Stand: 18.11.2017 10:00 Uhr

Wo steht VW nach einem Jahr Zukunftspakt?

von Wolfgang Kurtz

"Die Marke VW braucht einen Ruck und genau das ist dieser Zukunftspakt geworden." Das sagte VW-Konzernchef Matthias Müller heute vor einem Jahr, der Zukunftspakt war gerade unterschrieben. Zuvor war monatelang hart verhandelt und gerungen worden. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete den Zukunftspakt damals als "das größte Umbauprogramm in der Geschichte dieses Unternehmens". Betriebsrat und Unternehmensführung hatten einen massiven Stellenabbau vereinbart. 23.000 Arbeitsplätze sollen in den deutschen VW-Werken gestrichen werden. Weltweit sogar 30.000.

Gelingt VW der große Einstieg in die E-Mobilität?

Im Gegenzug aber entstehen 9.000 neue Jobs in Zukunftsfeldern wie der Digitalisierung und der Elektromobilität. Wolfsburg, so sieht es der Plan vor, wird das Digitalisierungs-Zentrum des Unternehmens. Und VW schafft die Voraussetzungen für den großen Einstieg in die Elektromobilität. Zudem hatte der Betriebsrat ausgehandelt, dass es bis 2025 keine betriebsbedingten Kündigungen geben soll.

Was hat VW bislang erreicht?

Beim von VW gestarteten Altersteilzeitprogramm ist der Autobauer "kurz vor dem Ziel", sagt Personalvorstand Karlheinz Blessing. Das Ziel sind etwas mehr als 9.000 Altersteilzeitverträge. VW habe die Altersteilzeit bis zum Geburtsjahrgang '61 ausgeweitet. Dabei gehe man offensiv auf die Leute zu, sagt Betriebsratschef Bernd Osterloh. Gerade in der Produktion würden extrem viele Mitarbeiter die Gelegenheit nutzen, früher aus dem Job auszusteigen. "Die Quote der Kollegen, die das Angebot annehmen, liegt im 3-Schichtbereich bei 80 bis 90 Prozent", so Osterloh.

Ersparnisse - und ein Image-Problem

In diesem Jahr hat VW nach Angaben vom Gesamtbetriebsrat und dem Vorstand durch den Zukunftspakt bereits 1,9 Milliarden Euro eingespart. Damit sei das Ziel für 2017 Mitte November zu 96 Prozent erreicht. Aber Personalvorstand Blessing betont: "Der Zukunftspakt hat eine Laufzeit bis 2020. Da ist noch viel zu tun - auch, wenn wir sagen, 2017 haben wir das Ziel erreicht." Betriebsratschef Osterloh ist zuversichtlich, die Ziele auch im nächsten Jahr zu erreichen. Sorgen bereitet ihm aber das Imageproblem, das Volkswagen nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals in Deutschland habe. Es gehe darum, die Menschen wieder davon zu überzeugen, dass es sich lohne, einen Volkswagen zu fahren. "Wenn ich die Entwicklung in Italien, Spanien, Frankreich und England sehe, dann ist das Thema Image in diesen vier wichtigen Märkten ein ganz anderes als in Deutschland. In allen Ländern geht das Image wieder nach oben, in allen Ländern haben wir wieder positive Verkaufszahlen. Warum das in Deutschland so schwierig ist, das frage ich mich manchmal auch", so Osterloh.

Ladeinfrastruktur: Konzerne in der Pflicht

Ab 2020 wird Volkswagen zahlreiche neue Elektroauto-Modelle auf den Markt bringen. Aber kaufen die Kunden sie auch? Solange die Ladeinfrastruktur in Deutschland nicht massiv ausgebaut wird, hat auch Betriebsratschef Osterloh Bedenken. Er sieht die Energiekonzerne in der Pflicht: "Wir reden über Automobilindustrie und über den Staat. Die Energiewirtschaft will doch den Strom dann irgendwann verkaufen. Die sind da im Hintergrund und warten wahrscheinlich, dass die dann nur noch den Strom liefern. Ich glaube, das muss breiter aufgestellt werden", so Osterloh.

Keine Aufgabe eines Autobauers

Auch Personalvorstand Blessing ist der Ansicht, dass Bund, Länder und Städte sich beim Aufbau der Ladeinfrastruktur stärker engagieren müssen. Für ihn stellt sich aber die Frage: "Ist es Aufgabe eines Automobilherstellers, sich so im Bereich Ladeinfrastruktur zu engagieren?" Man baue ja schließlich auch keine Tankstellen. "Wir machen es, weil wir sehen, dass zu wenig geschieht", sagt Blessing. Und Betriebsratschef Osterloh hofft, dass es in Berlin bald wieder eine handlungsfähige Koalition gibt, damit man wieder über dieses für Deutschland so wichtige Thema reden könne.

Braunschweig fertigt bald Batterien - Salzgitter auch?

Im Zukunftspakt vereinbart ist auch ein Umbau der Werke in Richtung Elektromobilität. Besonders gefordert sind vor allem die VW-Standorte Braunschweig und Salzgitter. Braunschweig soll schon 2019 Batteriesysteme und andere Teile für die neuen Elektroautos von Volkswagen liefern. Doch noch werden dort vor allem Kunststoffteile gefertigt. Das Werk stecke schon mitten in der Transformation, sagt Blessing. Das sei ein gewaltiger Umstellungsbedarf und für die Beschäftigten eine Herausforderung. Es gebe auch Probleme, räumt Blessing ein. Aber VW tue, was möglich ist. Vor allem gemeinsam mit den Betriebsräten, betont Blessing. Offen ist weiterhin, ob Salzgitter mal, wie viele hoffen, eine Batteriefabrik bekommt. Damit aus der Pilotanlage dort auch eine Batteriefertigung wird, müsse man auch über Energiepreise reden, sagt Betriebsrat Osterloh. Er ist sich sicher, VW wird selbst in die Batteriezellenfertigung einsteigen. 40 Prozent der Wertschöpfung am Elektroauto macht die Batterie aus, erinnert Osterloh. Diesen Anteil werde Volkswagen nicht freiwillig hergeben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 18.11.2017 | 12:00 Uhr

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