Stand: 04.02.2018 08:35 Uhr

Werk Tanne: Auf der Spur der "Goldköpfchen"

von Stefanie Döscher

Sie nannten sie "Goldköpfchen" oder "Kanarienvögel". Sie waren in Clausthal-Zellerfeld jedem bekannt und trotzdem sprach lange keiner der Bewohner über sie: die Zwangsarbeiter, die in der Sprengstoff-Fabrik Werk Tanne arbeiteten. Noch heute erinnern die Ruinen der Fabrik an das Schicksal der Menschen, die hier Sprengstoff produzieren mussten. Auch die Natur rund um das Werk leidet heute noch unter den Spätfolgen.

Ruinen der verlassenden Sprengstofffabrik Werk Tanne. © NDR

Werk Tanne: Vergessener Ort mit Altlasten

DAS! -

Die Ruinen einer ehemaligen Sprengstofffabrik im Harz erinnern an die Schrecken des Nationalsozialismus in Deutschland. Ein vergessener Ort mit gefährlichen Altlasten.

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Zentral im Reich gelegen

Erste Pläne für eine Rüstungsfabrik in der Gegend gab es bereits 1933. Lange bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht. Damals engagiert sich der Landrat der Region für den Standort. Clausthal-Zellerfeld liegt im Oberharz und somit zentral im Dritten Reich. Wegen der umliegenden Wälder wäre eine Fabrik hier aus der Luft schlecht zu erkennen, denken die Planer. Und noch etwas spricht für die Region: Der Bergbau, der hier lange Zeit die Wirtschaft dominierte, ist dem Untergang geweiht. In den 20er-Jahren schließen Dutzende Bergwerke. Viele Menschen in der Region sind arbeits- und perspektivlos.

Keine Informationen dringen nach außen

1935 unterzeichnen die Verantwortlichen den Kaufvertrag, 1936 ist das Werk bereits in Teilen fertig. Allerdings ist Tanne, wie der Tarnname des Werks lautet, zunächst nur ein "Schlafwerk". Es besteht aus 214 Einzelgebäuden. Darin zwei Produktionslinien - falls das Werk angegriffenen wird oder es sonstige Ausfälle gibt. Was im Werk passiert, darf nicht nach außen dringen. Die Presse bekommt von den Nazis einen Maulkorb verpasst.

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Zwölf Prozent des Sprengstoffs im Reich

Ab Frühling 1939 läuft die Produktion im Werk. In Tanne wird vor allem Trinitrotoluol (TNT) produziert. Andere Sprengstoffe werden in Granaten, Waffen und Bomben gefüllt. Außerdem wird fehlerhafte und erbeutete Munition aufgearbeitet. Zu Spitzenzeiten werden in dem mittelgroßen Sprengstoffwerk zwölf Prozent des gesamten deutschen TNTs produziert.

Kaum Schutzkleidung für die Arbeiter

Doch anders als zunächst gedacht arbeiten im Tanne weniger Einheimische. Die Männer und Frauen an den Produktionslinien sind vor allem Zwangsarbeiter. Sie kommen aus Frankreich, Belgien, Jugoslawien, Polen und der Slowakei. Später sind es vor allem Russen. Täglich kommen sie mit den hochgiftigen Stoffen in Kontakt, müssen sie mit bloßen Händen bearbeiten. Es gibt kaum Schutzkleidung.

Sonderration Milch für die Zwangsarbeiter

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Am 6. Juni 1941 kommt es im Werk zu einer Explosion, warum ist nicht geklärt. 61 Menschen sterben, die meisten sind Zwangsarbeiter.

Allerdings: Die Arbeiter bekommen eine Sonderration Milch. Was damals allerdings nicht bekannt ist: Milch beschleunigt die Aufnahme von Giftstoffen eher. Das TNT dringt in den Körper ein - über die Lunge, die Haut und auch mit der Nahrungsaufnahme. Die Menschen verändern sich. Ihre Haare und Haut färben sich golden oder rot. Das TNT greift den Organismus an und zerstört die roten Blutkörperchen. Leber, Knochenmark und Lunge werden so irreparabel geschädigt.

"Goldköpfchen" leiden vor den Augen aller

Für jedermann ist sichtbar: Die Arbeit in der Fabrik schadet den Arbeitern. Die Menschen in Clausthal-Zellerfeld nennen sie "Goldköpfchen" oder "Kanarienvögel". Täglich begegnen sie ihnen, wenn sie aus ihnen Unterkünften in die Fabrik gebracht werden. Zusätzlich zur Arbeit machen Hunger, Kälte und Lungenerkrankungen den Arbeitern zu schaffen. Hinzu kommen zahlreiche Betriebsunfälle an den Produktionsstrecken. Auch die Kindersterblichkeit ist groß: Kaum eines der Kinder, das eine Zwangsarbeiterin zur Welt bringt, erreicht das Grundschulalter. Die meisten sterben vorher - an Herzschwäche. Außerdem gehen zwei große Unglücke in die Geschichte des Werks ein. Bei einer großen Explosion im Jahr 1940 sterben 61 Menschen. Und bei einem Luftangriff der Alliierten im Jahr 1944 verlieren 156 Menschen ihr Leben. Bei beiden Unglücken sind die Opfer zum großen Teil Zwangsarbeiter.

Abwasser in die Natur

Auch die Natur rund um die Fabrik leidet, sie wird durch die Sprengstoffproduktion zerstört. Denn der Rüstungskonzern hat sich keine Gedanken darüber gemacht, wohin die Abwässer aus der Produktion fließen sollen. So fließen die Abwässer in die Söse, die Fische in dem kleinen Fluss sterben. Eine Lösung muss her. Die Verantwortlichen entscheiden sich dagegen, das Wasser zu klären, weil das zu teuer wäre. Stattdessen leiten sie die giftigen Abwässer in sogenannte Schluckbrunnen - natürliche Karsthöhlen - im Bereich Osterode.

Menschen wollen das Werk vergessen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gerät das Werk in Vergessenheit. Oder die Menschen am Ort wollen es vergessen. "Es wurde viel verschwiegen und auch viel verdrängt damals", erinnert sich Heidrun B., die in der Nähe des Werks aufwuchs. Diesen Eindruck teilt auch Friedhart Knolle. Der Geologe setzt sich dafür ein, dass die Geschichte des Werkes aufgearbeitet wird. "Lange gab es ein Schweigekartell rund um das Werk Tanne", sagt er.

Der Boden leidet bis heute

Rückhaltebecken sollen verhindern, dass einsickerndes Regenwasser die giftigen Altlasten in tiefer gelegene Gewässer trägt, aus denen die Gegend rund um das Werk ihr Trinkwasser bezieht.

Anfang der 80er-Jahre studiert Knolle an der Technischen Universität in Clausthal-Zellerfeld Geologie. Sein Institut ist nur wenige Tausend Meter von den Ruinen des Werks entfernt. Er ist an der Umwelt und seiner Heimat, dem Oberharz, interessiert. Gemeinsam mit anderen umweltbewussten jungen Menschen setzt er sich dafür ein, dass das Schweigen rund um die Rüstungsaltlasten im Boden der Bundesrepublik gebrochen wird. Doch die befindet sich noch mitten im Kalten Krieg. Die Behörden mauern. Unter Federführung des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) schließen sich die Umweltschützer zusammen. Mit verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Kampagnen erreichen sie, dass das Land Niedersachsen sich ab 1987 mit der Aufarbeitung beschäftigt. Dann folgt ein langer Rechtsstreit.

30 Millionen Euro für die Sanierung

Niedersachsen und die IVG Immobilien AG streiten, wer für die Sanierung des Bodens zahlen muss. Der IVG gehört das Gelände, sie ist die Nachfolgegesellschaft der MONTAN, Eigentümerin des Grundstücks und Bauherrin des Werks Tanne zur NS-Zeit. 2014 gibt es einen Vergleich: Jährlich fließen von der IVG zwei Millionen Euro - für 15 Jahre. Damit werden Boden und Grundwasser rund um das Werk Tanne und zwei andere Fabriken saniert. "Ich bin damit zufrieden, wie es jetzt anläuft. Ich bin allerdings unzufrieden damit, dass es so lange gedauert hat, eine Lösung zu finden", sagt Knolle.

Pfauenteiche bereits saniert

Mittlerweile wurden bereits die Pfauenteiche in der Nähe des Werks, in denen auch Knolle als Kind schwamm, saniert. Ein Ende der Arbeiten ist allerdings nicht abzusehen, denn laut dem Landkreis Goslar ist teilweise nicht einmal bekannt, wo sich die Altlasten befinden. Dafür, dass sie schädlich für das Grundwasser seien, gebe es bisher keine Beweise. "Die Gifte sind bereits weiträumig verteilt", sagt dagegen Knolle. Außerdem ist sich Knolle sicher: Die 30 Millionen von der IVG werden nicht reichen.

Somit bleibt das Werk Tanne nicht nur ein "Lost Place", sondern für Friedhart Knolle auch ein "Dangerous Place", ein gefährlicher Ort.

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Dieses Thema im Programm:

DAS! | 04.02.2018 | 18:45 Uhr

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