Stand: 18.01.2017 19:45 Uhr

Zehn Jahre nach "Kyrill": Mehr Vielfalt im Wald

von Lydia Callies

Es ist Nacht, als der Sturm kommt. "Kyrill" fegt vom 18. auf den 19. Januar 2007 mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über weite Teile Europas und legt das öffentliche Leben lahm. Elf Menschen sterben bei sturmbedingten Unfällen deutschlandweit, in ganz Europa sind es 47. Allein Niedersachsen beschert "Kyrill" 2,5 Millionen Kubikmeter sogenanntes Sturmholz. Im niedersächsischen Landeswald sind es 1,4 Millionen Kubikmeter. Das entspricht der durchschnittlichen Menge Holz, die normalerweise jährlich von den Landesforsten geschlagen wird.

Die Fichten und der Domino-Effekt

Besonders in den Mittelgebirgslagen von Solling, Harz und Weserbergland wütet "Kyrill" schwer. Im Oberharz hinterlässt der Sturm eine Schneise der Verwüstung. Rund 400.000 Kubikmeter Holz wirft der Sturm allein im Harz. "Ein Schlag ins Kontor", sagt Michael Rudolph vom Forstamt Clausthal-Zellerfeld. Was fällt, sind fast ausschließlich Fichten. Denn die flachwurzligen Bäume halten starken Stürmen nicht stand. "Die Fichte hat eine hohe Krone, die durch den starken Wind wie ein Hebel wirkt", erklärt Rudolph. "Wenn eine Fichte ins Fallen kommt, fallen die anderen wie beim Domino um."

Renaturierung auf 2.000 Hektar

Vor zehn Jahren entsprechen die durch "Kyrill" entstandenen Kahlflächen in den Landesforsten etwa 5.500 Fußballfeldern. Mittlerweile zeugen aber immer weniger Stellen davon. Denn die meisten zerstörten Flächen sind wieder bepflanzt. Mitarbeiter der niedersächsischen Landesforsten haben nach dem Orkan rund 2.000 Hektar neue Wälder gepflanzt. Neben Fichte auch andere Baumarten. Denn gemischte Wälder haben eine höhere Stabilität gegenüber Stürmen, meint Förster Rudolph: "Die Douglasie oder andere Laubbäume verankern und verwurzeln sich tiefer und schützen somit schwächere Bäume. Dieses Gefüge stabilisiert sich gegenseitig und wehrt auch Gefahren wie den Borkenkäfer besser ab."

Das Ende der Fichten-Monokultur

Die Schäden von "Kyrill" zu beseitigen und neue Bäume anzupflanzen, hat nicht nur Jahre gedauert, sondern auch 14 Millionen Euro gekostet. Diese Zahl setzt sich laut Landesforstensprecher Stefan Fenner unter anderem zusammen aus hohen Kosten für das gefährliche und aufwendige Aufräumen, die geringeren Einnahmen aus dem Holzverkauf und die vielen Tausend Setzlinge. Das erklärte Ziel dabei: Die Wälder fit zu machen für den Klimawandel, damit sie auch Wetterextremen besser standhalten. Denn die Förster gehen davon aus, dass die Sommer trockener, die Winter wärmer und Unwetter häufiger werden. Die Fichte als Reinbestand ist auch deshalb nicht mehr gewünscht.  

Wettlauf mit der Zeit

"Kyrill war wie ein Katalysator", sagt Revierförster Rudolph aus Clausthal-Zellerfeld. Zwar gibt es seit mehr als 20 Jahren ein ökologisches Waldprogramm, der Sturm habe den Prozess aber beschleunigt und für die massive Aufforstung von Mischwäldern gesorgt. Die Arbeit der Förster indes ist mit der erfolgreichen Wiederaufforstung noch lange nicht abgeschlossen. Die jungen neuen Wälder müssen gepflegt und durchforstet werden. Denn sie sind gerade einmal sieben oder acht Jahre alt - und sollen über 100 Jahre alt werden. Der Wald soll so aufgeforstet werden, dass der nächste Sturm nicht so viel Schaden anrichtet wie "Kyrill". Denn dass er nicht das letzte Naturereignis mit zerstörerischen Kräften war, da sind sich die Förster sicher.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 17.01.2017 | 18:00 Uhr

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