Stand: 27.04.2017 16:44 Uhr

Flüchtlinge als Gewalttäter?

von Annette Deutskens
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Zehn Prozent der Gewaltverbrechen in Niedersachsen wurden 2016 von Flüchtlingen begangen.

Die Diskussion über die Kriminalität von Flüchtlingen verläuft oft emotional. Das Niedersächsische Landeskriminalamt hat auf Anfrage des NDR seine Statistiken für 2015 und 2016 aufgeschlüsselt. Insbesondere hat die Behörde den Anteil von Flüchtlingen an schweren Straftaten präzise angegeben. Fakt ist: Die Zahl der Gewaltdelikte in Niedersachsen ist 2016 gestiegen, und zwar um 9,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und das liegt offenkundig vor allem an Zuwanderern. Etwa jeder zehnte Tatverdächtige im Bereich Gewaltkriminalität war 2016 ein Flüchtling - 2015 waren es nur 6,7 Prozent.

Starker Anstieg bei sexuellen Kontaktdelikten

Noch stärker gestiegen ist der Anteil der Flüchtlinge an den sogenannten sexuellen Kontaktdelikten, die von sexueller Nötigung bis zur Vergewaltigung reichen. Hier hat die Polizei 2016 in 304 Fällen einen Flüchtling als Tatverdächtigen ausgemacht. 2015 waren es nur 134. Das bedeutet einen Anstieg von rund 127 Prozent. Wie lassen sich die gestiegenen Zahlen erklären? Für die Zunahme der Delikte und den deutlich höheren Anteil der Flüchtlinge daran gibt es verschiedene Gründe. Zunächst klar ist, dass sich die Zahl der Flüchtlinge insgesamt mehr als verdoppelt hat. 2015 waren es in Niedersachsen noch 53.645, ein Jahr später dann 112.720.

Problemgruppe junge Männer

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Flüchtlinge haben 2016 neun Prozent der sexuellen Kontaktdelikte begangen.

Hinzu kommt, dass in der Kriminalstatistik 2016 der Begriff "Flüchtling" weiter gefasst ist als vorher. Aus diesem Grund tauchen schon automatisch mehr Flüchtlinge in der Statistik auf. Das verzerrt den Vergleich zwischen den beiden Jahren und relativiert den Anstieg der Zahlen. Einen entscheidenden Einfluss auf die Statistik nehmen auch Alter und Geschlecht der Flüchtlinge: Eine besonders große Gruppe unter den Geflüchteten sind junge Männer unter 30 Jahren - genau die Gruppe, die auch bei Deutschen besonders häufig straffällig wird.

Anzeigebereitschaft bei Fremden höher

Hinzu kommt bei einigen Flüchtlingen, dass sie "mit ihrer Sexualität und den hier herrschenden Normen und Regeln nicht immer klarkommen", sagt Ulf Küch, der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDA). Küch hat ein Buch geschrieben, in dem er vor Hysterie beim Thema Flüchtlingskriminalität warnt. Es helfe nur "Aufklärung und Repression, denn auch in den Heimatländern ist der sexuelle Übergriff verboten." Beeinflusst wird die Statistik offenbar zudem durch die Anzeigebereitschaft. Das Risiko eines ausländischen, bei der Polizei angezeigt zu werden, ist in etwa doppelt so hoch wie das Risiko eines deutschen Tatverdächtigen.

Untersuchung belegt Effekt

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die der Kriminologe Christian Pfeiffer im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt hat. "Das Risiko ist schon deshalb doppelt so hoch, weil man mit den Flüchtlingen nicht reden kann", sagt Pfeiffer. "Man kann nichts aushandeln, die können ja nicht deutsch mit einem sprechen. Und schon geht man dann eher zur Polizei, um sich dort Hilfe zu holen." Ältere Studien, unter anderem aus Nordrhein-Westfalen, weisen in dieselbe Richtung. Werden Fremde eher bei der Polizei angezeigt, so hat das Einfluss auf die Kriminalstatistik. Diese erfasst nur die Tatverdächtigen - wer sich am Ende tatsächlich als Täter entpuppt, wird nicht erfasst.

Statistiken mit unterschiedlichen Grundlagen

Das vielfach von Rechtspopulisten bemühte Argument, die höheren Flüchtlingszahlen machten Deutschland für Deutsche gefährlicher, lässt sich statistisch nicht belegen. Ohne die Taten zu relativieren: Gewaltopfer von Zuwanderern sind häufig Flüchtlinge selbst, darauf verweist auch der Flüchtlingsrat Niedersachsen. Die Polizei bestätigt, dass es viele Konflikte in vollen Sammelunterkünften mit Menschen verschiedener Herkunft und Religion gegeben habe.

Relativ sogar weniger Flüchtlingskriminalität

Welche Erkenntnis bleibt nun am Ende? Bei der Polizei werden mehr Fälle von Gewaltkriminalität angezeigt. Der Anteil der Flüchtlinge unter den Tatverdächtigen ist stark gestiegen. In einigen Deliktbereichen hat er sich mehr als verdoppelt. Die Zahl der Flüchtlinge im Land hat sich von 2015 auf 2016 mehr als verdoppelt. Es gibt viele Faktoren, die die Statistik beeinflussen, unter anderem die Anzeigebereitschaft und die Änderung bei der Definition "Flüchtling". Die große Mehrheit der Geflüchteten hält sich in Deutschland an die geltenden Gesetze.

Weitere Informationen

Weniger Einbrüche, mehr Körperverletzung

Laut Kriminalstatistik hat es in Niedersachsen 2016 weniger Straftaten gegeben. Körperverletzungen nahmen allerdings zu - und Wohnungseinbrüche bleiben trotz Rückgang ein Problem. (13.02.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 24.04.2017 | 22:00 Uhr

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