Stand: 15.06.2018 16:34 Uhr

Bestattungsgesetz ohne qualifizierte Leichenschau

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Setzt sich für eine unabhängige Leichenschau ein: Michael Birkholz im Krematorium Verden.

Es ist die letzte Chance, einen Mord aufzudecken. Gerichtsmediziner Michael Birkholz untersucht Leichen im Krematorium Verden. Erst wenn seine Arbeit getan ist und er grünes Licht gibt, werden die Toten zur Verbrennung freigegeben. Unregelmäßigkeit oder gar ein Verbrechen nach der Kremierung festzustellen, ist nicht möglich, weil wichtige Spuren nach der Einäscherung für immer verloren sind. Ein Umstand, der es zum Beispiel den Ermittlern im Fall Niels Högel unmöglich machte, dem früheren Intensivpfleger weitere Tötungen an den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg nachzuweisen.

Särge in einem Leichenschauhaus

Experten kritisieren neues Bestattungsgesetz

Hallo Niedersachsen -

Laut Experten bleibt etwa jeder zweite Mord in Krankenhäusern unentdeckt. Ein neues Bestattungsgesetz soll das ändern. Doch der aktuelle Gesetzesentwurf steht in der Kritik.

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Experten für Leichenschau

Mit der Aufarbeitung des Falls vor Gericht wurde der Ruf nach unabhängigen Experten laut, die Verstorbene nach ihrem Tod untersuchen sollen. Auch von offizieller Seite: Der Niedersächsische Landtag richtete einen Sonderausschuss für Patientensicherheit ein. Der Abschlussbericht war eindeutig: Krankenhausärzte müssten lediglich den Tod des Patienten feststellen. Die Leichenschau, also die Untersuchung, woran ein Patient gestorben ist, sollten Experten übernehmen. Im Wortlaut: "In jedem Falle bedürfte es bei Sterbefällen in Krankenhäusern einer Übertragung der äußeren Leichenschau auf externe Ärztinnen und Ärzte."

Gesetz ignoriert Empfehlungen des Sonderausschusses

Die niedersächsische Landesregierung hat nun die Gelegenheit, solche Spezialisten einzusetzen. Am kommenden Dienstag soll das neue Bestattungsgesetz verabschiedet werden. Das regelt, wie, wann und von wem die Verstorbenen untersucht werden. Aber im federführenden Sozialministerium wird angezweifelt, dass unabhängige Spezialisten besser und gründlicher arbeiten.

"Was soll ich bei dieser Verstorbenen noch erkennen?"

Knapp 30 Särge stehen im gekachelten, sechs Grad kalten Kühlraum. Birkholz hebt mit einem Helfer den Deckel von einem Kiefernsarg. Darin der Körper einer Frau, die schon vor drei Wochen gestorben ist. Der Gerichtsmediziner rümpft die Nase - doch nicht wegen des scharfen Geruchs oder wegen des Anblicks der Leiche. Das ist er gewohnt. Der Zustand der Leiche macht ihm eine Beweisführung nahezu unmöglich: "Was soll man bei dieser Verstorbenen nun noch erkennen? Sie ist hochgradig verändert. Die Oberhaut löst sich in weiten Teilen ab. Eine vernünftige Diagnostik ist kaum noch möglich in diesem fortgeschrittenen Zustand. Hätte ich die vor drei Wochen gesehen, dann könnte ich mehr machen."

Untersuchung direkt auf dem Sterbebett

Geschulte Rechtsmediziner haben die größte Chance, einen Mord zu erkennen, wenn sie Tote direkt auf dem Sterbebett begutachten. Einstichstellen wären ein Hinweis. Auch das Umfeld der Toten gehört dazu: Zum Beispiel, ob Medikamente auf dem Nachttisch stehen, die nicht verschrieben wurden. Oder etwa wie Angehörige sich verhalten. Im Krankenhaus wären etwa Einstichstellen kein guter Hinweis, denn die meisten Patienten hätten gelegte Zugänge, so Birkholz. Hier muss der Rechtsmediziner gucken, ob der Tod plausibel ist - ob er zu erwarten war.

Behandlungsfehler könnten vertuscht werden

Michael Birkholz fordert deshalb seit Jahren, dass nicht Krankenhausärzte, sondern unabhängige Spezialisten die Leichenschau übernehmen. Krankenhausärzte stehen oft unter Zeitdruck. Im schlimmsten Falle könnten sie mit der Ausstellung des Totenscheines eigene Behandlungsfehler vertuschen.

Ministerium: Kein Nachweis für bessere Qualität

"Es gibt keinen Nachweis dafür, dass es im Ergebnis zu unterschiedlichen Qualitäten führt, ob die Ärztin oder Arzt den Tod feststellt oder ein anderer Arzt", sagt Claudia Schröder, Abteilungsleiterin für Gesundheit und Prävention im Ministerium. "Also insofern gibt es gar keinen Beleg dafür, dass das tatsächlich zu einer besseren Qualität führt." Gerichtsmediziner und Pathologen teilen diese Einschätzung nicht. Sie führen eben den Fall Niels Högel ins Feld. Der ehemalige und mittlerweile verurteilte Krankenpfleger konnte über Jahre unentdeckt mehr als 100 Patienten in Oldenburg und Delmenhorst vergiften.

Nicht genügend Personal

So oder so wird das neue Gesetz der Forderung des Sonderausschusses für Patientensicherheit nicht gerecht werden. Im Sozialministerium in Hannover wird das auch mit den vielen Toten in Niedersachsen begründet. 80.000 sind es pro Jahr. Etwa 60.000 davon sterben in Krankenhäusern und Altenheimen. In einem Flächenland gebe es einfach nicht genügend Personal: "Wir haben insgesamt die Situation, dass Ärztinnen und Ärzte ein wertvolles Gut sind und wir ihre Zahl nicht beliebig erhöhen können", erklärt Ministeriums-Mitarbeiterin Schröder. "Wir können auch keine Vorgaben machen, wer sich für die Fachrichtung Pathologie entscheidet."

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Michael Birkholz kritisiert auch, dass er vom Sozialausschuss bei der Beratung des Gesetzes nicht eingeladen wurde. Denn schließlich habe er bereits Erfahrungen mit dem Einsatz spezieller Leichenbeschauer gemacht. Seit mehr als einem Jahr führt er ein Pilotprojekt durch. An einem der beiden Krankenhäuser, in denen Niels Högel gemordet hat. Seitdem gibt es doppelt so viele Fälle, in denen eine natürliche Todesursache erst nach weiteren Untersuchungen geklärt werden konnte. Ein Mord war bisher nicht dabei. Aber Birkholz ist sich sicher: Je mehr Krankenhäuser mitmachen, desto eher kommt man Tätern auf die Spur. Aber niemand, der den Gesetzesentwurf entwickelt habe, habe etwas von seinen Zwischenergebnissen wissen wollen. Obwohl er mehrfach angeboten habe, sie vor dem Sozialausschuss zu präsentieren.

"Natürlich macht uns das wütend"

Unterstützt wird er von Matthias Karsch, dem Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Niedersachsen. Auch Karsch wurde zur letzten Ausschusssitzung nicht eingeladen. "Natürlich macht uns das wütend, weil sich mit dem Gesetz nichts zum Guten verändert hat. Weil Interessensvertretungen nicht gehört worden sind, die etwas dazu sagen könnten", sagt der Kriminalbeamte. "Weil Fachleute nicht gehört worden sind. Und weil wir immer noch nicht wissen, warum man eigentlich den Ratschlägen von Fachleuten nicht folgt." Darum könne man nur spekulieren. "Da können wir nur sagen: Das ist offensichtlich die Ignoranz der Macht im Sozialministerium."

"Natürlicher Tod" mit zertrümmerter Wirbelsäule?

Am Nachmittag hat Michael Birkholz seine Untersuchungen im Krematorium Verden abgeschlossen. Auf dem Totenschein einer Verstorbenen ist "natürlicher Tod" angekreuzt. Aber sie hat einen Trümmerbruch in der Wirbelsäule. Das passt nicht zusammen mit "natürlicher Tod". Der Arzt im Krankenhaus hätte das vermerken müssen. Oder aber - wenn er auch keine Erklärung dafür gefunden hat - die Polizei einschalten müssen. Das macht Michael Birkholz jetzt. Der Sarg wird für die Gerichtsmedizin vorbereitet. Für die Angehörigen dürfte das ein Schock werden. Denn die Beerdigung dürfte sich jetzt um Tage oder Wochen verschieben. Auch das hätte verhindert werden können, wenn ein Spezialist die Verletzung gleich am Totenbett diagnostiziert hätte. Und woher sie wohl stammen mag.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.06.2018 | 19:30 Uhr

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