"Fängt es wieder an?" - Verunsicherung in jüdischen Gemeinden

Stand: 08.10.2020 21:13 Uhr

Vor einem Jahr schoss ein Attentäter von außen auf eine Synagoge in Halle. Jüdische Gemeinden fühlen sich seitdem nicht unbedingt besser geschützt - eher alleingelassen.

von Christina von Saß

Die Liberale Jüdische Gemeinde in Hannover ist eigentlich ein offenes Haus. Groß und hell die Räumlichkeiten, mit Synagoge, Gemeindezentrum und einer umfassenden jüdischen Bibliothek, die mit 9.000 Büchern in Niedersachsen einmalig ist. Doch nicht nur der Streifenwagen der Polizei, der seit dem Anschlag von Halle rund um die Uhr vor dem Gebäude steht, macht klar, dass sich etwas verändert hat. "Das Unsicherheitsgefühl ist gewachsen", beschreibt Alisa Bach die Stimmung in der Gemeinde.

Am Tag des Anschlags auf die Synagoge in Halle

Alisa Bach ist Gründungsmitglied der Liberalen Gemeinde, sie betreut die Bibliothek und heute ist sie mit ihrer Freundin Judith Ellsner zum Video-Gespräch per Zoom verabredet. Judith Ellsner heißt eigentlich anders, aber aus Angst vor Hetze im Netz möchte sie nicht mit ihrem echten Namen genannt werden. Sie war vor einem Jahr in der Synagoge in Halle, als der Attentäter von außen auf die Tür schoss. Mit einer Gruppe aus Berlin war sie zu der kleinen Gemeinde nach Sachsen-Anhalt gefahren, um sie am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur beim Gottesdienst zu unterstützen. Als sie begriff, was passiert war, konnte sie es nicht glauben: "Was, wirklich? Nach all diesen Jahren fängt es wieder an? Und ich muss es erleben? Es war ein Schock für mich. Ich bin mit der Shoa und den Geschichten dazu aufgewachsen - aber die Bilder waren immer schwarz-weiß. Und dieses Mal waren sie in Farbe."

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Menora-Leuchter in einer Jüdischen Synagoge. Chanukkia Kerzenständer © NDR Foto: Julius Matuschik

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Ein "einsamer Wolf"?

Die beiden Freundinnen tauschen sich regelmäßig aus, auch über den Prozess gegen den Attentäter. Judith Ellsner beobachtet das Verfahren, oft schon saß sie mit im Gerichtssaal in Magdeburg. Sie hat nicht den Eindruck, dass das Gericht die rechtsextremen Netzwerke des Täters untersucht. Oft werde er als "einsamer Wolf" beschrieben. "Mag sein, dass er einsam war, aber er war nicht allein, er hat in einem rechtsradikalen Umfeld im Internet agiert." Wenn man diese Verbindungen nicht erforsche, werde man Extremismus und Antisemitismus in Deutschland nicht bekämpfen können, davon ist sie überzeugt.

Gefahr wird unterschätzt

Alisa Bach glaubt, dass die Gefahr antisemitischer Gewalt unterschätzt und bagatellisiert wird. Ein Stück weit sei das die Kapitulation vor der Unvorhersehbarkeit solcher Taten. Das aber sei der falsche Weg. Sicherheitsmaßnahmen müssten ausgebaut und das Thema dürfe nicht als Privatangelegenheit der jüdischen Gemeinden betrachtet werden.

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Gemeinden wünschen sich mehr Unterstützung

Tatsächlich fühlen sich viele Gemeinden alleingelassen, wenn es um mehr Schutz geht. So erlebt es auch Katarina Seidler, Verbandsvorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Ein Gutachten der Polizei hatte gezeigt, dass neben der stärkeren Polizeipräsenz zusätzliche Maßnahmen sinnvoll wären, um die Liberale Gemeinde noch sicherer zu machen. Geld dafür ist vom Land allerdings nicht geflossen.

Stattdessen verweist die Landesregierung auf den kürzlich erneuerten Staatsvertrag, der aufgestockt werden soll. Diese Mittel sollten die Gemeinden dann für bauliche und technische Maßnahmen verwenden. Darunter würde dann allerdings das Gemeindeleben massiv leiden, kritisiert Katarina Seidler. Es gehe im Staatsvertrag um die Intensivierung jüdischen Lebens und nicht darum, den Gemeinden Sicherheitskosten aufzubürden.

Grüne fordern Sicherheitsfonds

Unterstützung kommt von den Grünen. Eva Viehoff, Fraktionssprecherin für Religion, fordert einen Sicherheitsfonds, der ausschließlich für Maßnahmen der Sicherheit in den Synagogen verwendet werden sollte: "Damit der Staatsvertrag eben für den Ausbau des jüdischen Lebens in Niedersachsen da ist." Der für den Staatsvertrag zuständige Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hingegen kann die Kritik nicht nachvollziehen. Die Gemeinden könnten frei entscheiden, wie sie das Geld einsetzen möchten.

Fünf Menschen sitzen um einen Tisch herum. © NDR
Beim Laubhüttenfest sorgen Ehrenamtliche für die Sicherheit.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.10.2020 | 19:30 Uhr

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