Stand: 11.04.2019 06:45 Uhr

Turbulentes erstes Jahr für VW-Chef Herbert Diess

von Hilke Janssen
Im April 2018 übernahm Herbert Diess den Vorstandsvorsitz bei VW.

Eines muss man dem VW-Vorstandschef lassen: Herbert Diess versteht es, Tempo und Druck zu machen. Wie kein anderer Autobauer setzt Volkswagen auf den Systemwandel. Das Unternehmen soll zukünftig nicht mehr einfach nur Autos zusammenschrauben, sondern zum Software- und Mobilitätsspezialisten werden - und zum Weltmarktführer bei der Elektromobilität. Ein Blick auf das erste VW-Jahr unter Diess.

Drei Millionen reine Elektrofahrzeuge bis 2025

Konkret hat Diess unter anderem das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2025 drei Millionen reine Elektrofahrzeuge zu verkaufen. Das entspricht knapp einem Drittel der aktuellen VW-Produktion. Dahinter steht nicht die reine Liebe zur Umwelt. Volkswagen wird von strengen CO2-Grenzwerten der EU dazu gezwungen, sich von den traditionellen Benzinern und Dieseln zu verabschieden.

Diess fordert Unterstützung von der Politik

Diess setzt dabei im Gegensatz zu anderen Autoherstellern ausschließlich auf den Elektromotor. Er fordert nachdrücklich Unterstützung von der Politik, wie beispielsweise mehr Geld für Ladesäulen, spezielle Parkplätze für E-Autos und andere Anreize für Käufer. Aus der Sicht des VW-Chefs ist das schlüssig: Volkswagen steckt viele Milliarden Euro in die Entwicklung und den Umbau ganzer Standorte.

E-Autos müssen Erfolg werden

Diese teure Konzentration auf das Elektroauto muss für VW also zwingend ein Erfolg werden. Vom Anteilseigner Niedersachsen kommt Lob für den ambitionierten Kurs des VW-Managers. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte dem NDR in dieser Woche, Diess treibe den Erneuerungsprozess bei Volkswagen "wirklich sehr energisch und mit beachtlicher Konsequenz" voran und das sei auch notwendig. Der Auto-Experte Professor Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch-Gladbach stellt fest, dass sich Diess für den Strategiewechsel einerseits die Unterstützung der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch erarbeitet und andererseits eine entscheidende Machtposition bei Volkswagen geschaffen habe. "Diess konzentriert die Macht auf sich, um den Tanker Volkswagen in eine neue Richtung zu lenken", so Bratzel im NDR-Interview.

Rastlos, getrieben und schonungslos?

Für die einen ist Diess ein entscheidungsfreudiger und selbstbewusster Manager. Andere beschreiben ihn als rastlos, getrieben und schonungslos bei der Umsetzung seiner Ziele. Er freue sich nicht über das, was schon geschafft wurde, erzählt ein langjähriger Wegbegleiter über den 60-Jährigen. Stattdessen stelle er seinen Mitarbeitern sofort neue, anspruchsvolle Aufgaben.

Betriebsrat fühlt sich überrumpelt

Mit seiner Ungeduld sorgt Diess im Konzern auch für Ärger. Für den Geschmack des Betriebsrats hatte der Vorstand kürzlich zu voreilig und ohne Absprache den Abbau von 7.000 weiteren Arbeitsplätzen verkündet. VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh weiß zwar auch, dass Volkswagen sich wandeln muss. Aber während Diess das Unternehmen am liebsten mit der Brechstange auf Effizienz trimmen würde, fordert Osterloh ein durchdachtes Konzept aus der Chef-Etage. Herbert Diess wird sich darauf einlassen müssen. Denn ohne die Zustimmung des Betriebsrats kann der oberste VW-Chef wichtige Themen im Aufsichtsrat nicht durchbringen. Dafür, sagt der Branchen-Experte Bratzel im NDR Interview, brauche Diess in Zukunft mehr Fingerspitzengefühl.

Staatsanwaltschaft ermittelt noch gegen Diess

Der Volkswagen-Chef hatte auch sonst ein holpriges erstes Jahr: Auf den neuen Abgas-Test WLTP reagierte VW zu spät und verlor damit viel Geld, der wichtige Markt China schwächelt, die USA drohen mit Strafzöllen auf deutsche Autos und in Deutschland wird weiter über Dieselfahrverbote diskutiert. Auch der millionenfache Diesel-Betrug sitzt dem Konzern noch im Nacken. Bisher hat der Betrug VW gut 27 Milliarden Euro gekostet, außerdem sind noch Tausende Klagen anhängig. Und die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen Diess wegen des Vorwurfs, die Finanzmärkte zu spät über den Abgasskandal informiert zu haben. Eine Anklage in diesem Jahr gilt als wahrscheinlich.

Umbau in Zeiten des Sparplans

In den kommenden Monaten muss Diess mindestens ebenso viele Baustellen beackern. Volkswagen muss mit seinen traditionellen Modellen wie dem Golf oder Tiguan genug Geld für den Umbau zur Elektromobilität verdienen. Ab 2020 will der Konzern in die Massenproduktion gehen. Gleichzeitig muss der VW-Chef nach und nach Tausende Arbeitsplätze abbauen. Weil Volkswagen effizienter werden soll und der Bau von Elektroautos weniger Arbeit bedeutet, werden bis 2023 allein in Deutschland mehr als 30.000 Stellen gestrichen.

Schafft Volkswagen den Umstieg?

Die Elektromobilität und die neue Mobilitätswelt werden zur Bewährungsprobe für Volkswagen, glaubt der Auto-Experte Stefan Bratzel. Nur wenn VW es schaffe, beim Carsharing und bei Fahrdienstvermittlungen mitzuhalten, entscheide sich, ob Volkswagen auch in Zukunft ein relevanter Player bleibe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 12.04.2019 | 08:00 Uhr

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