Stand: 07.02.2019 16:30 Uhr

Expertin: Bei Missbrauch senden Kinder Signale

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Barbara David arbeitet für die Fachberatungsstelle "Violetta" in Hannover.

Die Vorwürfe klingen abscheulich: Über 1.000 Mal sollen drei Männer auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren missbraucht haben. Ins Rollen brachte die Ermittlungen der Polizei der Fall eines damals achtjährigen Opfers, dem Pflegekind des 56-jährigen mutmaßlichen Haupttäters. Doch: Zuvor wurde der mutmaßliche Missbrauch offenbar über Jahre nicht bemerkt - weder von der leiblichen Mutter noch von den Jugendämtern, gegen welche die Staatsanwaltschaft wegen Fürsorgepflichtsverletzung ermittelt. Wie ist das möglich? NDR.de hat mit Barbara David von der Fachberatungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen "Violetta" in Hannover gesprochen. Sie hat über 30 Jahre Erfahrung mit Opfern sexuellen Missbrauchs.

Ist Lügde ein besonderer Fall oder lassen sich Kinder, die zu Opfern werden, generell nichts anmerken?

Barbara David: Kinder äußern den Missbrauch nicht direkt - sie haben oft auch gar keine Begriffe für das, was ihnen da passiert. Aber sie senden trotzdem Signale aus. Ein Kind kann zum Beispiel sagen, dass bei der betreffenden Person komische Spiele gespielt werden. Außerdem ändert sich häufig etwas im Verhalten der Opfer: Sie können plötzlich sehr melancholisch sein oder sie machen sich absichtlich "unattraktiv", um dem Täter nicht mehr zu gefallen. Dann waschen sich Kinder zum Beispiel nicht mehr oder sie ziehen alte, stinkende Sachen an.

Warum merken die Eltern häufig erst zu spät etwas?

Viele Eltern können und wollen sich nicht vorstellen, dass ihr eigenes Kind Opfer sexuellen Missbrauchs sein könnte. Außerdem verstehen es die Täter, ihre Opfer zu manipulieren und diese gegen die eigenen Eltern auszuspielen. Sie behaupten dann, die Eltern würden nur schimpfen, wenn das Kind etwas verrät. Oft drohen sie auch oder bestechen die Kinder mit Geschenken.

Wenn Eltern einen Verdacht haben - wie sollten sie reagieren?

Wichtig ist, dass sie keine Vorwürfe machen. Sie sollten das Kind ganz ruhig fragen, zum Beispiel, ob es ihm bei der Person gefällt oder was sie den ganzen Tag so machen. Auch Sätze wie "Ich habe das Gefühl, dir geht es nicht gut" können helfen, dass ein Kind sich öffnet. Sind Eltern unsicher, sollten sie sich auf jeden Fall an kompetente Beratungsstellen wenden. Wir beantworten gerne jede Frage und können beispielsweise auch spezielle Bilderbücher mit nach Hause geben, die einem Kind helfen können, über Erlebtes zu reden.

Welche Langzeitfolgen gibt es für die Opfer?

Die können ganz unterschiedlich sein. Zumeist leiden die Kinder später an körperlichen oder psychischen Störungen: Sie haben Essstörungen, können schlecht schlafen oder haben Probleme, Beziehungen einzugehen. Man muss ja bedenken: Das Grundvertrauen ist durch solch ein Erlebnis massiv gestört. Das gilt auch für die Eltern, wenn sie die Täter kannten. Oft fragen die Eltern sich: "Bin ich schuld, dass ich nichts gemerkt habe?" Auch hier ist zumeist längerfristige Betreuung nötig.

Welche Rolle spielt das Umfeld eines Kindes?

Auch das sollte natürlich sensibel sein. Wenn, wie im aktuellen Fall, viele Kinder bei einer Person ein- und ausgehen, dann kann das ein Zeichen sein. Wichtig sind natürlich auch die Schulen: Grundsätzlich sollten Lehrer das Gefühl vermitteln, vertrauenswürdige Ansprechpartner zu sein. Außerdem müssen Lehrer Signale erkennen können, was leider zu selten der Fall ist. Wir bei "Violetta" bieten deshalb auch Schulungen für Lehrkräfte an. Einer Tatsache müssen wir uns in unserer Gesellschaft jedenfalls endlich bewusst sein: dass es Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern täglich gibt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 06.02.2019 | 17:00 Uhr

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