozesses wird es trotz erdrückender Beweislage nicht kommen, denn es gibt eben jenen Freispruch aus dem Jahr 1983. Und den deutschen Rechtsgrundsatz, dass ein rechtskräftiges Urteil vor einer erneuten Anklage in derselben Sache schützt. "Für mich ist es unerträglich, dass er noch immer frei herumläuft", sagt von Möhlmann gegenüber der NDR Sendung Hallo Niedersachsen. Er findet eindeutige Worte: "Den Glauben an einen Rechtsstaat habe ich verloren."

Einmal Freispruch, immer Freispruch

Mithilfe modernster DNA-Technik haben Experten des Landeskriminalamtes einen Beweis zutage gefördert, der Anfang der 80er-Jahre noch nicht vorliegen konnte. Den Wissenschaftlern gelang es nun, an der Leiche gefundene Spermaspuren eindeutig dem 56-Jährigen zuzuordnen. Eigentlich also ein klarer Fall, aber die Geschichte ist komplizierter. So hatte das Landgericht Lüneburg den Mann 1982 zwar wegen des Mordes an Frederike zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt. Für die Richter reichten die damals gesicherten Reifenspuren seines Fahrzeugs und Fasern seiner Kleidung, die am Tatort gefunden worden waren, als Beweis aus. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf. Der Fall wanderte zur Neuverhandlung an das Landgericht Stade. Und dort stellte man das Verfahren gegen den Angeklagten nicht etwa ein, sondern sprach ihn sogar frei: Die Richter werteten die Beweislage anders. Strafrechtlich war das das Ende der Fahnenstange. Hans von Möhlmann hat es deshalb nun - und vielleicht zu spät - mit einem juristischen Schachzug versucht: Er reichte beim Landgericht Lüneburg Zivilklage ein. Es gilt allerdings als ausgemacht, dass die Klage abgewiesen wird, denn die Möglichkeit, Zivilklage einzureichen, endet nach 30 Jahren.

Eine Klage auf soziale Ächtung?

Matthias Waldraff, Anwalt des 56 Jahre alten Beschuldigten, hat deshalb bereits die Einrede der Verjährung erhoben und beantragt, die Klage abzuweisen. Der Anwalt unterstellt dem Vater von Frederike, ihm gehe es gar nicht mehr um eine juristische Klärung. "Für mich ist das eine Klage auf soziale Ächtung, die ausgelegt ist auf jemanden, der nach aktueller Rechtsprechung unschuldig ist", sagt Waldraff. Auch Prof. Gunnar Duttge, Experte für Strafrecht an der Universität Göttingen, sieht das ähnlich. Auch Schwerverbrecher, so Duttge, hätten einen Anspruch darauf, nicht ein Leben lang unter einem Damoklesschwert zu leben. Er verweist auf die Grundsätze der Rechtssicherheit. Ein Prozess müsse an einem bestimmten Punkt einen eindeutigen Abschluss finden. "Wenn sie ernst machen wollten mit der Idee, Justizirrtümer zu vermeiden, würden wir nie an ein Ende kommen", sagt Duttge.

Vater will grundsätzliche Diskussion entfachen

Tatsächlich geht es Hans von Möhlmann nicht nur um Recht und Gerechtigkeit für seine Tochter. Er räumt ein: An eine Wiederaufnahme des Prozesses hatte er ohnehin nicht geglaubt. Für ihn war die Zivilklage vor allem ein Schritt, um Gehör zu finden und eine grundsätzliche Diskussion zu entfachen. Die Frage lautet: Sollten Mordprozesse, die mit einem Freispruch endeten, bei neuer Beweislage künftig neu aufgerollt werden dürfen? Unterstützung bekommt er dabei von Rainer Bruckert von der Opferschutz-Organisation "Weißer Ring". Der ist empört über die Argumentation des Anwalts. Bruckert hält es für fragwürdig, wenn sich der Mann, gegen den nun neue, schwere und stichhaltige Beweise vorliegen, auf juristische Grundpositionen zurückzuzieht: "Der Täter muss damit leben, dass ein sehr starker Verdacht gegen ihn erhoben wird." Und auch Teile der Polizei unterstützen den Vater. Ulf Küch vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) betont: "Es geht darum, einen mutmaßlichen Mörder für seine Taten zur Verantwortung zu ziehen". Und Küch verweist auf einen anderen Rechtsgrundsatz: Da Mord nach deutschem Recht nicht verjähre, müsse es auch möglich sein, Verfahren wiederzueröffnen, wenn neue wissenschaftliche Sachbeweise vorliegen.

Bundesjustizministerium plant keine Änderungen

Die Forderung des BDK ist auch ein Appell an das Bundesjustizministeriums. Vonseiten der Behörde heißt es gegenüber Hallo Niedersachsen, man wolle die Situation im Auge behalten. Eine schriftliche Stellungnahme des Ministeriums allerdings macht Angehörigen wie von Möhlmann wenig Hoffnung. "Es sind derzeit keine Änderungen des Wiederaufnahmerechts zu Ungunsten des Freigesprochenen geplant."

Hans von Möhlmann will weiter für eine Gesetzesänderung kämpfen. "Eine solche Situation, wie ich sie erleben muss, darf nie wieder passieren", sagt er. "Resignieren geht auf keinen Fall."

Der 56-Jährige, der nach den neuen Erkenntnissen doch der Mörder von Frederike sein könnte, ist auf Anraten seines Anwalts abgetaucht und wegen des großen Medieninteresses bis auf Weiteres an einen sicheren Ort umgezogen.

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Justitia-Statue © picture alliance/CHROMORANGE Foto: M. Stolt

Schuldig - und trotzdem freigesprochen?

1981 wird eine 17-Jährige ermordet. Der Verdächtige wird freigesprochen. DNA-Spuren zeigen nun: Er könnte es doch gewesen sein. Strafrechtlich belangt werden kann er dafür aber nicht mehr. (28.04.2015) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 19.05.2015 | 19:30 Uhr

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