Stand: 22.05.2020 20:12 Uhr

Betriebe geraten trotz Corona-Hilfen in Existenznot

Mehr als eine Milliarde Euro haben Unternehmen und Selbständige in Niedersachsen in der Corona-Krise bislang von Land und Bund bekommen: Die Soforthilfe - entweder als geschenkter Zuschuss oder in Form von Krediten - soll verhindern, dass Firmen pleitegehen. Aber nicht allen hilft dieses Geld weiter. Viele kämpfen trotzdem um ihre Existenz - so wie etwa das Modehaus Hockemeyer in Wietzen (Landkreis Nienburg). Seit dem Jahr 1949 existiert das Geschäft. Wie lange noch, sei unklar, sagte Chefin Carina Bannasch dem NDR Fernsehen.

VIDEO: Kleinunternehmer fürchten um ihre Existenz (6 Min)

Umsatzeinbruch um 70 Prozent

Um 70 Prozent ist der Umsatz eingebrochen. Die von ihr beim Land beantragten und bewilligten 3.000 Euro Soforthilfe würden bei weitem nicht ausreichen, so Bannasch. Sie habe drei Vollzeit- und eine Teilzeitmitarbeiterin, der Jahresumsatz liege im sechsstelligen Bereich. "Wo soll ich da mit 3.000 Euro hinkommen, das sind noch nicht mal die Fixkosten für einen Monat", sagt Inhaberin Bannasch. Derzeit lebe sie nur von ihrem Ersparten.

"Müssen überlegen, wie wir überleben"

Der Druck bleibt immens: Was im Geschäft hängt, ist noch nicht abbezahlt. Demnächst kommt zudem die neue Ware für den Winter. Ein Corona-Kredit vom Land in Höhe von 50.000 Euro reicht nur für einen Bruchteil der Rechnungen. "Nach 71 Jahren müssen wir überlegen, wie wir dieses Jahr überleben", sagt Bannasch. Das Unternehmen habe sich immer positiv entwickelt. Nun sei man, obwohl man gar nichts dafür könne, in Existenznot.

Von der Politik im Stich gelassen

Von der Politik fühlt sich die Modehaus-Chefin im Stich gelassen. Sie verweist auf die Anstellungen ihrer Mitarbeiter und Steuern, die sie zahlt. Auch Verkäuferin Karin Könecke, die als einzige ihrer Kolleginnen nicht in Kurzarbeit ist, sorgt sich um die Zukunft des Ladens. "Ich habe in 41 Jahren noch nie dem Staat auf der Tasche gelegen, ich habe 41 Jahre immer für meinen Unterhalt gesorgt", sagt Könecke. "Wenn das jetzt passieren würde, würde ich das dem Staat schon ankreiden, weil ich denke, er hat mir nicht geholfen, wo er mal hätte helfen können", so die 56-Jährige.

Althusmann: 5.000 Insolvenzen im Einzelhandel drohen

Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) sieht Land und Bund in der Pflicht. Das Land habe zwar bereits rund 84 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Aber: "Wir müssen hier nachsteuern", sagte Althusmann dem NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen. Dies könne über ein weiteres Konjunkturprogramm erfolgen. Gerade im Einzelhandel und der Gastronomie stünden viele Betriebe vor der Existenzfrage. Allein im Einzelhandel in Niedersachsen drohten möglicherweise bis zu 5.000 Insolvenzen. "Die Lage ist ernst", sagte Althusmann. Es gebe aber noch Handlungsspielraum, Land und Bund könnten helfen, gegebenenfalls einige Monate zu überbrücken. Das wichtigste Mittel sei allerdings eine Konjunkturbelebung, betonte der CDU-Politiker. Er setzt dabei weniger auf Konsumgutscheine, wie vom Deutschen Einzelhandelsverband vorgeschlagen, sondern auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft. Althusmann geht davon aus, dass dafür Konsum und Produktion "Schritt für Schritt" wieder anlaufen werden.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 22.05.2020 | 19:30 Uhr

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