Stand: 22.02.2019 14:18 Uhr

"Datenträger könnten Kindern Aussagen ersparen"

Tausendfach sollen auf einem Campingplatz in Lügde bei Bad Pyrmont Kinder missbraucht worden sein. Bislang sind 31 Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert, darunter Kinder aus Niedersachsen. Nach Ungereimtheiten beim Landkreis Hameln-Pyrmont und schweren Vorwürfen gegen das Jugendamt des Landkreises wurde am Donnerstag zudem bekannt, dass 155 Datenträger mit Beweismaterial bei der Polizeibehörde in Detmold verschwunden sind. NDR 1 Niedersachsen sprach mit Roman von Alvensleben, dem Hamelner Anwalt der Mutter, die mit Ihrer Anzeige die Ermittlungen ausgelöst hat. Ihre heute zehnjährige Tochter ist eines der Opfer.

Herr von Alvensleben, was sagen Sie zu dem Verschwinden der Beweisstücke?

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"Das darf in Polizeidienststellen überhaupt nicht passieren", sagt Anwalt Roman von Alvensleben.

Roman von Alvensleben: Die Datenträger sind von erheblicher Bedeutung, weil sie den Opfern natürlich auch ersparen, möglicherweise immer wieder Aussagen machen zu müssen. Das sind kindliche Zeugen, über die wir hier reden. Das darf in Polizeidienststellen überhaupt nicht passieren! Ich kann auch nicht verstehen, dass wegen der Brisanz des Falles - unter anderem, weil 31 Kinder betroffen sein sollen - nicht schon früher das Landeskriminalamt und Sonderermittler eingeschaltet worden sind. Stattdessen hat man die Sachbearbeitung Polizeibeamten überlassen, die sich mit diesem Thema gar nicht richtig auskennen. Dafür gibt es Profis, die hätte man einschalten sollen.

Aus dem Innenministerium in Düsseldorf hieß es jetzt, es gebe trotz der verschwundenen Datenträger genug Material für eine Anklageerhebung.

Wir wissen es ja einfach nicht, ob es wichtig war oder nicht. Möglicherweise waren es ja ganz erhebliche Straftaten, die darauf zu erkennen waren. Da kann ich so eine Äußerung nicht ganz nachvollziehen, die ist einfach ins Blaue hinein gemacht worden. Die Bewertung der Wichtigkeit obliegt der Staatsanwaltschaft und den beteiligten Juristen und nicht den ermittelnden Beamten. Die Polizei hat es zu verantworten, dass Beweismittel abhanden gekommen sind, deren Wichtigkeit natürlich jetzt keiner mehr einschätzen kann. Wer hat die entsorgt? Wo sind die abgeblieben? Gibt es keine Kameras in der Polizeibehörde?

Wie sieht es in Hameln aus mit der Unterstützung für die Opfer? Was ist Ihre Erfahrung?

Bei meiner Mandantin passiert da im Moment noch gar nichts, sie ist auf sich allein gestellt. Die Mutter kümmert sich um kinderpsychologische Betreuung. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass der Kostenträger dafür der Landkreis Hameln-Pyrmont sein soll. Ich finde es aber aus Sicht der Opfer beschämend, was da passiert. In Pressekonferenzen wird gerechtfertigt, warum keine Fehler gemacht worden seien, es wird keine Entschuldigung ausgesprochen - das hilft natürlich den Opfern nicht. Sie werden allein gelassen. Aber von selbst jemanden zu stellen, der sich um die Opfer aus dem Landkreis kümmert und psychologische Betreuung organisiert - das hat überhaupt nicht stattgefunden. Und das kritisiere ich aufs Schärfste.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.02.2019 | 12:00 Uhr

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