Folter in Syrien überlebt - aber die Erinnerungen bleiben

Stand: 31.01.2021 19:55 Uhr

Am 4. Februar jährt sich der Kriegsbeginn in Syrien zum zehnten Mal. Seitdem sind etwa 64.000 Syrer nach Niedersachsen gekommen - auch ehemals politisch Gefangene, die Folter und Todesangst erlebten.

von Mayss Shehawi und Josy Wübben

May Aljendi wacht immer noch mitten in der Nacht auf und hat Angst. Seit 2015 lebt sie nördlich von Hannover, ist in Sicherheit. Aber in ihren Albträumen werden die Szenen aus der Haft in Syrien wieder lebendig: Wie sie mit dem einen Arm an der Decke aufgehängt worden ist, gerade so, dass einer ihrer Zehen noch den Boden berührte. Stundenlang, bis ihr Körper taub wurde. Wie sie mit einer Decke voller Insekten zugedeckt wurde. "Der Geruch von Blut, du riechst die Wunden", erinnert sie sich. Gemeinsam mit fünf anderen Frauen vegetierte sie in einer winzigen Zelle vor sich hin, gerade einmal anderthalb Meter mal zwei Meter groß. "Wir konnten uns nur abwechselnd hinlegen."

Noch quälender als Folter: die Sorge um achtjährigen Sohn

May Aljendi mit Mund-Nasen-Schutz im Interview. © NDR
May Aljendi lebt jetzt mit ihren drei Söhnen in Niedersachsen.

Aljendi wurde inhaftiert und gefoltert weil sie sich regelmäßig mit anderen Oppositionellen getroffen und gegen das syrische Regime und die Korruption demonstriert hatte. Was die heute 56 Jahre alte Frau im Gefängnis aber fast noch mehr als die Folter quälte, war die Sorge um ihren jüngsten Sohn. Als sie 2012 verhaftet wurde, als sie im Auto saß, saß der Achtjährige auf dem Rücksitz. "Ich wusste nicht, was sie mit meinem Sohn getan haben. Haben sie ihn getötet?"

Drei Söhne sind in Deutschland gut integriert

Heute lebt die 56-Jährige gemeinsam mit ihrem Sohn in Niedersachsen. Er geht auf das Gymnasium. Mays älteren beiden Söhne sind schon in der Ausbildung, einer wird Groß- und Außenhandelskaufmann, der andere studiert Dentaltechnologie. Ihre Söhne haben sich gut eingelebt und helfen ihrer Mutter im Alltag. May selbst hat vor allem mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten. Gegen die Albträume hat ihr Hausarzt ihr Tabletten verschrieben. Eine Therapie hat sie nicht gemacht. Dabei leidet sie unter Angstzuständen und epileptischen Anfällen. Sie rauben ihr die Kraft zum Lernen, sagt sie.

Therapie wichtig, um in neuem Leben anzukommen

Das sei typisch, sagt Aigün Hirsch, die beim Flüchtlingsrat Niedersachsen traumatisierte Menschen berät. Wer mit solchen Verletzungen klarkommen müsse, habe häufig große Probleme, sich Neues anzueignen. Sie betont, wie wichtig es deshalb für traumatisierte Geflüchtete sei, möglichst schnell mit einer Therapie zu beginnen. Aber insbesondere auf dem Land sei es schwierig, Zugang zu Beratungsstellen zu bekommen.

Nächste Beratungsstelle oft weit entfernt

Das bestätigt Karin Loos vom "Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen e.V.". Der Verein hilft traumatisierten Flüchtlingen mit Beratung und Gruppenarbeit. Neben dem Hauptsitz in Hannover gibt es sechs Außenstellen in ganz Niedersachsen. "Trotzdem brauchen die Leute zum Teil zwei Stunden, um in eines unserer Zentren zu kommen", sagt Loos. Sie beklagt, dass es für Geflüchtete sehr schwer sei, professionelle therapeutische Hilfe zu finden. "Es ist ungeklärt, wer die Kosten für die Psychiater-Termine übernimmt", sagt Loos. Außerdem "braucht man dafür gute qualifizierte Dolmetscher, die immer wieder geschult werden".

Szenen aus der Haft tauchen im Schlaf wieder auf

Ashraf Jarmakani (Porträtaufnahme). © NDR
Auch Ashraf Jarmakani holen die Schreckensszenen aus der syrischen Haft immer wieder ein.

Auch Ashraf Jarmakani aus As-Suwaida in Syrien hätte eigentlich eine Therapie nötig. Er lebt seit 2015 mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn in Hameln. Aber auch Ashraf holen Schreckensszenen aus seiner Haft immer wieder heim: Schaukämpfe gegen andere Gefangene zur Unterhaltung der Geheimdienstler, stundenlang an den Armen aufgehängt zu sein, Stromschläge. Er war wegen regierungskritischer Artikel 97 Tage in Damaskus im Gefängnis. Aus Verzweiflung habe er dort sogar versucht, sich umzubringen: "Als sie mich ins Badezimmer brachten, versuchte ich schnell zu rennen und schlug meinen Kopf gegen die Wand. Weil ich die Geräusche der Folter bei den anderen nicht länger ertragen konnte."

Hoffen auf ein Ende der Albträume

Gern würde Ashraf Jarmakani eine Traumatherapie beginnen. Der 38-Jährige fürchtet aber, dass sein Deutsch noch nicht gut genug dafür ist und ihn die Ärzte nicht verstehen könnten. Ashraf ist sehr dankbar, dass er und vor allem sein kleiner Sohn Dani eine neue Heimat in Niedersachsen gefunden haben. Er hofft, dass seine Albträume irgendwann aufhören: "Es kommen Geheimdienstler mit einem Auto und bringen mich zurück ins Gefängnis. Dann wache ich plötzlich auf, merke wo ich bin - das beruhigt mich dann."

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 31.01.2021 | 19:30 Uhr

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