Einmalig: Frau leitet jüdisches Chabad-Zentrum in Hannover

Stand: 20.06.2021 19:02 Uhr

Im ehemaligen Bismarck-Bahnhof in Hannover ist vor wenigen Wochen ein jüdisches Chabad-Zentrum eröffnet worden. Es ist weltweit das erste, das von einer Frau geleitet wird.

von Christina von Saß

Der kleine Jossi hat zur Eröffnung seinen Freund Michael mitgenommen, in die Sonntagsschule im Haus Benjamin. Ausnahmsweise darf an diesem Tag - mit extra Genehmigung vom Amt - der Hebräisch-Unterricht für Kinder und Jugendliche vor Ort im gerade neu eröffneten Chabad-Zentrum in Hannover stattfinden. Während der vierjährige Michael aus Lübeck schon genau weiß, dass am Schabbat - dem jüdischen Ruhetag - "keine Knöpfe gedrückt werden dürfen", sagt der sechs Jahre alte Jossi uns in einem Rutsch das hebräische Alphabet auf: "Aleph, Beth, Gimel..." Und strahlt bis über beide Ohren, als die Lehrerin ihn überschwänglich lobt.

Erste Frau an der Spitze eines Chabad-Zentrums

Das erste jüdische Zentrum "Haus Benjamin" in Hannover. © NDR
Das Haus Benjamin ist im ehemaligen Bismarck-Bahnhof in Hannover neu eröffnet worden.

Die Lehrerin - das ist Shterna Wolff. Sie ist weltweit die erste Frau, die ein Zentrum der orthodoxen Chabad-Bewegung leitet. Das allerdings weniger aus emanzipatorischen Gründen, sondern weil vor einem Jahr überraschend ihr Ehemann gestorben ist. Rabbiner Benjamin Wolff, der bis dahin der Leiter der Chabad-Gemeinschaft in Hannover war. Nun führt seine Witwe die Arbeit fort und hat es innerhalb von nur einem Jahr geschafft, ein großes neues Zentrum zu eröffnen, das Haus Benjamin. "Wir machen weiter, sagt Shterna Wolff. "Ich spüre, dass er mit diesem Gebäude weiterlebt, und darüber bin ich sehr froh."

Synagoge in ehemaliger Bahnhofshalle

Für das Haus Benjamin wurde ein ehemaliger Bahnhof gekauft und umgebaut, der Bismarck-Bahnhof in Hannover. Es gibt Veranstaltungsräume, eine Küche für koscheres Essen und die ehemalige Bahnhofshalle als Synagoge. "Und zwar die erste, die in Deutschland komplett privat finanziert worden ist", sagt Gemeindemitglied Marc Simon. 16.000 Menschen hätten dafür gespendet. Man wolle insbesondere auch Nicht-Juden die Möglichkeit geben, jüdisches Leben kennenzulernen und Berührungsängste abzubauen, so Simon.

18 Chabad-Zentren in Deutschland

Chabad ist hebräisch und steht für Weisheit, Erkenntnis, Wissen. Die Gemeinschaft ist eine Strömung innerhalb des orthodoxen Judentums. Mit Zentren auf der ganzen Welt - 18 davon in Deutschland. Obwohl die Bewegung fromm ist, ist sie auch offen gegenüber Juden, die sich als säkular bezeichnen, also nicht an Gott glauben. Oder gegenüber Juden, die wenig wissen über religiöse Traditionen. So wie es oft eingewanderten Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion geht, die erst hier wieder an ihr Jüdisch-Sein anknüpfen können.

Ort für "Jüdischkeit"

Die Mutter von Michael, Irina Kanewski, ist extra mit ihrer Familie aus Lübeck gekommen. Ihr gefällt, dass ihre Kinder hier spielerisch mit den Regeln der jüdischen Religion in Kontakt kommen. "In Lübeck haben wir zwar eine wunderschöne, renovierte Synagoge. Aber in der Gemeinde sind vor allem Männer über 60. Kindergarten oder Jugendzentrum - das gibt es nicht", erzählt sie. Immer noch müsse man Orte für lebendiges jüdisches Leben in Deutschland suchen - also dort, wo "Jüdischkeit" gelebt werden kann.

Sehnsucht nach Spiritualität

Der Musik-Professor Andor Izsák, Gründer des Zentrums für jüdische Musik in der berühmten Villa Seligmann in Hannover, war ein enger Freund von Rabbiner Benjamin Wolf. Er spricht von einer "Sehnsucht nach Spiritualität", die er wahrnehme und die der Rabbi aufgenommen habe: "Es gibt so viele Juden, die nicht wissen, wie sie beten sollen. Sie hat er an die Hand genommen. Ihnen zum Beispiel gezeigt, wie man den Gebetsriemen, einen Tefillin, anlegt. Aber nicht streng, sondern mit einem Glas Wein, einem guten Essen und während wir singen."

Chabad-Gemeinde verbindet Juden

Die herzliche Atmosphäre beschreibt auch die 23 Jahre alte Studentin Rufina Trehub. Sie bezeichnet sich selbst als säkular, sagt aber auch: "Hier lerne ich sehr viel dazu. Und mir gefällt das Miteinander." Auch die gebürtige Israelin Sagit Cantker sagt von sich selbst, dass sie gar nicht religiös sei. Und dennoch gefällt ihr, wie man in der Chabad-Gemeinschaft Traditionen, Lieder, Bräuche lernt. Sie selbst lebt seit fast 20 Jahren in Deutschland, und "die Feiertage bei Chabad sind meine Erinnerung an zu Hause."

Religiöses Leben in säkularisierter Gesellschaft

Für Shterna Wolff ist jedenfalls klar, dass sie auch nach dem Tod ihres Mannes in Hannover bleiben möchte. Wie nimmt sie, die mit einer Perücke ihr Haar verdeckt, die Gesellschaft hier wahr, in der für viele Menschen Religion gar keine Rolle mehr spielt? "Ich glaube, dass das Leben mit Religion leichter ist. Es gibt allem einen tieferen Grund." Im August soll es im Haus Benjamin die erste Bar Mitzwa geben - ein großes Fest für Jugendliche, vergleichbar mit der evangelischen Konfirmation. Und was Shterna Wolff ganz wichtig ist: das Haus soll allen Menschen in Hannover künftig offen stehen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 20.06.2021 | 19:30 Uhr

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