Stand: 19.05.2020 07:04 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Corona-Krise: Kinder verschwinden vom Radar

von Torben Hildebrandt
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Die Corona-Krise lässt manche Kinder vom Radar der Schulen verschwinden. Niemand wisse, wie es ihnen geht, warnen Experten. (Themenbild)

In der Corona-Krise wachsen die Sorgen, dass Kinder abgehängt werden. Weil sie nicht die Förderung bekommen, die sie brauchen oder weil sie beim Homeschooling nicht mitkommen. Oder weil sie sogar völlig vom Radar verschwinden. Lehrer berichten von Fällen, in denen sie keinen oder nur schwer Kontakt zu Schülern bekommen. "Wenn der Faden reißt, haben wir ein Problem", sagt Johannes Schmidt, Vorsitzender des Kinderschutzbundes in Niedersachsen. Aus seiner Sicht verschwinden Kinder zurzeit in der Anonymität.

"Jeder zehnte Schüler wird nicht erreicht"

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann schätzt, dass bundesweit seit Ende des regulären Schulbetriebs jeder zehnte Schüler nicht erreicht wird. "Da braut sich was zusammen", sagt der Fachmann. Johannes Schmidt vom Kinderschutzbund schätzt, dass in Niedersachsen mindestens mehrere Hundert Kinder komplett von der Bildfläche der Lehrer oder Ärzte verschwunden sind. Dazu kommen Kinder und Jugendliche, zu denen Pädagogen zwar noch Kontakt haben, die aber trotzdem auf der Strecke bleiben. "Etwa ein Fünftel aller Kinder sind Bildungsverlierer durch Corona", sagt Julia Willie Hamburg, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag. Sie meint damit Familien, in denen sich die Eltern nicht um den Bildungserfolg kümmern können, weil sie tagsüber arbeiten oder selbst in Problemen stecken. Betroffen seien auch Kinder, die nicht gut deutsch sprechen oder aus anderen Gründen besonders gefordert werden müssten. "Es gibt Kinder, die haben explizite Förderbedarfe", kritisiert Hamburg, "und die fallen gerade durch alle Raster. Um all diese Kinder kümmert sich gerade kein Mensch, das darf nicht so bleiben". Und dann wird Hamburg deutlich: "Soziale Gerechtigkeit und Kinderschutz kommen bei der Landesregierung zu kurz."

Außenstehende wissen nicht, was in Familien passiert

Auch wenn die Schulen und Kitas schrittweise öffnen, bleibt die Lage angespannt. Der Präsenz-Unterricht ist für viele Grundschüler noch weit weg und auch die Kitas laufen bis August im Notbetrieb. Wie Lehrkräfte und Kita-Mitarbeiter Kontakt halten, ist äußerst unterschiedlich - und reicht von überhaupt keinem Kontakt bis hin zu persönlichen Besuchen am Fenster. Heißt: Was in den Familien wirklich passiert, bekommen Außenstehende nur schwer oder gar nicht mit - seien es Probleme mit dem Lernen oder gar Gefahren für das Kindeswohl.

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Kontrollmechanismus durch Corona ausgehebelt

In normalen Zeiten fällt es Lehrern und Erzieherinnen auf, wenn Kinder übermüdet, ungepflegt oder hungrig in die Schule oder Kita kommen, erläutert Johannes Schmidt vom Kinderschutzbund. Dieser Kontrollmechanismus funktioniert in der Corona-Krise nicht. Das Problem bestätigt auch Tanja Brunnert, Kinderärztin aus Göttingen und Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen. Die soziale Kontrolle sei im Moment schwierig. Das bemerke sie auch in der eigenen Praxis, sagt Brunnert. Weil Eltern und ihre Kinder mit akuten Krankheiten zurzeit seltener zum Arzt gingen, gebe es auch weniger Chancen, die Kinder zu sehen. Brunnert ist sich sicher: "Jeder Lehrer, jeder Arzt weiß: Ich habe eine Handvoll Familien, da muss ich genauer hinschauen."

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Grüne fordern verbindliche Vorgaben

Grünen-Politikerin Hamburg fordert die Landesregierung auf, klar zu regeln, dass Lehrer ihre Schüler zu Gesicht bekommen. "Die Lehrkräfte müssen die Kinder sehen. Das ist entscheidend, am Telefon weiß man am Ende nicht, was passiert." Schon jetzt gebe es Lehrer, die Kinder besuchten - das hängt aus Hamburgs Sicht aber zu sehr vom persönlichen Engagement der Lehrkraft oder der Schule ab. Die Fraktionschefin fordert verbindliche Vorgaben: "Es ist wichtig, dass Kultusminister Tonne regelt, dass Lehrkräfte auch aufsuchend tätig werden müssen." Damit würde aus Hamburgs Sicht auch gewährleistet, dass die Lehrer Stunden-Kontingente und Fahrtkosten für die Hausbesuche erhalten. "Faktisch fahren viele Lehrkräfte derzeit ehrenamtlich durch die Gegend. Das darf auf Dauer nicht so bleiben."

Kinder systematisch in den Blick nehmen

Auch der Kinderschutzbund unterstützt die Forderung nach strengeren Regeln für die Schulen. "Wir müssen über alle möglichen Wege den Faden aufnehmen", sagt der Landesvorsitzende Schmidt. "Es muss eine Verbindlichkeit her. Bildung ohne Verbindlichkeit geht nicht." Ob eine Besuchspflicht landesweit oder von Schule zu Schule geregelt werden sollte, da will sich Schmidt nicht festlegen. Wichtig sei am Ende, dass jede Schule eine Haltung bei dem Thema entwickele. Auch die Kinderärztin Tanja Brunnert hält es für sinnvoll, Kinder jetzt systematisch in den Blick zu nehmen. Am Anfang der Corona-Krise habe die Politik viele Baustellen gehabt. "Ich mache der Politik keine Vorwürfe“, erklärt Brunnert mit Blick auf den Beginn des Notbetriebs - "aber jetzt würde ich schon mehr erwarten".

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Der niedersächsische Schulleitungsverband teilt die Sorge, dass Kinder in der aktuellen Lage verloren gehen. Die Verbandsvorsitzende Andrea Kunkel spricht von einem "heftigen Problem". Die Idee, Kinder systematisch und verpflichtend in den Blick zu nehmen, sei sinnvoll. Allerdings fragt sich Kunkel, wie die Schulen das in der Praxis umsetzen sollen. "Wir sind flexibel und kreativ, aber wir sind personell am Ende", sagt die Schulleiterin, „wer soll das denn machen?“

Kultusministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sieht derzeit keinen Anlass, etwas zu ändern. Auf Anfrage von NDR 1 Niedersachsen verweist ein Ministeriumssprecher auf die aktuelle Erlass-Lage. Schülerinnen und Schüler könnten und sollten auch außerhalb des Präsenzunterrichtes zur Kontaktaufnahme in die Schule bestellt werden, wenn den Lehrkräften dies geboten erscheine, so der Sprecher: "Diesen Freiraum haben die Schulen ausdrücklich." Und weiter: "Insbesondere Kinder, deren Eltern sich nicht so intensiv kümmern können oder wollen, versuchen wir daher mit unseren Regelungen zu erreichen." Kein Kind dürfe in dieser Zeit verloren gehen. Daher sei es "fester Teil der Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer, zu allen Kindern Kontakt zu halten". Heißt: Kontakt halten ist vorgesehen - ob die Lehrer die Kinder aber persönlich sehen, ist Ermessenssache.

Kinderschutzbund: "Alle sind in der Pflicht"

Der Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, Johannes Schmidt, fordert nicht nur Schulen und Politik zum Handeln auf. Er sieht jetzt alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu haben, in besonderer Weise in der Pflicht. "Wir müssen neue Netze knüpfen, wir müssen Kinder, Jugendliche und Familien auf allen Ebenen ansprechen", erklärt Schmidt. Als Beispiel verweist er auf die Sportvereine. Dort gelte es, hellhörig zu werden und die richtigen Fragen zu stellen: "Wer kommt nicht mehr zum Training? Wer ist weg? Wer ist verschwunden? Wo sind die?"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.05.2020 | 08:00 Uhr

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