Stand: 14.08.2020 05:53 Uhr

Urteil im Groner Frauen-Doppelmordprozess erwartet

von Marie-Caroline Chlebosch und Lars Ohlenburg
Hände eines Mannes sind von unten zu sehen. © NDR Foto: NDR
Leidet noch immer unter den Eindrücken der Tat: Ingrid Müller (Name von der Redaktion geändert) erinnert sich daran, wie sie versuchte, dem Opfer zu helfen.

Der 26. September 2019 ist ein grauer Tag. Der Wetterbericht sagt Regen voraus. Trotzdem fährt Ingrid Müller (Name von der Redaktion geändert) wie immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. Zur Mittagszeit endet ihre Schicht, die Frau aus Göttingen macht sich auf den Heimweg. Ihr Arbeitsplatz liegt im Stadtteil Grone. Was auf dem Heimweg passiert, beschreibt Ingrid Müller so: "Plötzlich sah ich, dass eine Frau in Flammen stand und sie rannte - um die Kurve - brennend auf mich zu." Die Frau ist Astrid A., eines der beiden Opfer im Mordprozess, der am Freitag vor dem Landgericht Göttingen zu Ende geht. Angeklagt ist ihr ehemaliger Lebensgefährte, der 53-jährige Frank N., der bereits wegen Vergewaltigung und versuchter Vergewaltigung vorbestraft ist. Ingrid Müller ist Nebenklägerin im Prozess.

VIDEO: Augenzeugin spricht über Grone-Doppelmord (5 Min)

Ingrid Müller zeigt Zivilcourage

"Ich war auf dem Fahrrad und bin abgestiegen, um sie zu löschen", sagt Ingrid Müller. In diesem Moment begreift sie noch nicht, dass Frank N. die Frau angezündet haben soll. Sie will einfach helfen, zeigt Zivilcourage. "Dann kam aber der mutmaßliche Täter angerannt und ich dachte: Oh Gott, der zündet sie wieder an. Der Mann rannte an mir vorbei mit einer dampfwalzenartigen Energie", erinnert sich die Frau. Frank N. soll seine Ex-Lebensgefährtin dann mit 25 Messerstichen getötet haben. Auch eine Arbeitskollegin von Astrid A., die zur Hilfe eilt, wird so schwer verletzt, dass sie wenige Stunden später im Krankenhaus stirbt. Frank N. gesteht die Tat vor Gericht.

Staatsanwaltschaft Göttingen: Wut als Tatmotiv

"Mich betrügt man nicht", soll Frank N. während der Tat laut geschrien haben. So erinnert sich Ingrid Müller wie auch andere Passanten, die an diesem Donnerstagmittag ungewollt Augenzeugen werden und im Laufe des Prozesses vor Gericht aussagen. Aber auch nachdem Ingrid Müller die Situation am Tatort erkennt, will sie helfen. Als Frank N. über das mutmaßliche Hauptopfer gebeugt ist, will sie handeln: "Ich hatte seinen Rücken vor mir und dachte, dass das die Gelegenheit ist, etwas zu tun und zu versuchen, ihn wegzuziehen. Und dann legte ich meine Hand auf seine Schulter", erinnert sie sich. Ganz plötzlich habe sie dabei ihre Kraft verlassen, ihre Hand habe sich auf einmal so leicht wie ein Schmetterling angefühlt: "Weil ich so entsetzt war. Und dann war der Mann leider hellwach, hat mich sofort registriert und ist unter mir weggetaucht."

Helferin wird mit Messer verletzt

Frank N. habe das Messer noch in der Hand gehabt bei seinem Versuch, sich zu befreien, sagt die Helferin. Plötzlich ist auch Ingrid Müller verletzt: "Ich bin mir gar nicht sicher, wann er mir diesen Schnitt zugefügt hat. Er hat mich am linken Oberarm erwischt. Wahrscheinlich, als er unter mir weggetaucht ist." Sie weicht zurück und bringt sich in Sicherheit. Sie ruft den Rettungsdienst. Ihre äußere Narbe ist bis heute sichtbar.

Nebenkläger berichten von Angst und Schlaflosigkeit

Die inneren Narben sieht man nicht. Ingrid Müller ist seit Prozessbeginn nahezu jedes Mal vor Gericht mit dabei. Es sei ihr wichtig, um das Geschehene aufzuarbeiten, sagt sie. Der Tag und das Erlebte hätten sich eingebrannt: "Ich habe Angst, abends beim Einschlafen. Ich schlafe nicht mehr bei offenem Fenster, egal wie heiß es ist", sagt sie. Manchmal überkommen sie auch Zweifel an sich selbst. "Diese Frage: Hätte ich noch irgendwas tun können?" Ihre Anwältin Helen Wienands begleitet sie durch den Prozess und unterstützt sie, wenn diese Zweifel aufkommen: "Meine Mandantin hat ein absolut beeindruckendes Engagement gezeigt in dieser Situation. Sie hat sofort reagiert. Sie hat das gemacht, was viele nicht gemacht haben, eingegriffen."

Andere Augenzeugen hätten ihre Handys gezückt und das Geschehen gefilmt, sagt Helen Wienands. "Meine Mandantin hat unter Einsatz ihres Körpers, ihres Lebens versucht, zu helfen. Nur leider war der Angeklagte nicht davon abzubringen."

Getötete hinterlässt zehnjährige Tochter

Ein Blick auf eine Bäckerei in der Göttinger Innenstadt am Abend. © Stefan Rampfel Foto: Stefan Rampfel
Mitten in der Göttinger Innenstadt wird Frank N. festgenommen. (Archiv)

Nebenklage-Anwalt Steffen Hörning vertritt die Familie von Astrid A. Sie hinterlässt ein zehnjähriges Kind. "Die Tochter hat es erfahren, als sie mittags aus der Schule nach Haus gekommen ist", sagt Steffen Hörning. Sie sei aus dem Bus ausgestiegen und habe festgestellt, dass ihre Mutter nicht wie üblich an der Bushaltestelle stand, um sie abzuholen. Das Mädchen ruft den Vater an, der erfährt über weitere Telefonate, was passiert ist. "Wenn man die Person, die einem am nächsten steht, im Alter von zehn Jahren durch so dramatische Umstände verlieren muss, dann kann man sich vorstellen, was das in einem Kind anrichtet."

Nebenklagevertreter fordern lebenslang

Jegliche Lebensfreude sei weg, nur noch Ängste seien vorhanden, sagt der Nebenklage-Anwalt darüber, wie es dem Mädchen geht. "Man trifft sich nicht mehr mit Freundinnen, man unternimmt nichts mehr, ist quasi in den eigenen vier Wänden gefangen und kaum noch lebensfähig. Das ist im Moment der Stand der Dinge." Die Nebenklagevertreter fordern eine lebenslange Haftstrafe unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Spektakuläre Flucht nach der mutmaßlichen Tat

Frank N. gelingt es, nach der mutmaßlichen Tat im September 2019 zu fliehen. Es beginnt eine aufwendige Suche durch die Polizei mit Hubschraubern und zahlreichen Beamten. Immer wieder soll er auf der Flucht selbst bei der Polizei angerufen haben. Seine Flucht endet am Abend nach der Tat in der Göttinger Innenstadt. Beamte nehmen ihn fest, nachdem er sich in der Weender Straße einen Döner kauft und dabei erkannt wird. Er kommt in Untersuchungshaft.

Weitere Informationen
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Anklage fordert anschließende Sicherungsverwahrung

Seit Ende März läuft der Prozess, der nun endet. Um 14 Uhr will der Vorsitzende Richter Tobias Jakubetz das Urteil verkünden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Frank N. seine Ex-Lebensgefährtin aus Wut getötet hat und ihr Schmerzen zufügen wollte. Sie fordert lebenslange Haft unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und anschließende Sicherungsverwahrung. Der Verteidiger nannte kein Strafmaß, gab aber zu bedenken, dass aus seiner Sicht Totschlag und nicht Mord vorliege. Die Mordmerkmale sieht er nicht als erfüllt an. Ingrid Müller hofft, dass Frank N. nie wieder aus dem Gefängnis kommt. Noch immer arbeitet sie nahe dem Tatort in Göttingen-Grone. Wenn sie mit dem Fahrrad vorbeifährt, stehen dort bis heute Blumen und Kerzen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 13.08.2020 | 16:00 Uhr

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