Stand: 04.10.2021 07:02 Uhr

Tiere in Menschenhand: "Können Aufklärungsarbeit leisten"

Heute ist Welttierschutztag. Wie wir mit den Tieren umgehen und umgehen sollten, dazu gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Der aus Lüneburg stammende Biologe und Vorsitzende des Deutschen Wildgehege Verbandes, Eckhard Wiesenthal, hat ein Buch mit dem Titel "Tiere in Menschenhand" herausgegeben, das sich mit diesem Thema beschäftigt.

Herr Wiesenthal, was ist Ihre Beziehung zu Tieren?

Der Biologie Eckhard Wiesenthal liest aus seinem Buch vor. © Eckhard Wiesenthal
Der Biologe Eckhard Wiesenthal hat ein Buch zur Haltung von Tieren herausgegeben.

Eckhard Wiesenthal: Ich habe eine Menge mit Tieren zu tun, mein Leben lang. Seit Jahren bin ich Vorsitzender des Deutschen Wildgehege Verbandes und in dieser Funktion auch mit Tieren in der Tierhaltung beschäftigt. Und immer wieder fragt man sich: Wie sehen uns eigentlich die Tiere? Wie verstehen uns die Tiere, beziehungsweise verstehen wir sie richtig? Und im Laufe meines Lebens stelle ich fest, dass wir ein immer verklärtes Gefühl für Tiere bekommen. Ich selbst halte viele Tiere. Wir lieben Tiere, aber wir essen auch Tiere. Aus diesem Gedanken heraus habe ich mir die Frage gestellt: Was beschäftigt uns, beziehungsweise was ist eigentlich diese Tierliebe wert? Und lieben wir die Tiere tatsächlich richtig?

Was ist denn das verklärte Tierbild aus Ihrer Sicht?

Wiesenthal: Wir sind der Meinung, dass heute der Tierschutz in einer Form über allem steht, dass wir eigentlich keinem Tier irgendein Leid antun dürfen. Also zum Beispiel die Jagd steht in der Kritik, die Metzgerei steht in der Kritik, die Tierhaltung insgesamt, also auch Zoos, Tiergärten stehen in der Kritik. Aber ist das immer so, dass es dem Tier wirklich schlecht geht? Ohne Zweifel gibt es sehr, sehr viele Punkte, die wir ändern müssen. Und das tun wir gerade in unseren Tiergärten, indem wir sagen, die Tiere sollen die bestmögliche Pflege bekommen. Aber wir müssen auch darauf hinweisen, dass die Natur davon lebt, dass Tiere fressen und gefressen werden. Und der Mensch ist letztendlich auch nur ein Tier.

In Ihrem Buch "Tiere in Menschenhand" heißt es, Zoos seien aus einer Tradition der Käfighaltung kommend eher zu Artenschutzzentren geworden. Vor ein paar Jahren gab es allerdings einen Skandal im Zoo Hannover. Da sind Elefanten dressiert worden, die geschlagen wurden, damit sie Kunststücke machen. Das klingt nicht sehr artgerecht, oder?

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Wiesenthal: Überhaupt nicht. Aber auch das ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Ich würde mich heute hinstellen und würde sagen, der Zoo, der Tiergarten schlechthin, ist immer ein Spiegel seiner Gesellschaft, ein Stück Kulturgut. Die Wildparks sind entstanden aus Jagdgattern. Man hat also die Tiere dort vor sich hergetrieben und totgeschossen und auf der anderen Seite, nicht minder schön oder tierschutzgerecht, ist die Haltung in den Zoos gewesen. Da ging es nur darum, so skurrile Lebewesen wie eine Giraffe, von der nie einer was gehört hatte, zu zeigen. Auch die Elefantenhaltung in der Form war sicherlich auch zeitgemäß. Denn man hat nicht darüber nachgedacht, ob es dem Tier schadet. Das ist eigentlich der spannende Punkt, dass man gesagt hat: Wie furchtbar gehen wir mit den Tieren um? Wir müssen dort etwas ändern. Und dafür brauchten wir in den Tierhaltung oder in den Tiergehegen nicht unbedingt Kritik von außen, sondern das wurde natürlich auch innen diskutiert. Wir haben gesagt: Was ist eigentlich artgerecht? Was ist tierschutzgerecht? Das sind drei wesentliche Unterschiede, die wir bedenken müssen. Und so kommt man dazu, heute zu sagen, diese Art der Elefantendressur war sicherlich nicht oder ist nicht mehr zeitgemäß. Aber das war damals einfach der Kenntnisstand, mit dem man gelebt hat.

Es gibt Tierarten, die in größeren Populationen vor allem in Gefangenschaft vorkommen, weil sie woanders aussterben oder geschossen werden. Was leisten denn Wildgehege für den Artenschutz und den Erhalt von Tierarten?

Wiesenthal: Ich glaube, wir müssen da sehr stark unterscheiden. Die klassischen Wildparks hier bei uns in Deutschland haben unter bestimmten Umständen, bei bestimmten Tierarten sicherlich einen Anspruch an den Artenschutz. Das heißt, wir erhalten Auerhühner, Birkhühner, Fischotter, also Tiere, die relativ selten geworden sind oder selten waren. Viele Tiere haben sich dadurch etablieren können. Wir haben heute in manchen Regionen tatsächlich ein Uhu-Problem. Noch vor Jahren war der Uhu fast ausgestorben, ähnlich der Kolkrabe, ähnlich der Weißstorch. Das heißt da hat sich einiges verändert. Aber bei den Wildparks steht die Bildung im Vordergrund, das ist der primäre Auftrag. Und das möchten wir der Bevölkerung weitergeben. Bildung ist der primäre Auftrag in den Wildparks. Die zoologischen Gärten, die Tiere aus aller Welt dort haben, die viele bedrohte Tiere halten, sind der Meinung, dass sie den Artenschutz in den Vordergrund stellen müssen, um eben auch Elefanten, Nashörner und so weiter zu erhalten. Das ist ein sehr hehres Ziel, aber die Frage darf man, glaube ich, heute stellen: Ist das noch zeitgemäß? Werden wir diese Tierarten in Zeiten eines katastrophalen Klimawandels, einer Entwicklung auf der Welt, die alles durcheinanderwirft, die unsere gesamte Fauna und Flora auf andere Füße stellt, ist es dann noch zeitgemäß, dass wir Tierarten so erhalten können? Im Gehege wird das sicherlich möglich sein, aber wir werden sie wahrscheinlich nie wieder in ihre angestammten Gebiete aussetzen können. Letztendlich auch, weil es viel zu viele Menschen gibt.

Nun würden wahrscheinlich Tierschützer einwenden, im Serengeti-Park zum Beispiel, da werden Tiere gehalten, die gehören hier überhaupt nicht hin. Die sollten in ihre angestammte Wildbahn oder man sollte sie freilassen. Wie sehen Sie das?

Wiesenthal: Also, mit diesem Thema Freilassen, das ist ein ganz schwieriges Kapitel. Viele Menschen glauben alles das, was an Tieren freigelassen wird, das ist das Beste, was man machen kann. Aber auch im Freiland gibt es Reviere, wo bestimmte Tiere leben. Und wenn ich ein Tier dort freilasse, dann wird es gemobbt, weil es dort nicht hingehört, weil das nicht seine Familienverbände sind. Es ist schon sehr schwierig mit der Diskussion um die Haltung von exotischen Tieren. Bei uns hier in Deutschland und in Europa glaube ich ist es ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite gehören wir zu den reichsten Ländern der Welt und haben die Möglichkeit, mit unseren Zoos die Bevölkerung auf globale Dinge aufmerksam zu machen. Viele Zoos haben zum Beispiel den Artenschutz-Euro eingeführt, wovon jedes Jahr viele Tausend Euro in Projekte in Afrika und in Asien gehen. Oder kommunale Zoos, die sich das leisten können, weil sie von den Städten, von den Kommunen finanziert werden, die sogar Biologen ins Ausland schicken, um dort bestimmte Artenschutzprojekte oder in Fortbildung auch für Leute dort vor Ort, in Reservaten oder so zu machen. Das heißt, da wird schon eine Menge geleistet. Die Frage ist, ob Konservation von Tierarten, ob das langfristig der Natur, unserem Klima und der Biodiversität tatsächlich hilft? Auf der anderen Seite kommt ein Waschbär nach Deutschland. Er hat eine Wahnsinnsfitness, dass er sich hier ausbreiten konnte und überlebt, den wollen wir plötzlich ausrotten. Das ist doch eine groteske Situation. Und wenn wir dann nach Afrika reisen und in verschiedenen Regionen schauen, wo die Elefanten aus den Reservaten heraustreten, auch dort ist die Gesellschaft ganz klar dafür: Der Elefant muss getötet werden. Wie verrückt sind wir eigentlich? Wir machen Unterschiede, die so emotional sind und gar nicht auf einer fundierten Basis stehen, wo man Entscheidungen trifft, die eben wirklich schwierig sind. Aber da können wir in den Wildparks sehr viel Aufklärungsarbeit leisten.

Das Interview führte Wieland Gabcke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Kulturspiegel | 05.10.2021 | 19:05 Uhr

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