Stand: 18.09.2013 20:31 Uhr

Das Dalai-Lama-Lachen erobert Hannover

von Oliver Strunk, NDR.de

Was tun gegen Traurigkeit, Furcht und Wut? "Psychopharmaka, Schlaftabletten und deutscher Wein helfen." Es sind diese Momente, die klar machen, warum Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, ein außergewöhnlicher Mensch ist. Er antwortet auf eine ernsthafte philosophische Frage, die ihm am Mittwoch nach seiner Rede in Hannover gestellt wird, erst einmal mit einem Scherz und lässt sein kindliches Lachen in der Swiss Life Hall erschallen. Dabei legt er immer wieder Wert darauf, dass er sich selbst für ganz und gar nicht außergewöhnlich hält. "Wir sind alle menschliche Wesen, mental, emotional und physisch gleich", so der Dalai Lama. Er bemühe sich darum, mögliche Barrieren, die zwischen ihm und seinen Zuhörern durch übergroßen Respekt entstehen könnten, sofort wieder abzubauen. Und das klappt halt sehr gut mit Humor.

"Stärke durch Mitgefühl und Solidarität"

Nebenbei scheint dies den 78-Jährigen auch jung zu halten. Am Mittwoch hat er ein umfangreiches Programm in Hannover zu bewältigen: Zunächst am Morgen ein kleiner Empfang mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Bildung, direkt im Anschluss dann eine Diskussionsrunde mit etwa 500 Schülern aus Hannover in der IGS List. Gegen Mittag dann ein Gespräch mit der Presse und von da an fährt die Wagenkolonne weiter zur Hauptveranstaltung in Hannover. Vor Tausenden hält er etwa eineinhalb Stunden eine Rede zum Thema "Stärke durch Mitgefühl und Solidarität".

Wie ein neugieriges Kind

Anzumerken ist ihm dieser Kraftakt kaum. Seine Augen blitzen wach, immer wieder lächelt er schelmisch und macht Scherze, die oft auf seine eigenen Kosten gehen. Er wirkt zum Teil eher wie ein neugieriges Kind und nicht wie ein 78-jähriges geistliches Oberhaupt einer Religion. Um Kinder soll es bei seinem Besuch in Niedersachsen auch hauptsächlich gehen. Eingeladen hat ihn der in Steinhude lebende Mönch Geshe Yonten, um auf Kinderhilfsprojekte aufmerksam zu machen. Zudem ist der Aufbau von Patenschaften ein Ziel, die niedersächsische Schulen als Folge des Besuchs beispielsweise mit Kinderheimen, Kliniken oder Dorfschulen in Tibet knüpfen.

Energie auftanken mit Seiner Heiligkeit

Ob Flüchtlingskinder andere Fragen an ihn haben, als die Schüler in Hannover, wird er nach seinem Besuch an der IGS gefragt. Eigentlich gebe es da keine Unterschiede, sagt er. Wenn er die Kinder frage, was sie lieber täten, Urlaub oder lernen, sagten alle Kinder auf der Welt natürlich: Urlaub. Viele Kinder sind auch später in der Veranstaltungshalle dabei, aber auch Rentner, Studenten, einige Exil-Tibeter - die Zuschauer lassen sich nicht in eine Kategorie pressen. Aber fast alle haben sich auf Nachfrage schon mit buddhistischen Themen beschäftigt. Die 21-jährige Studentin Saliha aus Hannover will zum Beispiel endlich mal die Person kennenlernen, die sie ihr Leben lang geprägt habe. Der Vorsitzende des tibetischen Vereins Hamburg, Namdiell Samdup, ist mit vielen Freunden angereist. Ein Jahr habe er Seine Heiligkeit nun schon nicht mehr gesehen, nun freut er sich auf die Begegnung. Ihn zu sehen und ihn zu hören, würde seine Energie auftanken. "Das reicht dann vielleicht wieder für ein Jahr", sagt er lachend.

Tausende warten still auf den Ehrengast

Kurz bevor Seine Heiligkeit in die Halle kommt, werden die Zuschauer gebeten, sich in Ruhe und Andacht vorzubereiten. Ein unmögliches Unterfangen könnte man meinen. Aber es klappt tatsächlich. Die Menschen sind fast 20 Minuten lang still, einige haben die Augen geschlossen, andere meditieren oder sind in ein Gebet versunken. Und dann kommt er auf die Bühne, lächelnd, winkend, sich verbeugend. Anschließend kramt er in der Tasche eines anderen tibetischen Mönchs und holt eine rote Kappe hervor und setzt sie sich auf, um sich vor dem Scheinwerfer-Licht zu schützen. Dann setzt er sich, lässt seine Beine schaukeln und redet von Liebe, Mitgefühl, Toleranz von der Bedeutung menschlicher Werte.

Praktiziertes Mitgefühl mit dem Übersetzer

Als er das zweite Mal eine Pause einlegt, um den Übersetzer reden zu lassen, bemerkt der Dalai Lama, dass der Mann Probleme damit hat, mitzuschreiben und gleichzeitig ein Mikrofon in der Hand zu halten. Also nimmt er sich sein eigenes Headset-Mikrofon vom Kopf und gibt es dem Übersetzer: "Du brauchst doch deine Hände, nimm das hier und gib mir dein Mikro." Der Buddhist redet nicht nur von Mitgefühl, sondern praktiziert es für alle sichtbar und trotzdem völlig unprätentiös. Selbst die Schokolade, die ihm auf der Bühne geschenkt wird, verteilt er - so ziemlich gerecht - an seine beiden Begleiter. "Jeweils eines für euch - und zwei für mich", sagt er und lacht wieder sein Dalai-Lama-Lachen.

Kein Knopf, um negative Gefühle auszuschalten

Es erscheint unmöglich, von diesem bescheidenen Menschen nicht beeindruckt zu sein. Er propagiert säkulare Ethik, benutzt immer wieder wissenschaftliche Erkenntnisse, um seine buddhistische Anschauung zu untermauern. Und auch wenn er im Schneidersitz mit einer roten Kappe auf dem Kopf Scherze über die heilsame Wirkung von deutschem Wein macht, freut er sich, offenbar eine gute Pointe gesetzt zu haben, aber schiebt sofort eine ernsthafte Antwort hinterher.

Was also tun gegen Traurigkeit, Furcht und Wut? "Leider gibt es da keinen Knopf, mit dem man diese negativen Gefühle ausschalten kann", so der Dalai Lama. "Durch Training, Schulung und Bildung kann man aber sein mentales Immunsystem stärken, selbstbewusster werden." Allerdings sei dies ein langer Weg. Seit über 60 Jahren stehe er um 3 Uhr morgens auf und meditiere fünf Stunden täglich. Dennoch sei sein Fortschritt eher mit dem eines Fußgängers zu vergleichen und nicht mit dem eines steil aufsteigenden Jets.

Einladung nach Tibet

Zum Schluss lädt er die Menschen noch dazu ein, sich selbst ein Bild von Tibet zu machen, einfach mal hinzufliegen. "Leihen Sie sich einfach Geld von einem Freund, fahren Sie hin, reden mit den Menschen und wenn sie dann noch ein paar tibetische Antiquitäten kaufen, können Sie diese etwas teurer in Deutschland verkaufen und haben sogar noch ein Geschäft gemacht."

Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 18.09.2013 | 18:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:59
Hallo Niedersachsen

Tausende protestieren gegen Uploadfilter

23.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
04:14
Hallo Niedersachsen

"Celler Loch": Die Realsatire als Musical

23.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:54
Hallo Niedersachsen

Kennenlernen im Radio: "Miteinander" wird 25

23.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen