Stand: 03.02.2020 14:58 Uhr

Düngeregeln: Bauern befürchten Einbußen

Ein Trecker mit einem Gülle-Anhänger auf einem Feld.
Seit Anfang Februar dürfen Landwirte wieder Gülle auf ihren Feldern ausbringen.

Wie an zwei großen Flügeln links und rechts vom Traktor hängen die vielen grünen Schläuche. Daraus fließt dunkelbraune Brühe auf das Gras - Gülle aus dem Kuhstall von Landwirt Fred Arkenberg in Wunstorf nahe Hannover.

Seit diesem Wochenende darf der Milchviehhalter nach der Winterpause wieder Gülle ausbringen. Allerdings muss er sich wohl schon bald auf strengere Vorgaben einstellen. Die geplante Düngeverordnung ist für viele Landwirte wie Fred Arkenberg weiter ein echter Aufreger.

VIDEO: Dünge-Verordnung: Bauern befürchten Ertragsverlust (4 Min)

Landwirte befürchten schlechteres Wachstum

In den Regionen, in denen das Grundwasser mit besonders viel Nitrat belastet ist, den sogenannten roten Gebieten, dürfen Bauern demnach in Zukunft nicht mehr so viel düngen wie bisher. Nach den neuen Regeln sollen Pflanzen 20 Prozent weniger Nährstoffe bekommen, als diese offiziell benötigen.

Fred Arkenberg.
Milchviehhalter Fred Arkenberg befürchtet, dass er künftig weniger verdient.

Das Landvolk in Niedersachsen kritisiert, solch eine pauschale Kürzung - unabhängig von den jeweiligen Kulturen und Standortbedingungen - würde dem Ganzen nicht gerecht. Bauer Arkenberg befürchtet, dass seine Pflanzen dadurch schlechter wachsen und sein Ertrag um zehn Prozent sinkt. "Dieses Geld fehlt hinterher im Einkommen", so Arkenberg.

Nutzpflanzenforscher: Vorgaben sind ungerecht

Der Nutzpflanzenforscher der Universität Göttingen, Klaus Dittert, kann den Unmut verstehen. Auch der Professor hält die geplante Düngeverordnung nicht für ganz glücklich. Denn in den betroffenen Regionen würden alle Betriebe gleichermaßen verpflichtet, ihre Düngung zu vermindern, auch Betriebe, die die Vorgaben der bisherigen Düngeverordnung einhielten, so Dittert. Das sei ungerecht.

Drastische Maßnahmen in Nachbarländern

Klaus Dittert.
Nach Ansicht des Göttinger Nutzpflanzenforschers Klaus Dittert muss etwas gegen die Nitratbelastung im Grundwasser getan werden.

Doch grundsätzlich seien die Güllemengen, die in der niedersächsischen Tierhaltung erzeugt würden, einfach zu groß für die Flächen im Land. Das Problem der Überdüngung sei jahrzehntelang gewachsen und müsse dringend angegangen werden. Viele europäische Nachbarländer hätten im Gegensatz zu Deutschland längst zu drastischen Maßnahmen gegriffen, sagt Dittert, so dass dort wirklich Fortschritte erzielt worden seien.

Stattdessen stellen hierzulande viele Landwirte wie Milchviehhalter Fred Arkenberg die Nitratmessungen in Frage. Viele Messstellen seien fehlerhaft, die Ergebnisse nicht schlüssig, die Landwirtschaft könne oft gar nicht verantwortlich für die Nitratbelastung sein.

Dem Wissenschaftler Dittert gehen solche grundsätzlichen Zweifel zu weit. Die Qualität der Messstellen werde überprüft, und selbst bei kleineren Mängeln lieferten sie in jedem Fall einen guten und zuverlässigen Überblick über die Gesamtsituation in der Bundesrepublik.

Klöckner fordert, Messstellen zu prüfen

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) reagierte dennoch auf die Kritik und forderte nun Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) öffentlichkeitswirksam auf, den Vorwürfen zu den Messnetzen nachzugehen. Das Landvolk unterstützt diese Forderung und spricht von einer "sehr groben und damit unverhältnismäßigen Abgrenzung der sogenannten roten Gebiete".

EU-Kommission offenbar nicht mehr gesprächsbereit

Ministerin Klöckner erklärte allerdings auch, man könne eine Überprüfung der Messstellen nicht erst abwarten. Die EU-Kommission sei gegenüber weiteren Verzögerungen oder Vorschlägen für zusätzliche Ausnahmen nicht mehr gesprächsbereit und fordere, die neue Düngeverordnung zügig auf den Weg zu bringen. Klöckner mahnte, ansonsten könne die EU beantragen, gegen Deutschland eine Strafe in Höhe von bis zu rund 850.000 Euro pro Tag zu verhängen.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) wünsche sich dabei eine "stärker differenzierte Ausweisung der nitratbelasteten Gebiete", so Klöckner. Das Ziel sei, dabei so verursachergerecht wie möglich vorzugehen.

Eine Milliarde Euro vom Bund

Um die Landwirte bei den anstehenden Veränderungen zu unterstützen, will die Große Koalition Landwirte mit einer Milliarde Euro bei den anstehenden Veränderungen unterstützen. Milchviehhalter Fred Arkenberg aus Niedersachsen hält das für keine überzeugende Maßnahme. Der Betrag sei zu niedrig, so der Landwirt, außerdem wirke das so, als wollte sich die Politik freikaufen.

Grundsätzlich ist aber auch Arkenberg der Ansicht, dass in Niedersachsen in bestimmten Gebieten zu viel Dünger anfällt. Er hofft, dass durch das neu eingeführte Online-Melderegister - Elektronische Nährstoffmeldungen Niedersachsen (ENNI) - in Zukunft genau die Betriebe, die zu viel düngen, auffallen. Denn ab diesem Jahr müssen Landwirte den Nährstoffbedarf und die Düngermengen, die sie tatsächlich ausbringen, online an die Landwirtschaftskammer schicken.

Elektronisches Melderegister: Kontrollen entscheidend

So werde jeder Betrieb quasi gläsern, meint Arkenberg. Man könne genau nachweisen, wenn ein Betrieb zu viele Nährstoffe ausgebracht habe. Pflanzenforscher Dittert mahnt jedoch, hierbei seien effiziente Bewertungsverfahren und Kontrollen entscheidend, um tatsächlich die Höfe zu identifizieren, die nachbessern müssen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 03.02.2020 | 06:00 Uhr

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