Stand: 06.06.2019 19:31 Uhr

Finanzierungsprobleme: Betreuungsvereine in Not

von Marie-Caroline Chlebosch

Wenn Annegret Burke morgens zur Arbeit kommt, warten bereits Dutzende Anträge, Telefonate und Stapel von Briefen und Behördenschreiben auf sie. Die Sozialpädagogin hat die Verantwortung für wichtige Entscheidungen im Leben von 23 Menschen, die zum Beispiel unter Depressionen leiden, selbstmordgefährdet oder dement sind. Alles, was Annegret Burke heute erledigen muss, ist wichtig, aber sie weiß schon zu Arbeitsbeginn, dass sie es nicht einmal annähernd schaffen wird: "Wenn da plötzlich jemand in einer psychiatrischen Krise ist und wir befürchten einen Suizid, dann ist das immer dringender als alle anderen Dinge. Aber dann bleiben die anderen Dinge liegen", erzählt Burke.

Annegret Burke und Marvin Scheunert sitzen an einem Tisch. © NDR

Betreuungsvereine hoffen auf mehr Geld

Hallo Niedersachsen -

Die Entscheidung des Bundesrates steht an, ob rechtliche Betreuer mehr Geld für ihre Arbeit bekommen. Es geht um 17 Prozent nach 14 Jahren.

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Bis zu 50 Klienten gleichzeitig

Es ist ihr Alltag - mit zahlreichen Überstunden. Sie leitet einen Betreuungsverein in Hannover und arbeitet selbst als hauptamtliche Betreuerin. Das bedeutet, dass ein Amtsgericht Annegret Burke rechtliche Handhabe für Entscheidungen im Leben anderer Menschen gibt, zum Beispiel für die Gesundheitsfürsorge, die Vermögenssorge oder auch das Öffnen der Post. Eine Betreuerin kommt auf bis zu 50 Klienten. Ein Großteil der Arbeit findet am Schreibtisch statt, im Büro des Sozialdienstes katholischer Frauen, der auch den Betreuungsverein trägt. Vier Mitarbeiterinnen kümmern sich um 119 zu betreuende Klienten. Nur eine davon hat eine volle Stelle, sie allein ist für 50 Menschen zuständig. Eine hohe Fallzahl und das hat Folgen: "Fakt ist, dass wir unsere Klienten immer weniger besuchen können, weil das Zeitkontingent wird immer knapper. Damit wir uns finanzieren können, müssen wir immer mehr Betreuungen aufnehmen", sagt Burke.

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Burke: Für intensive Betreuung reicht vorgegebene Zeit nicht aus

Sie selbst betreut viele mittellose Klienten bereits seit mehreren Jahren, und das Geld, das sie dafür bekommt, ist knapp. 44 Euro pro Stunde gibt es, wenn ein Klient mehr als zwei Jahre lang betreut werden muss, wie zum Beispiel Marvin Scheunert. Der 25-Jährige leidet unter Depressionen und wird seit seiner Volljährigkeit von Annegret Burke begleitet. "Sie kann auf eine Art Mutter zu einem sein, sie hört mir zu, wenn es mir schlecht geht, wenn ich überfordert bin. Auf eine Art ist sie auch wie eine Anwältin, weil sie sich für mich einsetzt bei Behörden zum Beispiel", sagt Scheunert. Die Betreuerin trägt zum Beispiel die Sorge für Scheunerts Gesundheit und kann auch Entscheidungen treffen in Rechts-, Antrags- und Behördenangelegenheiten. Sie macht das in Absprache mit dem 25-Jährigen. Dreieinhalb Stunden bekommt sie dafür vom Gericht. Aber für ausgiebige Gespräche bleibt nur Zeit, weil Annegret Burke das Dreifache an Zeit investiert. Zeit, die sie nicht von den Behörden bezahlt bekommt.

Betreuungsverein rechnet sich nicht

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Für Egbert Ahlrichs ist das Vergütungsplus nicht ausreichend. Er spricht von Sterbehilfe für einen wichtigen Beruf.

In Spitzenzeiten im Jahr sammle sie so bis zu 60 Überstunden, sagt Burke: "Das ist manchmal hart, weil ich viel arbeite. Wir arbeiten auch mit einem strammen Programm hier. Das ist unbefriedigend. Das macht Druck." Der Betreuungsverein arbeitet seit Jahren defizitär. Nur weil der Träger die Verluste Jahr für Jahr ausgleicht, kann der Verein überleben. Das Problem liegt darin, dass es seit 2005 in Deutschland keine Anpassung der Finanzierung durch die Bundesregierung an steigende Tariflöhne oder wachsende Sach- und Fahrtkosten gibt. Das soll sich jetzt ändern. Vor Kurzem hat der Bundestag beschlossen, die Vergütung für hauptamtliche Betreuer anzuheben. Am Freitag wird der Bundesrat diesem neuen Gesetzentwurf wohl zustimmen. 17 Prozent sollen Berufsbetreuer dann in der Spitze mehr bekommen.

Ahlrichs: Neues Gesetz Sterbehilfe für den Betreuungsberuf

Aber Praktiker sagen, dass auch dieses Geld nicht ausreiche. Es sei bestenfalls Sterbehilfe für einen so wichtigen Beruf in Deutschland, weil das nicht einmal die Tarifsteigerungen der vergangenen Jahre abdecke, betont Egbert Ahlrichs vom Betreuungsverein Oldenburger Land. Das Finanzierungssystem ist kompliziert: Je nach Länge der Betreuung oder Unterbringung einer Person gibt es unterschiedlich viel Geld. Bisher wurde nach Stunden bezahlt, jetzt soll es Monatspauschalen geben. Die Stundenzahlen darin wurden unterschiedlich angepasst. "Wir haben an ganz vielen Stellen einen großen Zeitbedarf, den wir aber nicht abdecken können, weil wir weiter hohe Fallzahlen in der Betreuung zu führen haben, und so werden wir niemandem wirklich gerecht, weder den zu Betreuenden, noch den ehrenamtlich zu begleitenden, noch unseren Mitarbeitern", sagt Ahlrichs.

Kennzeichen eines guten rechtlichen Betreuers

  • Der Berufsbetreuer arbeitet zum Beispiel in einem Betreuungsverein oder mit anderen Betreuern in einer Bürogemeinschaft zusammen, sodass sie sich gegenseitig im Urlaubs- und Krankheitsfall vertreten können. Ist der Betreuer nämlich nicht erreichbar, können nur von ihm beauftragte/bevollmächtigte Personen handeln, es sei denn, das Gericht bestellt einen Vertretungsbetreuer.
  • Die Qualifikation des Betreuers: Er hat einen Hochschulabschluss, der für diesen Bereich geeignet ist, wie etwa Sozialpädagogik, Rechtswissenschaften oder Psychologie.
  • Der Berufsbetreuer berät sich mit Kollegen über seine Klienten, nimmt an einer externen Beratung (Supervision) teil und/oder bildet sich regelmäßig fort.
  • Er arbeitet nach erklärten ethischen Richtlinien, die er beispielsweise auf seiner Homepage veröffentlicht hat.
  • Er arbeitet nach einem bestimmten Handlungskonzept, etwa dem sogenannten Betreuungsmanagement. Ein guter Betreuer wird, wenn möglich, bestimmte Ziele zusammen mit seinem Klienten vereinbaren. Wenn es möglich ist und dem Klienten hilft, wird auch das soziale Umfeld eingebunden.
  • Der Betreuer hat feste Sprechzeiten im Büro, sodass ihn seine Klienten auch ohne Termin aufsuchen können.

Zahl der Betreuungsbedürftigen steigt, Zahl der Berufsbetreuer sinkt

Daran ändert laut Ahlrichs auch der neue Gesetzesentwurf nichts. Er betont, dass es immer weniger Menschen gebe, die sich für den Beruf als Betreuer interessieren. Ein Problem, denn seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die eine rechtliche Betreuung benötigen. Aktuell sind in Deutschland davon etwa 1,3 Millionen Menschen betroffen. Die zuständige niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU) sieht den Entwurf als wichtigen Schritt in die richtige Richtung und betont die Bedeutung der Betreuer für die Gesellschaft. Annegret Burke hingegen fordert, dass die Politik einsieht, dass 17 Prozent längst nicht auskömmlich sind und betont, ihr Verein werde so weiter Defizite machen: "Politik äußert sich immer sehr wertschätzend, was unsere Arbeit angeht, aber das drückt sich nicht in der Bezahlung aus", sagt Burke zum Abschluss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 06.06.2019 | 19:30 Uhr

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