Stand: 16.01.2019 14:06 Uhr

Wettlauf gegen das Wasser: Was wird aus der Asse?

von Axel Schröder, NDR Info

Wohin mit radioaktivem Abfall aus Kernforschungszentren und Krankenhäusern? Diese Frage stellte sich schon in den 1960er-Jahren und die Lösung schien erstmal ganz plausibel: unter die Erde, weit weg von der Biosphäre, rieten Experten. Mit dem alten Salzbergwerk Asse II stand gleich ein Ort zur Verfügung, der genügend Platz bot für den Abfall. Bis Ende der 1970er wurden dort mehr als 126.000 Atommüllfässer eingelagert. 30 Jahre später wurde bekannt, dass Wasser ins angeblich sichere Endlager eindringt. Nun stehen Ingenieure, Bergleute und Geologen vor der Aufgabe, den Müll zu bergen.

Bild vergrößern
"Glück auf" steht auf einem Gebäude der Anlage. Ehe die Asse zum Atommülllager wurde, war sie ein Salzbergwerk.

Die Fahrt geht vorbei an abgeernteten Feldern, durch die flachhügelige Landschaft rings um Wolfenbüttel, südlich von Braunschweig. Mittendrin liegt, dicht bewaldet, der Höhenzug Asse. 500 Meter unter der idyllischen Landschaft laufen jeden Tag mehr als 13.000 Liter Wasser ins einsturzgefährdete Atommülllager Asse II. Die Menschen in den kleinen Dörfern am Fuße der Asse sind alarmiert.

Mehr als 100 Tonnen Uran im Boden

Anwohnerin Heike Wiegel ist allein schon besorgt angesichts der schieren Mengen: 102 Tonnen Uran, 87 Tonnen Thorium, 28 Kilogramm Plutonium - all das liege unten in der Asse. "Plutonium ist ja nicht nur radioaktiv, es ist ja schon in Staubkorngröße tödlich. Darüber darf man gar nicht nachdenken, was passiert, wenn dieser Schacht absaufen sollte." Dann presse der Berg durch seinen Druck den Müll nach oben.

Angst vor dem Wassereinbruch

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Wiegel in der Bürgerinitiative "AufpASSEn". Asse II, erzählt sie, wäre nicht das erste Bergwerk in der Gegend, das nach unbeherrschbaren Wassereinbrüchen absäuft. "Wir haben Nachbarschächte gehabt, die sind in wenigen Tagen, Stunden abgesoffen." Das sei das Schlimmste, was passieren könne.

Der Berg zerquetscht die Fässer

Bild vergrößern
126.000 Fässer mit radioaktivem Abfall lagern in der Asse. Ihre Bergung ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Von Remlingen aus sind es fünf Autominuten bis zum Bergwerksgelände auf dem bewaldeten Hügel. "Glück auf" steht in großen Lettern auf einem Gebäude der mehr als 100 Jahre alten Anlage. In die Tiefe kommen Besucher von hier aus mit einer Seilfahranlage - einem vergitterten, etwas ramponierten Fahrstuhl.

Unten erklärt Manuel Wilmanns von der Bundesgesellschaft für Endlagerung, wie die 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen geborgen werden könnten. Erste Bilder aus den Ende der 70er-Jahre zugeschütteten Kammern zeigen, wie kompliziert die Bergung sein wird: Auf ihnen sei zum Beispiel ein Atommüllfass zu sehen, das an einer Wand zusammengequetscht worden sei. "Das ist über den gebirgsmechanischen Druck total zerstört worden."

13 Kubikmeter Wasser jeden Tag

Die Planungen der Bergung sind noch längst nicht abgeschlossen. Aber die Zeit drängt: Jeden Tag dringen mehr als 13 Kubikmeter Wasser ins Bergwerk ein. Ein Großteil davon wird oben aufgefangen, bevor es Kontakt zu den Abfällen hat. Für die tiefer gelegenen Zuflüsse auf der 750-Meter-Sohle gilt das nicht. "Das sind Wässer, die direkten Kontakt mit den radioaktiven Abfällen haben", sagt Wilmans. Die Wässer liefen durch eine Einlagerungskammer und seien stärker belastet.

Ein GAU ist möglich

Noch haben die Ingenieure und Bergleute die Wassermengen untertage im Griff. Die entscheidende Frage bleibt aber, ob das schon heute an vielen Stellen instabile Bergwerk standfest bleibt und ob sich die Wasserzuflüsse, wie in den letzten Monaten geschehen, nicht noch erhöhen. Ob die Asse von einem GAU untertage verschont bleibt, ist ungewiss.

Ein Fass mit radioaktiv verseuchtem Wasser steht am 04.03.2014 in Remlingen in einem Schacht des Atommüll-Lagers Asse. © dpa-Bildfunk Foto: Jochen Lübke/dpa

Was wird aus dem maroden Atommülllager Asse II?

NDR Info - Das Forum -

Ins Salzbergwerk Asse fließen täglich große Wassermengen. Gleichzeitig lagern dort über 100.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen. Kann der Atommüll sicher geborgen werden?

4,5 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download
Weitere Informationen

Atommüll: Mehr Problemfässer als bekannt

Bisher räumte das Umweltministerium die Existenz von sieben Problem-Fässern aus Leese ein. Eigentlich müssen 442 Atomfässer intensiv nachbearbeitet werden, zeigen NDR Recherchen. (14.01.2019) mehr

Asse: Rückholung "von zentraler Bedeutung"

Niedersachsens Umweltminister Lies hat am Mittwoch das Atommüll-Lager Asse besucht. Er nannte die Rückholung der radioaktiven Abfälle ein "Milliardenprojekt von zentraler Bedeutung". (06.12.2018) mehr

"Löchrig wie ein Käse": 50 Jahre Endlager Asse

Nur ein Jubiläum, kein Feiertag: Vor 50 Jahren wurden die ersten Fässer mit Atommüll in der Asse abgekippt. Das Bergwerk droht einzustürzen, Wasser dringt ein. Eine Lösung? Nicht in Sicht. (05.04.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 16.01.2019 | 09:50 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:50
Hallo Niedersachsen