Drei junge Erwachsenen sitzen um einen Küchentisch und unterhalten sich. © NDR

Struktur und Vorurteil: Zu Besuch in einer Autismus-WG

Stand: 02.04.2021 08:36 Uhr

Menschenscheu und genial? Es gibt viel Unwissen und Vorurteile zu Autisten. Der NDR in Niedersachsen hat zum heutigen Welt-Autismus-Tag eine Wohngemeinschaft in Königslutter besucht.

von Sabine Hausherr

Irgendwann mal eine eigene Wohnung zu haben und einen richtigen Job, davon träumt der 20-jährige Mathis schon länger. Seit einem halben Jahr wohnt er in der WG zusammen mit elf weiteren jungen Erwachsenen, die alle eine Autismus-Spektrum-Störung haben. In der Wohngemeinschaft soll Mathis lernen, einen eigenen Haushalt zu führen sowie soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer. Küche und das Wohnzimmer gehören allen zusammen.

Waschbuch für die richtige Reihenfolge

Konstantin Marwedel leitet die WG und hilft immer dann, wenn es den Bewohnern zu kompliziert wird. Zum Beispiel beim Waschen. Was muss ich wie und bei welcher Temperatur waschen? Und warum muss ich nach Farben trennen? Das sei für viele Bewohner am Anfang schwierig zu verstehen, sagt er. "Den Bewohnern hilft es, die einzelnen Schritte immer wieder zu wiederholen, und sie müssen auch verstehen, warum sie was tun. Dann können sie es irgendwann alleine", sagt Marwedel. Eine Bewohnerin etwa habe sich eigens ein Waschbuch geschrieben, damit sie die Schritte in der richtigen Reihenfolge ausführt und nichts durcheinander bringt. Jeder Bewohner hier habe seine eigene Struktur und die dürfe bestenfalls nicht durcheinanderkommen.

Mathis' Welt hat eine bestimmte Struktur

Auch Mathis bringen schon banale Dinge aus dem Konzept. Zum Beispiel, wenn er einkaufen geht und nicht alle Zutaten in genau der Menge findet, wie er sich aufgeschrieben hat. Oder wenn er den Bus verpasst. "Das macht mich dann manchmal so wütend, aber eigentlich ist das ja eine höhere Macht, wenn ich den Bus verpasse", versucht Mathis zu erklären. "Ich muss Techniken lernen, dass ich mich dann nicht so sehr aufrege. Aber das gelingt mir oft nicht", sagt er zerknirscht.

Viele Vorurteile

Das allgemeine Bild von autistischen Menschen sei in der Öffentlichkeit aber meist falsch, sagt Hausleiter Marwedel. "Entweder denken die Menschen, ein Autist schaukelt einsam in der Ecke oder aber es sind irgendwelche 'Savants', die eine geniale Inselbegabung haben", sagt er. Das sei aber eher die Ausnahme. Was die meisten Autisten vielmehr verbindet, seien ihre Spezial-Interessen. So interessiert sich Mathis sehr für Philosophie und liest viel. Sein Mitbewohner Bjarne kennt dagegen die Flaggen fast aller Länder.

"Bin doch ein bisschen anders"

Menschen mit Autismus gehen einfach mit einer anderen Wahrnehmung durchs Leben, sagt Marwedel. Ganz wichtig sei es dabei, jedem Bewohner die Zeit zu geben, die er brauche, um im Leben klarzukommen. So sei es nicht selten, dass die Bewohner sechs Jahre in der WG wohnen und erst dann ausziehen können. So wie die 29-jährige Sina. Sie wohnt seit September in einer eigenen Wohnung in der Innenstadt, hat einen Job in der Buchhaltung gefunden und sogar seit einiger Zeit auch einen festen Freund. Kontakte zu fremden Menschen aufzubauen und auch Kontakte zu pflegen, das falle ihr aber immer noch schwer, sagt sie. "Daran merke ich, dass ich doch ein bisschen anders bin."

Die autismusspezifische Wohngruppe ist ein Angebot der Neuerkeröder Wohnen und Betreuen GmbH der Evangelischen Stiftung Neuerkerode.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.04.2021 | 19:30 Uhr

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